Arbeitsplatz Schule

"Es gibt keinen menschlich anspruchsvolleren Beruf"

(red) "Es ist ein herausfordernder aber auch ein sehr, sehr schöner Beruf." "Der Beruf ist enorm abwechslungsreich. Keine Stunde, keine Klasse gleicht der anderen." "Es ist einfach toll zu beobachten, wie stolz Kinder sind, wenn sie die ersten Worte lesen."

13.05.2014 Artikel

Die meisten Lehrer können sich für ihren Beruf begeistern. Laut einer Allensbach Umfrage von 2012 üben 71 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer ihren Beruf gern aus. Und das, obwohl die Anforderungen in den letzten Jahren erheblich gestiegen sind.

PISA hat den Blick verändert

Rund 700 000 Lehrer unterrichten in Deutschlands Schulen. Toller Halbstagsjob mit viel Ferien und einem gesicherten Beamtenstatus – auch wenn dieses Bild vom Lehrerdasein noch immer zu den gut gepflegten Vorurteilen gehört, "es hat sich etwas geändert", weiß Udo Beckmann. Wobei sich einige hartnäckige Vorurteile weiterhin halten, meint er. Etwa über das sorglose Beamtendasein. "Ich antworte dann immer: Wie soll die Schulpflicht sichergestellt werden, wenn beliebig gestreikt werden kann?" Insgesamt beobachtet der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung aber, dass die öffentliche Wertschätzung für die Arbeit der Lehrer seit PISA 2000 angestiegen ist. Die heftige Diskussion über die Leistungen deutscher Schüler und Schulen hat offensichtlich auch den Blick für das geöffnet, was Lehrer in ihrem Beruf leisten.

Und die Liste ist lang. Ein Auszug: Unterrichten, Leistungen erfassen, Zeugnisse und Empfehlungen schreiben, Schüler und Eltern beraten, individuell fördern, Kontakte zu außerschulischen Partnern pflegen – vom Sportverein bis zum Jugendamt, sich weiterbilden – etwa in Sachen Digitalisierung oder Inklusion, Projekte organisieren und an der Profilbildung der eigenen Schule mitarbeiten. Es geht, sagt Ilka Hoffmann, nicht mehr um "mich und meine Klasse", sondern um "wir als Team für unsere Schülerinnen und Schüler." Die Leiterin des Organisationsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat 15 Jahre lang an Grund- und weiterführenden Schulen unterrichtet.

Tatsächlich ist der Lehreralltag weit entfernt von einem gemütlichen Halbtagsjob, denn er besteht nicht nur aus fünf oder sechs Unterrichtsstunden á 45 Minuten. Aber wie viele Stunden arbeiten Lehrer tatsächlich? Das wollte die nordrhein-westfälische Landesregierung vor etlichen Jahren wissen und beauftragte die Unternehmensberatung Mummert und Partner. Und die belegte dann 1999 den hohen Einsatz vieler Lehrer mit nackten Zahlen - lange vor PISA, Vera und Co., vor der "digitalen" Revolution im Klassenzimmer, vor Bildungsplänen, Kompetenzorientierung oder Inklusion. Die Arbeitszeiten von 6.500 Pädagogen waren Grundlage der Untersuchung. Die durchschnittlichen Jahresarbeitszeiten lagen je nach Schulform zwischen 1.750 und 1.980 Stunden. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Arbeitszeit im Öffentlichen Dienst betrug 1.702 Stunden.

Der Arbeitsalltag

"Der Arbeitstag beginnt in der Regel ½ Stunde vor Unterrichtsbeginn und bis zum Unterrichtsschluss gibt es keine Pause, berichtet Ilka Hoffmann." Die Pause steht zwar auf dem Stundenplan, aber dann sind oft schon Zettel auf dem Platz im Lehrerzimmer: Nachrichten von Eltern oder Behörden, die auf einen Rückruf warten. Das erledigt man dann in der Pause. Oder man hat ohnehin Pausenaufsicht. In anderen Ländern sind Erzieher oder Tutoren – also ältere Schüler - dafür zuständig. Bei uns können nur Lehrer die Aufsichtspflicht wahrnehmen."

"Eine Pause im Schulalltag sieht meist so aus, dass man für Kinder, die etwas vergessen haben, noch etwas kopiert, oder das Jugendamt bittet um Rückruf, ein Fachlehrer kommt, weil irgendetwas vorgefallen ist oder die Schulleitung hat ein Anliegen. Dinge, die man nicht bei Teambesprechungen oder Konferenzen planen kann", so Matthias Kürten, der seit sieben Jahren dennoch mit Begeisterung als Grundschullehrer an einer Brennpunktschule arbeitet.

Anspruchsvoll und familienkompatibel

"Eine Pause, weggehen, abschalten und die freie Zeit genießen - das gehört nicht zum Schulalltag", sagt auch Antonietta P. Zeoli. Sie ist stellvertretende Schulleiterin an einem Düsseldorfer Gymnasium. Ihre Erfahrung: "Man kann sich nicht ausklinken, die Tür zumachen und sich von der Außenwelt abschotten." Aber, so sagt sie "ich glaube, es gibt keinen menschlich anspruchsvolleren Beruf als diesen, der außerdem Zeit für Familie einräumt. Diese Familienkompatibilität ist durch die flexiblen Arbeitszeiten durchaus gegeben. Ich weiß, ich kann von 16 bis 20 Uhr Pause machen. Danach sitze ich wieder am Schreibtisch."" Das bedeute jedoch nicht, dass Lehrerinnen mehr Freizeit hätten. "In den Sommerferien habe ich - wie viele andere Arbeitnehmer - drei Wochen Urlaub. Ich muss Unterrichtsinhalte aufarbeiten und Unterricht vorbereiten, für die Zeit, wenn der Unterricht im 45 Minuten Takt läuft."

