Interview

Den Kontakt zu sich behalten

Zu den Patienten von Dr. Volker Reinken zählen viele Lehrkräfte. Ihre Diagnose: Burn-out. Im didacta-Interview gibt er Tipps, wie sich Lehrkräfte davor schützen können. Von Silvia Schumacher.

11.10.2019 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Was genau passiert im Körper und mit der Psyche bei einer Burn-out-Erkrankung?
Dr. Volker Reinken: Es handelt sich um ein Selbstentfremdungssyndrom. Man verliert das Gefühl zu sich selbst, fühlt sich zunehmend erschöpft. Diese Erschöpfung betrifft den Menschen auf allen Ebenen. Sie äußert sich in Schlafstörungen, Spannungskopfschmerz, Freudlosigkeit, Antriebsmangel bis hin zu Entwicklungen von Folgeerkrankungen wie Ängsten oder Depressionen.

Sie behandeln in Ihrer Klinik viele Lehrkräfte, die sich ausgebrannt fühlen. Über welche Probleme aus dem Schulalltag berichten diese?
Sie berichten vor allem über Probleme mit den Vorgesetzten, zum Beispiel, dass sich die Lehrkraft sehr angestrengt hat, flexibel beim Stundenplan war, aber dafür nicht die Wertschätzung erhält, die sie sich erhofft hat. An zweiter Stelle stehen Lehrer-Schüler-Konflikte, an dritter Stelle Beschwerden von Eltern. Oftmals kommen die Lehrer mit der Belastung an sich zurecht. Wenn sie sich aber bei Konflikten von der Schulleitung im Stich gelassen fühlen, dann kippt es.

Dr. Volker Reinken, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist ärztlicher Direktor sowie Chefarzt der Vincera Klinik Bad Waldsee. Er behandelt unter anderem
Lehrkräfte, die an Burn-out erkrankt sind.

Konflikte mit den Vorgesetzten gibt es auch in anderen Berufen, dennoch leiden Lehrkräfte – wie etwa das Gutachten des Aktionsrats Bildung 2014 zeigte – häufiger als andere Berufsgruppen unter Burn-out. Woran liegt das?
Zu den größten Risikofaktoren von Burnout zählt mangelnde Distanzierungsfähigkeit, also nicht abschalten zu können. Lehrersein ist ein Beziehungsberuf, man muss oft mit Konflikten umgehen und trägt Verantwortung für Menschen. Wenn da etwas schief läuft, führt das eher dazu, dass man nicht mehr abschalten kann. Ein weiteres Risikokriterium ist die mangelnde Fähigkeit, soziale Unterstützung einzuholen. Lehrer sind sehr oft Einzelkämpfer.

Man sollte also auch mal Kollegen um Hilfe bitten?
Zum Beispiel. Lehrkräfte besprechen nur selten Situationen aus dem Klassenzimmer mit Kollegen. Je weniger es einem gelingt, sich zu öffnen und auf der eigenen Hierarchieebene zu vernetzen, desto höher ist das Risiko für Burn-out. Wenn die Person dann noch dazu neigt, schnell aufzugeben, zu sagen, das nützt doch nichts, sinkt die Lebenszufriedenheit. Und zusammen mit den oben genannten Faktoren führt das zu einem erhöhten Burn-out-Risiko.

Spielt auch eine Rolle, dass Lehrkräfte quasi nie Feierabend haben und auch von zu Hause arbeiten?
Ja. Denn auch das kann mangelnde Distanzierungsfähigkeit begünstigen. Home Office an sich schützt eher vor Burn-out, da man bessere Selbststeuerungsmöglichkeiten hat. Wenn es aber dazu führt, dass man das Gefühl hat, nie Feierabend zu haben, dann eben nicht mehr.

Haben Sie einen Tipp, um genau das zu vermeiden?
Die Arbeitsmaterialien nur an einem Platz sammeln, sich zu Hause einen Arbeitsbereich einrichten und nicht auch im Wohnzimmer oder abends im Bett noch schnell etwas für den Unterricht vorbereiten. Das ist Gift für die Distanzierungsfähigkeit.

Was sind erste Alarmsignale für Burnout?
Kreativitätsmangel kann ein Alarmsignal sein – wenn man froh ist, die Sachen irgendwie gewuppt zu bekommen und keinen Antrieb mehr hat, Neues zu erarbeiten. Ein weiteres Warnzeichen ist sozialer Rückzug: wenn mir alles Mögliche von der Schule durch den Kopf geht und eine Freudlosigkeit entsteht, auch bei Dingen, die früher Spaß gemacht haben. Man fühlt sich einfach zu platt, um Freunde zu treffen oder Sport zu treiben.

