Der Raum als Erzieher

Das Foyer, gestaltet nach irgendeiner grotesken Mode der Vergangenheit oder gar beängstigend wegen seiner Dunkelheit; endlos lange Flure, gefüllt von zahllosen Kindern und infernalischem Lärm; Klassenzimmer in Altbauten oder Baracken, oft zu heiß oder zu kalt, manche schäbig und heruntergekommen; stinkende Umkleiden in den Turnhallen und ekelerregende Aborte. So ähnlich werden sich viele Kinder später an ihre Schule erinnern.

27.04.2006 Artikel
  • © Ralph Wildner


Firmen drücken die Wertschätzung ihrer Mitarbeiter unter anderem in der Gestaltung der Arbeitsplätze aus, selbst Ämter und Behörden begrünen ihre Wartebereiche. Warum also ist der größte Teil der Schulgebäude in so schlechtem Zustand?

Ein angehender Lehrer vermutet in der Hauptsache drei Gründe:

  • Selbst kleine Veränderungen scheitern oft an der unklaren Zuständigkeit: Klassenlehrer? Hausmeister? Schulleitung? Schulamt? Rathaus?
  • Eigene Schulbildung, Ausbildung und die Größe der Klassen lassen den Unterricht auf harten, engen Bankreihen als den (bedauerten) Normalfall erscheinen.
  • Und überhaupt: Wie sollten Schulräume denn sonst aussehen? Hier fehlen Erfahrungen in durchdacht gestalteten Schulen (vgl. Literaturliste).

Vom Klassensaal zur Lernumgebung

Woran muss sich eine Umgestaltung der Lernräume orientieren?

1) Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler

Wie sieht eine ansprechende und anregende Lernumgebung aus? Was sind die Grundbedürfnisse („Grundfunktionen“) der Schüler? Welche Raumgestaltung erlaubt größtmögliche Selbsttätigkeit der Schüler?

Die Schulen brauchen einen hellen aber blendfreien, ausreichend großen, angemessen temperierten Arbeitsplatz, der sowohl Partner- und Gruppenarbeiten als auch störungsfreie Einzelarbeit ermöglicht. Ein mobiles, ihrer Körpergröße angemessenes Mobiliar; eine Raumakustik, die auch Gruppengespräche erlaubt, ohne dass alles im Lärm versinkt; einen Raum, der so gestaltet ist, dass sie gern hineingehen. Was voraussetzt, dass sie überhaupt hineinpassen, sie alle mit ihren Jacken, Taschen, Turnbeuteln, Atlanten, Mappen und Lexika; Platz und Zeit, um ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben (hier sind auch Flure und Pausenhof, Stundenplangestaltung und Pausenlänge einzubeziehen).

Zugegeben, deutliche Verbesserungen werden auf den derzeit üblichen zwei Quadratmetern pro Schüler (zum Vergleich: in schwedischen Ganztagsschulen: 4,5 qm) nicht leicht sein. Die negative Atmosphäre, die eine heruntergekommene und defekte Einrichtung ausstrahlt, überträgt sich leicht auf Schüler und Unterricht. Die Unterhaltung der Räume muss nicht in allen Details „von oben“ kontrolliert werden: Schüler, die ihren Raum selbst mit gestalten können (und sei es nur durch mitgebrachte Bilder oder Grünpflanzen), fühlen sich wohler.

2) Grundfunktionen des Raums für einen zeitgemäßen Unterricht:

