Einzelkinder stellen Lehrer vor Herausforderungen

(sz) Immer weniger Kinder, die geboren werden, haben Geschwister. Und immer mehr werden auch keine bekommen. Der Trend zum Einzelkind verändert das Klima in den Schulklassen. Lehrer müssen sich etwas einfallen lassen, um die kleinen „Prinzen“ und „Prinzessinnen“ zu fesseln. Doch sie nehmen die Herausforderung an und stellen fest, dass es zwar anstrengend ist, aber auch Spaß macht, mit den kleinen Individualisten zu arbeiten.

12.06.2006 Artikel
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Nur in rund 35 Prozent aller deutschen Haushalte wachsen überhaupt Kinder auf und in mehr als der Hälfte davon gibt es nur ein Kind. Während Ende des 19. Jahrhunderts eine deutsche Durchschnittsfamilie fünf Kinder hatte, waren es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nur noch drei, und seit fünf Jahren hat sich die Kinderzahl bei heute gerade 1,35 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter eingependelt. „Familien mit nur einem Kind sind innerhalb weniger Jahrzehnte vom Sonderfall zur Regel geworden“, stellt der Diplompsychologe Prof. Dr. Dr. Hartmut Kasten vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg fest. Dennoch haben Einzelkinder nach seiner Beobachtung ein schlechtes Image: Sie gelten als egoistisch mit neurotischen Tendenzen, schlecht angepasst, auch als altklug, verwöhnt, erwachsenenorientiert und einsam. Vor allem, wenn sie – was ihnen häufiger geschieht als Kindern mit Geschwistern – bei nur einem Elternteil, in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, in Adoptiv- und Pflegefamilien, im Heim oder im Internat aufwachsen, werden ihnen schlechtere Lern- und Lebensprognosen gestellt. Oft zu Unrecht, wie Kasten meint.

Schüchterne Erstklässler gibt es nicht mehr

Mehr Einzelkinder als zuvor in den Klassen stellen an die Pädagogen Herausforderungen, bestätigt Marianne Graßmann aus Immensen bei Hannover. Sie hat 37 Jahre lang in einer ländlichen Grundschule unterrichtet, davon zwölf Jahre als Schulleiterin. „Die Generation der Kinder heute ist eine ganz andere als vor zwanzig und auch noch vor zehn Jahren“, meint sie. „Schüchterne kleine Mädchen und verdruckste kleine Jungen, die man aus der Reserve locken muss, gibt es nicht mehr. Dafür Kinder, die sehr bestimmt einen Unterricht einfordern, der ihren Ansprüchen gerecht wird.“ Die ausgeprägte Individualität schon bei den Erstklässlern mache das Unterrichten nicht leichter: „Das Schwierige ist, den so unterschiedlichen Kindern gerecht zu werden. Früher waren die Klassen homogener, die Kinder – und auch die Eltern – haben nicht so viel hinterfragt.“ Als sie in den sechziger Jahren ins Berufsleben trat, waren Pädagogen noch nicht gezwungen, sich über die individuellen Ansprüche der Kinder so viele Gedanken zu machen. Es zählte der Lehrstoff. „Überspitzt gesagt: Es war unerheblich, ob es einzelne Schüler interessierte. Was im Lehrplan stand, wurde eben gemacht.“

Phantasie und Kreativität im Unterricht gefragt

Die Schüler von heute sind selbstbewusster, fordernder, interessierter – und auch anstrengender. „Das gilt aber nicht nur für Einzelkinder“, betont die Lehrerin. „Auch in Familien mit nur zwei Geschwistern sind die Kinder heute gewohnt, dass zu Hause ziemlich unmittelbar auf ihre Wünsche eingegangen wird.“ In der Schule müssten sie dann lernen, dass sie immer wieder hinter 20 Mitschülern zurückstehen müssen. „Viele Kinder sind heute aber emotional nicht mehr so stabil, sie sind schneller frustriert, fordern Beachtung und können sich nicht so leicht zurücknehmen.“ Wenn Unlust und Aufmüpfigkeit nicht überhand nehmen sollen, müsse der Unterricht anders organisiert werden: Phantasie und Kreativität statt Unterricht nach Schema F.