Anzeichen, die man auch von „normalen“ Stressphasen kennt …
Ja, aber der Unterschied ist, dass Stress kommt und geht. Wenn er bleibt, ist es nicht normal. Unser Körper und unsere Psyche sind darauf ausgelegt, stressige Situationen zu bewältigen. Hormone, erhöhter Blutdruck und Puls führen zu einer erhöhten Wachsamkeit. Man kann auch mal eine Nacht durcharbeiten, aber danach braucht es eine Erholungsphase. Im Schulalltag helfen kleine Achtsamkeitsübungen, die keine Zeit kosten und zwischendurch eingebunden werden können.

Zum Beispiel?
Wenn man den Klassenraum wechselt oder eine kurze Pause hat, kann man dies nutzen, um bewusst durchzuatmen und mit der Atmung den Körper wahrzunehmen. Wir sprechen dabei von Bodyscan. Das Achtsamkeitskonzept basiert nicht darauf, schnell Änderung herbeizuführen, sondern sich selbst wahrzunehmen.

Und das hilft tatsächlich, Burn-out vorzubeugen?
Ja. Es geht darum, den Modus zu wechseln: weg von „alles im Blick haben“, hin zu „sich selbst im Blick haben“. So halte ich den Kontakt zu mir selbst.

Gibt es Schularten oder Fächer, bei denen die Lehrkräfte besonders gefährdet sind, an Burn-out zu erkranken?
Viele meiner Patienten unterrichten an Haupt- beziehungsweise Mittelschulen. Dort gibt es mehr Konfliktpotenzial. Aber letzten Endes kann man das nicht pauschalisieren, auch an diesen Schulen kommen Lehrkräfte gut zurecht. Burn-out ist ein persönliches Thema, das Umfeld schafft lediglich den Boden dafür, dass es wachsen kann.

Was sollte man tun, wenn man beobachtet, dass eine Kollegin oder ein Kollege mit dem Schulalltag überfordert ist?
Hier gilt das Motto: Ratschläge sind Schläge. Empathische Begleitung ist wichtig, dasein und zur Verfügung stehen, um auch inhaltliche Themen zu besprechen. Man sollte seine Besorgnis zum Ausdruck bringen und das Thema wachhalten, sodass derjenige selbst zur Einsicht kommt und sagt: Du hast recht, ich sollte etwas ändern.

Was ist dann der erste Schritt?
Erste Anlaufstelle können die Schulberatungsstellen oder Lehrergewerkschaften sein. Sie bieten kollegiale Beratung, Supervision, Coachings und Fortbildungen. Hat der Betroffene aber den Eindruck, dass es schon Richtung Krankheit geht, sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Er prüft, ob organische Ursachen dahinterstecken – findet er nichts, führt der Weg zum niedergelassenen Psychotherapeuten. Wenn dieser eine Auszeit für notwendig hält, folgt für gewöhnlich eine stationäre Aufnahme für sechs Wochen in einer Klinik.

Wie hoch stehen die Chancen, dass die Lehrkraft danach wieder arbeiten kann?
Die stehen gut. Die Therapie dreht sich viel um Konfliktmanagement. In Rollenspielen trainieren wir das eigene Verhalten, aber auch, sich in andere einzufühlen. Das führt etwa dazu, dass man den Vorgesetzten besser versteht und seine Anliegen klarer formulieren kann. Im letzten Schritt wird die Wiedereingliederung in die Schule vorbereitet, sodass die Lehrkraft mit ihren „Knackpunkten“ gut umgehen kann.

Was können Schulleiterinnen und Schulleiter tun, um ihr Team zu schützen?
Zum einen können sie etwas für sich selbst tun: Auch sie müssen darauf achten, dass sie den Kontakt zu sich behalten. Dann können sie auch verständnisvoller mit ihrem Team umgehen und es entsteht weniger Beziehungsstress. Sie sollten außerdem die Prozesse an ihrer Schule so gestalten, dass sie salutogenetisch kompatibel, also gesundheitsfördernd sind.

Das heißt konkret?
Es gibt drei Säulen, die Menschen helfen, auch in schwierigen Situationen gesund zu bleiben: Vorhersehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit von Ereignissen. Als Schulleiter muss ich also Zeit investieren, um den Lehrkräften bestimmte Veränderungen zu erklären und plausibel machen zu können. So hole ich die Lehrer mit ins Boot und pflege eine gute Beziehung zu ihnen. Und das hilft dabei, Burn-out vorzubeugen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2019, S. 70-72, www.didacta-magazin.de


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