Zwischen Autonomie und Verunsicherung

Autonomie ist für Heinz Peter Meidinger ein wichtiges Stichwort, wenn er von seiner Arbeit als Lehrer spricht. "Es gibt kaum einen Beruf, in dem eine so hohe Autonomie möglich ist", sagt der Vorsitzende des Philologenverbands. "Ich kann beispielsweise als Deutschlehrer die Lektüre auswählen, die ich durchnehmen will. Oder ich kann eine Stunde aus aktuellem Anlass umwerfen." "Gestaltungsspielräume sind da, man muss sie sich nehmen", sagt auch Udo Beckmann. Zum Beispiel bei der Entwicklung des Schulprogramms und der Ausgestaltung des Schulprofils.

Auch bei der Notengebung haben Lehrer Entscheidungsspielräume, gepaart mit einer großen Verantwortung: "Die Notengebung ist zu Beginn des Lehrerdaseins schwer", weiß Antonietta P. Zeoli. "Viele meiner jungen Kolleginnen und Kollegen sagen: Ich liebe meinen Beruf, aber es wird dann schwierig, wenn ich tatsächlich urteilen muss. Denn die Urteile – zumindest an den Gymnasien- sind weitreichend, sie haben etwas mit dem Zugang zur Universität, mit der Chance auf ein Stipendium zu tun. Der Druck auf die Kinder ist groß und dieser Druck wird auf die Kollegen übertragen. Dazu kommen die Durchschnittszahlen und die damit einhergehenden Fragen: Warum hat die Klasse dieses Kollegen eine bessere Durchschnittszahl in der Klausur als ich? Bin ich der schlechtere Lehrer? Habe ich schlechtere Schüler? Mache ich schlechten Unterricht? Dieser Zwang zur permanenten Selbsthinterfragung existiert in vielen anderen Berufen nicht."

Auch Susanne Peters spricht von einer Verunsicherung, die viele Lehrer umtreibt. "Weil man immer denkt: Vielleicht hätte ich dieses Kind noch besser fördern können. Wobei es viele Einflüsse gibt, häusliche und psychische Faktoren, auf die man als Lehrkraft nur bedingt Einfluss hat. Und deswegen liegt dem pädagogischen Handeln immer auch eine Unsicherheit zugrunde." Die kann jedoch aufgefangen werden, weiß die stellvertretende Vorsitzende des Grundschulverbands, die an Grund- und Gesamtschulen unterrichtet hat: "Indem man sich Feedback von den Schülern selbst einholt: Wie hat ihnen der Unterricht gefallen, fühlen sie sich gut unterstützt, haben sie das Gefühl, etwas gelernt zu haben? Genauso von den Eltern. Und das wird noch viel zu wenig genutzt. Doch man kommt nicht darum herum, wenn man Partizipation ernst nimmt und nicht selbst definiert, was Kinder lernen sollen, sondern wenn man es in die Hand der Lernenden gibt zu entscheiden: Was ist für mich wichtig, wie möchte ich weiterkommen als Kind und Jugendlicher? Dann können sich Lehrer eher als Unterstützer dieser Lernprozesse verstehen."

Eine weitere Herausforderung sind die allgegenwärtigen Widersprüchlichkeiten, weiß Ilka Hoffmann. "Wir haben einerseits VERA Vergleicharbeiten, die an jahrgangsbezogenen Lernständen ansetzen und gleichzeitig soll Inklusion umgesetzt und individuell gefördert werden. Das passt nicht zusammen. Einerseits sollen alle Kinder am Ende des 3. Schuljahres das Gleiche können, andererseits sollen sie aber ausdifferenziert individuell gefördert werden. Da wünsche ich, dass Politik sich entscheidet: Will sie eine Schule, die mit heterogenen Gruppen umgehen kann, eine Schule, die kompetent ist, Inklusion umzusetzen, oder will sie, dass abstrakte Standards von allen Kindern erfüllt werden?"

Kein Arbeitsplatz am Arbeitsplatz

Der Arbeitsplatz der Lehrer ist die Schule - aber einen Platz zum ungestörten Arbeiten haben sie dort in der Regel nicht. "Mich stört, dass wir keine Lehrerarbeitsplätze haben und keine Besprechungsräume", sagt Matthias Kürten. "Den PC, mit dem ich in der Schule arbeite, könnte man in kein Büro mehr stellen. Und er wird hier von 12 Kolleginnen und Kollegen genutzt. Mit einem vernünftigen Arbeitsplatz in der Schule wüsste man auch irgendwann: Jetzt ist Feierabend und ich gehe nach Hause. Tatsächlich aber ist es so, dass man doch zu Hause am Schreibtisch sitzt – egal zu welcher Uhrzeit. Daher kommen wohl auch die meisten Vorurteile, wenn andere sehen, dass Lehrer mittags nach Hause gehen, aber wie lange sie dann abends arbeiten, das wird nicht wahrgenommen."

Auch künftig sind also weitere Anstrengungen nötig, um das Lehrerbild mit der Wirklichkeit des Lehreralltags in Deckung zu bringen. Denn schließlich, so Udo Beckmann, ist es ein Beruf, der "die große Chance birgt, schlummernde Talente zu fördern und ein Stück dazu beizutragen, dass Kinder eine gute Lebensperspektive haben." "Man muss ein Persönlichkeitsprofil haben, das einen davor bewahrt, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Lehrer brauchen eine gute Portion Humor und Selbstkritik", sagt Heinz Peter Meidinger.

Weiterführende Informationen

Das leisten Lehrerinnen und Lehrer
Wir machen Bildung
Allensbacher Berufsprestige-Skala 2013


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