"Das Referendariat kann auch sehr schön sein"
Rund 50.000 junge Menschen sitzen in Deutschland Jahr für Jahr auch nach abgeschlossenem Studium noch einmal auf der Schulbank. Weitere 12 bis 24 Monate lang müssen sie lernen und werden geprüft. Diese Zeit wird gern auch als 14. Schuljahr bezeichnet. Die Rede ist vom Referendariat - der zweiten Ausbildungsphase von Lehrerinnen und Lehrern.
02.10.2013 Artikel"Das Referendariat ist wirklich eine harte Zeit. Aber es lohnt sich, sie durchzustehen", schreibt der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Hilbert Meyer, denn es handelt sich "um jene Phase im Lehrerwerdungs-Prozess, in der noch einmal kräftig dazugelernt wird."
Doch nicht nur das erneute Lernen und Geprüftwerden zeichnet diese Zeit aus, es gibt auch eine ganze Reihe weiterer Herausforderung und Hürden. "Dazu gehört vor allem die Doppelrolle als Lernende und Lehrende, in die sich viele erst einmal hineindenken müssen", erklärt Frank Nix. Der Realschullehrer ist seit zehn Jahren Seminarausbilder und Fachleiter für die Fächer Mathematik und Technik sowie Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen. In seinem jetzt erschienen Buch "Referendariat kompakt" rät er den Lehramtsanwärtern, was sie berücksichtigen sollten, um im Referendariat "zu überleben".
"Referendare sitzen in mehrfacher Weise zwischen den Stühlen", sagt er. "Sie sind im Seminar Auszubildende und werden dort beraten und betreut, aber auch bewertet. Sie sind an der Schule Lehrkräfte mit voller Verantwortung für ihren eigenen Unterricht, aber andererseits von den Ausbildungslehrkräften und Ausbildungsbeauftragten abhängig. Auch von ihnen werden sie beraten, und bewertet."
Das "Zwischen-den-Stühlen-Sitzen" hat auch Sebastian Klasen erlebt. Der junge Realschullehrer war während seines Referendariats Seminarsprecher.
"Es besteht die Gefahr, dass die Referendare zwischen Schulalltag und Seminar aufgerieben werden. Solche Probleme wurden immer wieder an mich herangetragen. Da mussten dann zum Beispiel Referendare gegenüber der Schule Termine für Unterrichtsbesuche rechtfertigen, oder eine pädagogische Woche, während der sie dann ausgeplant werden mussten. Als Berufseinsteiger fühlt man sich dann schon ziemlich unsicher." Gleichzeitig empfand Sebastian Klasen dieses duale Lernen und Lehren – also zwischen Seminar und Schule – als sehr vorteilhaft. "Das Seminar liefert immer wieder Input, den man schnell in die Praxis umsetzt. Dazu kommt der Austausch mit Gleichgesinnten, sonst sieht man sich in der Schule nur "alten Hasen" gegenüber, bei denen alles funktioniert."
Das Modell der Trennung zwischen der ersten Ausbildung, also dem Studium und der folgenden zweiten, schulpraktischen Ausbildung im Referendariat hat in Deutschland Tradition. Zunächst galt es nur für Gymnasiallehrer, seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts müssen alle Lehrer ein Referendariat ablegen. In Hospitationen werden eigene - meist akribisch vorbereitete - Unterrichtsstunden vorgeführt. In Vor- und Nachbereitungen legen die Studienseminare die theoretische Grundlage für den Schulalltag und für den eigenständigen Unterricht, der dann nach wenigen Monaten bereits Realität ist. Krönender Abschluss ist dann das zweite Staatsexamen.
Und der Weg dorthin ist durchaus auch mit unerwarteten Herausforderungen gepflastert. "Es war für mich anfangs wirklich schwierig, schriftliche Unterrichtsentwürfe zu formulieren", erinnert sich Jennifer Mössinger, die seit dem 1. Februar als junge Lehrerin an einer Realschule unterrichtet. "Beim ersten Entwurf bin ich fast verzweifelt und das ging vielen so. Was mir gefehlt hat, war ein Fahrplan, wie man Entwürfe schreibt, ein Handbuch mit Beispielen etwa." Sie ist froh, dass sie noch zum letzten Jahrgang in Nordrhein-Westfalen gehörte, der 24 Monate lang Zeit hatte, um sich auf das zweite Staatsexamen vorzubereiten. Denn wie viele andere Bundesländer hat auch NRW die Ausbildungszeit der Referendare auf 18 Monate gekürzt. Spitzenreiter ist übrigens Sachsen. Hier dauert der Vorbereitungsdienst nur 12 Monate.
