„Es braucht ein Meta-Fach Informatik“
Bildungsexpertin Waltraud Hermann spricht im Interview über die Ergebnisse der aktuellen ICILS-Studie zur Digitalkompetenz und Lösungsansätze, um den digitalen Wandel in Deutschland erfolgreich zu meistern. Ihr Buch „Wir können alles – auch die Zukunft“ erscheint am 8. Dezember 2024 im Mentoren-Media-Verlag.
15.11.2024 Bundesweit Pressemeldung Waltraud HermannFrau Hermann, warum sind digitale Bildung und Digitalkompetenz so wichtig in diesen Zeiten?
Hermann: Weil das Digitale alles durchdringt – den Alltag, die Familien, die Betriebe, die öffentlichen Verwaltungen, den Straßenverkehr. Egal wo wir sind, durchdringt das Digitale unsere Welt. Deshalb ist Digitalkompetenz neben dem Lesen, Rechnen und Schreiben auch eine neue, vierte Kulturtechnik, die wir lernen müssen.
Die aktuelle ICILS-Studie zeigt einen Rückgang der digitalen Kompetenzen deutscher Schüler von 523 Punkten (2013) auf 502 Punkte (2023). Gleichzeitig gibt es deutlich mehr technische Ausstattung in den Schulen. Wie erklären Sie sich diese scheinbar widersprüchliche Entwicklung?
Für mich ist es kein Widerspruch, denn die digitale Ausstattung an einer Schule sagt noch nichts darüber aus, wie diese genutzt wird. Es gibt Situationen, in denen Schulen Tablets im Schrank haben, aber sie nicht nutzen, weil der Umgang damit nicht gelernt wurde. Dem ganzen Thema wird zu wenig Raum gewidmet: Wir sprechen in Deutschland von eins bis maximal sechs Wochenstunden Informatik und digitalen Inhalten – kumuliert über die ganze Schulzeit! In anderen Ländern sind es oft 20 bis 30 Stunden.
In Ihrem Buch sprechen Sie tieferliegende Strukturen und Denkweisen an, die zu der komplexen Beziehung Deutschlands zur Digitalisierung führen. Welche sind das?
Zum einen haben wir bereits die dritte Generation, die das Digitale nicht wirklich gelernt hat. Deshalb zählt für mich die breite Masse noch zu den digitalen Analphabeten, einfach weil sie das Alphabet im Digitalen noch nie richtig gelernt haben. Zum anderen wirken die Lehrpläne wie aus dem letzten Jahrhundert – und es gibt einen Elefanten im Raum: Ich kenne kaum ein Land weltweit, das so viel Fremdsprachenunterricht anbietet, aber so wenig Zeit für MINT-Fächer einräumt. Wäre es nicht wichtiger, die Sprache der digitalen Welt zu lernen als eine weitere Fremdsprache?
Ihr Buch hat den Untertitel: „So gelingt uns die digitale Aufholjagd“. Welche Ideen und Lösungsansätze haben Sie entwickelt, damit der digitale Wandel gelingen kann?
Mir ist in meinen zwölf Jahren im Elternbeirat und auch bei meiner Arbeit als Lehrerin in Rumänien aufgefallen, dass wir in Deutschland eine Ressource noch fast gar nicht nutzen: das Wissen der Schüler:innen. Ein Kapitel von meinem Buch heißt: „Lasst die Schüler lehren!“ Das kann man beliebig umsetzen, besonders vor dem Hintergrund, dass die Lehrkräfte in Deutschland zu viele Unterrichtsstunden und damit zu wenig Zeit für Vorbereitung und Weiterbildung beim digitalen Lernen haben. Dazu passt auch eine weitere Erkenntnis aus meinem Buch: Für die Erziehung eines Kindes braucht es das ganze Dorf. Es gibt viele außerschulische Initiativen, Vereine, Unternehmen, es gibt Eltern, Großeltern, Geschwister, die alle in der Schule aktiv werden könnten. Die Schulen und Lehrkräfte sind am Limit, also sollte man dieses Unterstützungspotenzial nutzen.
Nur etwa 10 Prozent der deutschen Schulen nutzen adaptive Lernsysteme, während der internationale Durchschnitt bei 23,5 Prozent liegt. Welches Potenzial sehen Sie in solchen Systemen?