„Darauf werden angehende Lehrer aber noch zu schlecht vorbereitet“, meint Prof. Dr. Manfred Bönsch vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hannover. „Vor allem bei der Ausbildung künftiger Gymnasial- und Berufsschullehrer wird zu sehr nach fachlichen und zu wenig nach sozialen, psychologischen und pädagogischen Gesichtspunkten geurteilt.“ So dauere bezeichnenderweise die Pädagogikprüfung der angehenden Grund- und Realschullehrer 45 Minuten, die der Gymnasial- und Berufsschullehrer nur 30 Minuten. „Aber Gymnasiallehrer brauchen heute genau so viel Kenntnis in Pädagogik und Psychologie“, fordert der Schulpädagoge. Am schwersten sei die Aufgabe der Grundschulpädagogen. Sie müssten aus 18 Individuen eine Gemeinschaft machen. „Da ist soziales erst einmal wichtiger als fachliches Lernen“, erklärt er. „Die Kinder müssen sich daran gewöhnen, zu warten, Regeln zu beachten und zu sehen, das auch noch andere da sind und man auch einmal zurückstehen muss.“ In den Grundschulen sei glücklicherweise bereits ein hoher Standard an pädagogischen und sozialen Verhaltensweisen gegeben, der sich jedoch in der Sekundarstufe I verflüchtige.

Gefahr „sozialer Unterernährung“ bei Einzelkindern

In der zunehmenden Zahl von Einzelkindern sieht auch Bönsch eine große pädagogische Herausforderung: „Einzelkinder lassen sich zwar nicht über einen Kamm scheren, aber bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie ‚sozial unterernährt’ sind.“ Sie werden leichter als Geschwisterkinder überbehütet und lernen früh, dass sich alles um sie dreht. Wer früher in einer Familie mit vier Kindern lebte, war Einordnung und Teilen gewohnt. „Bei meinen eigenen Enkelkindern habe ich erlebt, dass sie es ihrer Physiklehrerin sehr wohl sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben und es noch einmal anders erklärt haben wollen“, berichtet der vierfache Großvater, der seit Anfang der 70er Jahre Lehrer ausbildet.

Auch Marion Görlitz-Jung aus Hannover kann als Mutter und Lehrerin auf eine ähnlich lange Zeit Schulerfahrung zurückblicken. Über mangelnden Respekt den Lehrern gegenüber – nach Ansicht mancher Beobachter eine Folge der antiautoritären Erziehung – mag sie sich aber nicht beklagen. Die Kinder seien einfach selbstbewusster geworden. „Auffällig im Vergleich zu früher ist jedoch: Wenn ich in die Klasse komme und ,Guten Morgen’ sage, habe ich damit noch lange nicht die Aufmerksamkeit von allen Schülern. Manche haben dann noch anderes zu tun und brauchen eine Extra-Aufforderung, und das auch nach der ersten Klasse“, hat sie beim Unterrichten an ihrer Grundschule beobachtet. „Aber ich würde nicht behaupten, dass Einzelkinder häufiger ein problematisches Verhalten zeigen als andere. Wir behandeln Kinder heute einfach anders: Es werden hohe Anforderungen an sie gestellt, und die Kinder werden nicht so in Ruhe gelassen wie wir früher.“ Es seien vor allem auch die Eltern, die sich verändert hätten, und die Einstellung gegenüber Kindern insgesamt: „Eltern können es schwer aushalten, wenn ihre Kinder sich langweilen, herumhängen und unglücklich sind. Sie glauben, ihnen immer etwas bieten zu müssen.“ Auch deshalb seien Kinder – nicht nur Einzelkinder – heute nicht so gut in der Lage, einmal abzuwarten, wie es den anderen geht und einzusehen, dass sie nicht immer als erste dran sein können. Die Unterschiede hat sie sogar in der eigenen Familie beobachtet: „Meine Tochter, die jetzt in die zehnte Klasse geht, hat eine ganz andere Anspruchshaltung als die anderen damals.“

Erstveröffentlichung im Klett Themendienst


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