Mundart

Dialekt in der Schule?

(nis) Ob "Grüß Gott!", "Moin!" oder "Guude!" – neben der Hochsprache wartet die deutsche Sprache mit einer Vielzahl an regionalen Dialekten auf. Früher war die Mundart an Schulen verpönt, galt gar als Zeichen mangelnder Intelligenz. Heute ist die Wissenschaft weiter: Sie geht davon aus, dass Dialekte für Kinder einen großen sprachbildenden Wert haben.

23.04.2014 Artikel

"Griaß Gott und Servus" – so wird man auf der Website der Oberpfälzer Realschule Vohenstrauß im Dialekt-Eckerl freundlich via Audio-Datei begrüßt. Im Dialekt-Eckerl kann sich der geneigte Leser über die "Nordbairische Grammaturgie" informieren, Übersetzungen von bekannten Gedichten in die verschiedenen Dialekte Bayerns nachschlagen und Rätsel zu Redewendungen und Sprichwörtern lösen. Darüber hinaus erklären die mundartlich fitten Schülerinnen und Schüler auch, "zwengs wos mia unsan Dialekt so miing" (für Nicht-Oberpfälzer: "Warum wir unseren Dialekt so mögen").

Dialekt stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl

Seit 2008 gibt es das Dialekt-Eckerl an der bayerischen Schule in Vohenstrauß. Das Projekt, an dem Schüler wie Lehrer teilnehmen, erfreut sich großer Beliebtheit und soll vor allen Dingen die Heimatverbundenheit stärken. "Wir möchten unsere Jugendlichen für Mundart sensibel machen und sie darin bestärken, den Dialekt selbstbewusst als Teil ihrer Identität anzuerkennen", führt die Deutschlehrerin Doris Thammer aus, die das Dialekt-Eckerl zusammen mit ihrem Kollegen Kilian Graber ins Leben gerufen hat und betreut: "Mit Dialekt kann man Emotionen nuancierter zum Ausdruck bringen. Die Zwischentöne haben mehr Farbe, Kritik klingt weniger harsch. Zudem wird das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt, man verwurzelt viel tiefer in der Heimat."

Dies kann Dr. Ulrich Kanz vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München (ISB) nur unterstreichen. Der Oberstudienrat ist als Germanist neben der Erstellung von Lehrplänen zuständig für fächer­übergreifende Bildungs- und Erziehungsziele und zudem, durch eine einschlägige Promotion ausgewiesen, Experte für Dialektologie. Aus zweierlei Gründen befürwortet Kanz die Mundart als Unterrichtsgegenstand und Unterrichtssprache an Schulen: "Zunächst einmal gibt die bayerische Verfassung im Artikel 131 der Schule den Auftrag, nicht nur Herz und Charakter zu bilden, sondern auch die Schülerinnen und Schüler in der Liebe zur bayerischen Heimat zu erziehen. Dialekt hat hier also eine identitätsstiftende Wirkung. Darüber hinaus weiß man heute, dass durch das Beherrschen mehrerer Sprachvarietäten auch die sprachliche Kompetenz zunimmt. Wenn ich also nicht nur die Standardsprache beherrsche, sondern auch Dialekt, kann ich in meiner Muttersprache verschiedene Register situationsangemessen bedienen."

Dialekt ist für viele Kinder die Erstsprache

Demnach hat die Ausbildung der so genannten inneren Mehrsprachigkeit, also der äquivalenten Kenntnis von Dialekt und Hochsprache, für die Sprachentwicklung bei Kindern sogar einen immensen Vorteil. Bestimmte seit den 70er Jahren noch die Sprachbarrieren-Diskussion die öffentliche Meinung, in der die Abkehr vom Dialekt postuliert wurde, so sind sich die Wissenschaftler heute im Folgenden darüber einig: Wer einen Dialekt sprechen kann, hat später in der Schule auch weniger Probleme, eine Fremdsprache zu erlernen. Zudem fördere die sprachliche Variationskompetenz das abstrakte Denken.

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) Klaus Wenzel konstatiert dazu: "Wir sollten nicht vergessen, dass der Dialekt für viele Kinder die Erstsprache ist. Natürlich ist es die Aufgabe der Schule, Kinder zur Bildungssprache hinzuführen – das sollte aber nicht auf Kosten der Erstsprache gehen." Dialekt und Standardsprache seien keine Gegensätze. Es komme vielmehr darauf an, dass die Schüler zwischen den verschiedenen Varianten und Stilebenen unterscheiden und sich angemessen in der jeweiligen Situation äußern können.