Solche Systeme haben sicherlich Potenzial. Aber wie soll ich adaptive Lernsysteme nutzen, wenn ich gar nicht damit umgehen kann, weil ich das nie gelernt habe? Das heißt, wir kommen nicht drumherum, an digitaltechnologische Kompetenzen zu denken. Künstliche Intelligenz erlebt gerade einen Hype, aber KI ist ja ein Teil von Informatik. Wenn die Grundlagen und das Verständnis fehlen, dann kann auch KI nicht viel bewegen.
Die ICILS-Studie offenbart auch eine starke Koppelung der digitalen Kompetenzen an soziale und herkunftsspezifische Faktoren. Welche Maßnahmen könnten Ihrer Meinung nach helfen, diese „digitale Spaltung“ zu überwinden?
Dass diese Spaltung existiert, bedeutet für mich im Umkehrschluss: All die außerschulischen Aktivitäten und Lernerfahrungen, die Kinder aus besseren sozialen Verhältnissen haben, gehören eigentlich in die Schule! Dann gäbe es diesen Unterschied nicht.
Während die Nutzung digitaler Medien durch Lehrkräfte stark gestiegen ist, wird gleichzeitig Entwicklungsbedarf bei deren Aus- und Fortbildung festgestellt. Welche Kompetenzen fehlen den Lehrkräften?
Wir haben überhaupt keine Datenlage, die etwas darüber aussagt, welche Fortbildungen die Lehrkräfte schon besucht haben und welche sie brauchen. Dazu gibt es gar nichts. Die Nutzung der Medien durch die Lehrkräfte ist gestiegen, weil sie einfach nicht drumherum kommen und verdonnert sind, das zu tun. Aber wenn es nicht gelernt wird, nutzen sie die Möglichkeiten nur rudimentär und brauchen mehr Zeit als nötig.
Nur 1,1 Prozent der deutschen Schüler:innen erreichen die höchste Kompetenzstufe im Bereich der computer- und informationsbezogenen Fähigkeiten. Wie könnte man mehr Schüler:innen zur digitalen Exzellenz führen?
Ganz klar: Wenn wir digitaltechnologische Inhalte in den Lehrplan integrieren. Es braucht ein Meta-Fach Informatik, in dem man einerseits über Programmiersprachen, Algorithmen, Datensicherheit, Cybersecurity etc. lernt – und zusätzlich werden Inhalte dieses Fachs in allen anderen Fächern integriert. Wenn wir das täten, hätten wir sicher weit mehr als 1,1 Prozent, die die höchste Kompetenzstufe erreichen.
Was ist Ihr Appell an die Bildungspolitik, damit die Digitalisierung in der deutschen Bildungslandschaft doch noch zum Erfolgsmodell wird?
Über 40 Prozent der Achtklässler sind digital abgehängt. Mein grundsätzlicher Appell ist: Bildung muss in der Schule und auch gesamtgesellschaftlich strukturell neu gedacht werden. Ganz konkret fordere ich, dass Informatik sofort in den Lehrplan muss. Ich habe da einige Vorschläge, wie man das angehen kann mit dem ganzen „Dorf“, das wir zur Verfügung haben. Gleichzeitig braucht es aber auch einen Aufbau der digitaltechnologischen Kompetenzen. Unsere Besonderheit in Deutschland ist die außerschulische MINT-Bildung, die sowohl für die Breitenförderung als auch die Begabtenförderung wichtig ist. Der gesamte MINT-Bereich bekommt in Deutschland aber zu wenig Ressourcen und Raum.
Informationen zum Buch:
Waltraud Hermann
„Wir können alles – auch die Zukunft! So gelingt uns die digitale Aufholjagd“
Die Welt steckt mitten in einem digitalen Umbruch, doch Deutschland hinkt hinterher. In ihrem Buch „Wir können alles – auch die Zukunft!“ entschlüsselt Waltraud Hermann die komplexe Beziehung Deutschlands zur Digitalisierung und entwickelt auch klare Lösungsansätze und visionäre Ideen, um diese Herausforderungen zu überwinden.
Das Buch erscheint im Mentoren-Media-Verlag (Infos hier)
Veröffentlichung: 08.12.2024
Ca. 310 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-98641-178-7
Ansprechpartner
Waltraud HermannE-Mail: info@waltraud-hermann.com
Web: https://waltraud-hermann.com/
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