  • Licht für alle Fälle: Licht, das nicht ermüdet und nicht blendet. Vorhänge oder Rollos zum Abschatten oder Verdunkeln, dazu mindestens ein Spot als „Bühnenscheinwerfer“. Die Wände farblich abgetönt, allerdings nicht unbedingt in deprimierendem Blaugrau, aber auch nicht in Knallrot.
  • Variable Möblierung: Raum für Bewegung und selbstständige Arbeit, einzeln und in Gruppen. Da Aufbewahrungsmöglichkeiten zum Vorhalten von Arbeitsmaterialien meist fehlen, werden die Sschüler zu Schwerlastnomaden, sofern der Unterricht nicht gleich auf „umständliche Materialien“ wie Lexika und Wörterbücher verzichtet.
  • Lärmumgebung: Die Raumakustik sollte Wortbeiträge nicht stören, Lärm aber schlucken. Kahle Wände und Linoleumböden verstärken dagegen die unnötigen Geräusche, erschweren konzentriertes Zuhören. Eine weitere Lärmquelle ist recht leicht zu dämpfen: Ein Unterricht mit wechselnden Sozialformen erfordert häufig, dass die Tische umgestellt werden. Die Folge ist, dass zu Beginn und am Ende der Schulstunde ein infernalisches Getöse den eigenen und die angrenzenden Räume erfüllt. Das Experiment im Seminar-Plenum beweist: Geeignete Tischfüße (auf Linoleum kleine Filzknöpfe, beziehungsweise glattes Plastik auf Teppich) reduzieren den Lärm erheblich, und dies zu fast nicht messbaren Kosten.
    Zum Arbeiten mit Audio-Aufnahmen empfehlen sich fest aufgehängte Lautsprecher: Die Tonqualität ist bedeutend besser als die eines auf den Tisch gestellten „Ghettoblasters“. Ein fest installierter Verstärker reduziert die Traglast des Lehrers auf einen Walkman oder MP3-Player.
  • Visualisierung: Sehen statt glauben. Das Credo der Moderne sollte im Medienzeitalter dem Stand der Technik angemessen umgesetzt werden. Doch die Kreidezeit ist noch lange nicht vorbei an den Schulen. Visuelles Leitmedium ist immer noch die Wandtafel. Auf Platz zwei folgt der Overhead-Projektor: Er muss nur eingesteckt und in Position gerückt werden, die Folien sind leicht herzustellen und weiter zu bearbeiten, seine Projektion ist recht lichtstark, so dass sie auch an der hellsten Stelle des Klassenzimmers noch zu erkennen ist – die Projektionsflächen befinden sich seltsamerweise fast immer dort. Video-Beamer, meist lichtschwächer, bringen ohne Totalverdunkelung kaum noch brauchbare Ergebnisse.
    Außerdem haben sie eine Reihe anderer Nachteile: Die „Zugangsschwelle“ ist recht hoch, weil das Ensemble aus Laptop und Beamer erst reserviert, dann zum Einsatzort geschleppt, aufgebaut und in Betrieb genommen werden muss. Man überlegt sich dreimal, ob der informationelle Mehrwert den Aufwand an Planung, Kraft und Zeit rechtfertigt. Und bis zur flächendeckenden Versorgung aller Unterrichtsräume mit fest installierten Beamern und sinnvollen Projektionsflächen wird wohl noch etwas Zeit vergehen.

(Die Fotos sind in einer Schule mitten in Deutschland aufgenommen worden. Sie hätten an beliebig vielen anderen Schulen aufgenommen werden können.)

Weiterführende Informationen:

Hammerer, Franz / Clara Renner: Ein pädagogisches Konzept durch architektonische Gestaltung unterstützen: „Freude am Lernen in sicherer Umgebung“ - die finnische Grundschule „Karonen koulu“.
www.gbl.tuwien.ac.at/.../050912_schulbau_text_fuer_web.pdf (gefunden 04'2006)

Becker, G. (1997): Pädagogik in Beton. 10 kommentierte Thesen und 3 Prinzipien zum Schulbau.
In: Becker, H./Bilstein, E./Liebau, J. (Hrsg.): Räume bilden. Studien zur pädagogischen Topologie und Topografie. Seelze-Velber: Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, S. 209-218.

Hentig von, H. (1997): Die Gebäude der Bielefelder Laborschule. In: Becker/Bilstein/Liebau, a.a.O., S. 139-160.

Kahl, R. (2004): Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen. Weinheim: Beltz.

Meyer, H. (2004): Was ist guter Unterricht? Frankfurt a. Main: Cornelsen Scriptor.

Rittelmeyer, Ch. (2004): Zur Rhetorik von Schulbauten. Über die schülergerechte Gestaltung des architektonischen Ausdrucks. In: Die Deutsche Schule, 96. Jg., H. 2, S. 201-208

Links:

(Ein Beitrag von Ralph Wildner)


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