Wenzel spricht sich deshalb ausdrücklich dafür aus, Schulen mehr Möglichkeiten zu geben, die Mundart zu pflegen oder zu entdecken: "Ideal sind Theateraufführungen in Mundart oder Projektunterricht, in dem beispielsweise der Herkunft einzelner Wörter, ihren Veränderungen, Weiterentwicklungen und lokalen Ausprägungen nachgegangen werden kann."

Dialekt in der Schule ist ein wichtiger Bestandteil der Lehrpläne

Bereits seit einigen Jahren bietet deshalb das ISB eine Handreichung für den Unterricht mit dem Titel "Dialekte in Bayern" an. "Entscheidend ist, dass sich mittlerweile das Bewusstsein entwickelt hat, dass Dialekte gewachsene Sprachen sind, die eine eigenständige Grammatik und eine in sich stimmige Wortbildung besitzen, und eben keine defizitären Sprachsysteme", bemerkt Dr. Ulrich Kanz. "Diese Tatsache wird bei der Lehrplan-Arbeit berücksichtigt". Die Lehrpläne sind nun mal verbindliche Vorgaben und müssen von den Lehrkräften dementsprechend umgesetzt werden. Diese Verbindlichkeit setzt sich auch bei den Schulbüchern fort. Lehrwerke werden nur genehmigt, wenn das Thema Dialekt in den entsprechenden Jahrgangsstufen angemessen thematisiert wird.

Allerdings ist es sehr schwer, die Mundart in Schulbüchern aufzunehmen da sie als geschriebene Sprache – nicht nur für Kinder – häufig schwer zu lesen ist. Michael Schlienz, Programmbereichsleiter Deutsch für Grundschulen beim Ernst Klett Verlag, sagt hierzu: "Hinzu kommt, dass es ja nicht nur eine Mundart gibt, sondern allein in Bayern eine Vielzahl von Dialekten mit zahllosen Unterdialekten. Wenn wir beispielsweise ein Gedicht oder Lied in fränkischer Mundart abdrucken, können es Schüler in Oberbayern nicht oder nur schlecht lesen, ganz davon abgesehen, dass in Oberbayern nicht die fränkische Mund­- art Gegenstand des Unterrichts sein soll, sondern natür­lich der oberbayerische Dialekt. Um allen Dialekten gerecht zu werden, müsste eine Vielzahl von Mundarttexten in Schulbücher aufgenommen werden. Deshalb geben wir Lehrerinnen und Lehrern vor allem Unterrichtsanregungen für den mündlichen Umgang mit Dialekten."

Im aktuellen LehrplanPLUS für die Grundschulen in Bayern im Fachprofil Deutsch heißt es: "Der Vergleich der Standardsprache mit Dialekten und mit anderen Sprachen und Schriftsystemen fördert Sprachbewusstheit. So erweitern Schülerinnen und Schüler zunehmend ihre eigenen sprachlichen Verständnis- und Ausdrucksmöglichkeiten, nicht nur was den Wortschatz, sondern auch, was sprachliche Strukturen betrifft, vor allem auch mit Blick auf Bildungs- und Fachsprache."

Somit sei es Auftrag der Schulen, neben der Vermittlung von geschichtlichem und traditionellem Hintergrund in Bezug auf Dialekte auch aufklärend zu wirken, so Kanz. Denn obgleich die Sprachbarrieren-Diskussion in der Fachwelt der Vergangenheit angehört, gebe es nach wie vor nicht wenige, die der Überzeugung sind, dass Dialekt schlecht sei, und wer Dialekt spreche, sei dumm. Die Vohenstraußer Lehrerin Doris Thammer, die übrigens selbst Dialektsprecherin ist, kann darüber nur müde lächeln: "Standarddeutsch sprechende Menschen sind nicht per se kompetenter als Dialektsprecher, obwohl das häufig so vermittelt beziehungsweise wahrgenommen wird. Dabei kommt es doch vor allem darauf an, WAS man sagt. Denn Schmarrn bleibt Schmarrn, auch wenn er standarddeutsch ausgesprochen wird."

Kompakt

Der Dialekt erlebt eine Renaissance. Sprachforscher gehen davon aus, dass Kinder, die Dialekt sprechen, auch leichter eine Fremdsprache erlernen. Forscher der Universität Oldenburg fanden bei der Untersuchung von rund 20.000 Schulaufsätzen zudem heraus, dass Dialektsprecher 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler machen.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 63 (03/2014)


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