Angehenden Referendaren rät Jennifer Mössinger unbedingt, sich von Anfang an gut zu organisieren, die Unterrichtsbesuche weit im Voraus zu planen und mit den Vorbereitungen frühzeitig zu beginnen. "Wenn man darauf wartet, dass sich irgendwann in der Klasse ein Unterrichtsbesuch anbietet, dann wird´s problematisch." Sie selbst hatte großes Glück mit ihrer Schule. "Ich habe es richtig gut getroffen, wurde herzlich im Kollegium aufgenommen und unterstützt. Ich war nicht – so wie manch andere Referendare – das fünfte Rad am Wagen. Ich hatte wirklich jeden Tag Lust, zur Schule zu fahren."
Auch Sebastian Klasen weiß nur Gutes über seine Ausbildungsschule zu berichten. "Ich habe bei meinen Kollegen immer ein offenes Ohr gefunden, vor allem auch bei jüngeren Kollegen, die mir gern mit Rat und Rat zur Seite standen."
"Aus meiner Erfahrung findet man an allen Ausbildungsschulen sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die alles dafür tun, dass das Referendariat erfolgreich verläuft", bestätigt auch Frank Nix. "Sie zeigen Einsatz und sind unseren Referendaren eine große Hilfe - dafür bin ich sehr dankbar."
Die Seminare in Nordrhein-Westfalen bieten ihren Schützlingen darüber hinaus eine sogenannte personenorientierte Beratung an. Dazu wurden die Ausbilder speziell geschult. "Eine individuelle Beratung bietet gute Chancen gerade an den Stellen, wo die Ausbildung vielleicht nicht ganz rund läuft", weiß Frank Nix. "Viele große und kleine Anlaufschwierigkeiten lassen sich hier bereits beseitigen. Gerade beim Thema "Unterrichtsstörungen" kann ein Coachinggespräch sehr effektiv sein, weil es die individuellen Möglichkeiten und Ressourcen aufgreift und somit das Machbare in den Fokus nimmt."
Sebastian Klasen erinnert sich positiv an die kollegiale Fallberatung im Seminar. "Hier konnten wir sagen: Ich habe ein Problem, könnt ihr mir helfen? Alle konnten das nachvollziehen und einige hatten Ratschläge oder Ansätze, auf die man selbst nicht gekommen ist. Man darf sich also dort durchaus die Blöße geben und eingestehen, dass etwas mal nicht funktioniert hat, das bringt einen weiter." Ein weiterer Tipp: Referendare sollten es nicht persönlich nehmen, wenn sie zum Beispiel zu einer Lerngruppe keinen rechten Draht finden. "Besser ist es, Abstand zu entwickeln und es nicht als persönliche Abstrafung anzusehen. Sicherlich muss man sich eingestehen, dass man einiges nicht gut gemacht hat, aber deswegen ist man nicht komplett gescheitert. Auch hier kann das Seminar eine aufbauende Funktion haben."
Das Referendariat als zweiter Teil der Lehrerausbildung ist also eine gleichermaßen harte wie lehrreiche Zeit? "Das Referendariat ist anstrengend, aber es kann auch sehr schön sein. Generationen von Lehramtsanwärtern beweisen, dass es zu meistern ist", sagt Frank Nix. "Und für mich als Seminarausbilder ist es immer wieder positiv zu sehen, was in den Leuten steckt, wie ein Mensch, der anfangs noch ganz unsicher vor einer Klasse steht, auf einmal ein toller Lehrer ist, der Schüler begeistern kann."
Lektüre-Tipp: Referendariat kompakt für die Sekundarstufe I/II, ISBN 978-3-589-16256-7, Cornelsen Scriptor, 16,95 Euro
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