Gegen den "Praxisschock": Wie Lehrkräfte mehr Sicherheit beim Unterrichten erlangen können

Den Unterricht erleben viele Neueinsteiger in den Lehrerberuf als Sprung ins kalte Wasser. Ein Gespür für die vielfältigen Situationen im Klassenzimmer entwickelt jede Lehrerin und jeder Lehrer erst nach und nach. Im Band Unterricht planen, durchführen, reflektieren aus der neuen Reihe Grundwissen Lehrerbildung (Cornelsen) haben Experten nun Handlungsempfehlungen für typische Probleme zusammengestellt. Einige Fragen an Ewald Kiel, Professor für Schulpädagogik und Mitglied des hochkarätigen Autorenteams.

21.11.2014 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH
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Herr Professor Kiel, in der Reihe "Grundwissen Lehrerbildung" fällt der Begriff der "strukturellen Unsicherheit" beim Unterrichten. Eine Lehrkraft kann demnach nie genau wissen, wie die Stunde ablaufen wird. Wie kann die Lehrerin oder der Lehrer damit umgehen?

Ewald Kiel: Wenn eine Lehrkraft in der Klasse in Kontakt mit 20, 25 oder gar 35 Schülern ist, kann sie nicht in die Köpfe der Schüler schauen, sie weiß nicht, was die Schülerinnen und Schüler denken und fühlen. Mit anderen Worten, die Lehrkraft macht ein Angebot und es gibt keine Garantie, wie dieses Angebot genutzt wird. Trotz dieser Unsicherheit hat die moderne Unterrichtsforschung gezeigt, dass die Qualität von Unterricht steigt, wenn man Unterricht plant, gemäß der Planung durchführt oder begründet von der Planung abweicht und sich am Ende reflektierend fragt, welche Aspekte zu Erfolg oder Misserfolg beigetragen haben. Alle drei Phasen sind wichtig, um Unterricht aktiv weiter zu entwickeln zu können. Auch das begründete Abweichen von der Planung, etwa weil ein Schüler eine Idee hat, die von der Lehrkraft nicht bedacht wurde, ja, die vielleicht sogar besser ist als die eigene Konzeption, macht Planung nicht obsolet.

"Vom Wissen zum Können", so lautet eine Überschrift Ihres Buches. Dabei geht es um die Verbindung der Theorie mit dem konkreten Unterrichten. Wie unterstützt der Ihr Band aus der Reihe "Grundwissen Lehrerbildung" bei diesem Schritt?

Ewald Kiel: Lehrerbildung leidet national wie international darunter, dass Studierende sich beklagen, sie erhielten zu viel theoretisches Wissen, welches sich in der Praxis nicht umsetzen lasse. Darüber hinaus beklagen sich die Ausbilderinnen und Ausbilder darüber, dass Studierende vorhandenes Wissen bei Problemen nicht nutzen, man spricht von "trägem Wissen." Die Autorengruppe versucht, dieser Situation in zweierlei Hinsicht entgegen zu wirken. Einerseits geht jedes Kapitel von konkreten authentischen Praxisproblemen aus. Andererseits beginnt jedes Kapitel damit, dass die Leserinnen und Leser ihr Vorwissen aktivieren sollen, um später zu überprüfen, welchen Wissensfortschritt sie gemacht haben. Beides soll dazu dienen, Interesse zu wecken und aus trägem Wissen aktives Wissen zu machen.

Welchen Rat würden Sie angehenden Lehrkräften auf den Weg geben, die mehr professionelle Sicherheit beim Unterrichten bekommen möchten?

Ewald Kiel: Ich würde an den Lehrkräften drei Ratschläge geben: 1. Nicht erwarten, dass es so etwas gibt wie Unterrichtsrezepte, die eins zu eins durch unterschiedliche Personen umgesetzt werden können. Unterricht ist komplex und muss immer wieder als Angebot an die Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen angepasst werden. 2. Sich als Lehrkraft begreifen, die aktiv ihren Unterricht und ihre Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern erforscht und hierdurch Anpassungsprozesse möglich macht. 3. Theorien über Lehren und Lernen und Erziehen aktiv zur Problemlösung nutzen und sich nicht nur auf das verlassen, was andere, zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen oder auch Ausbilderinnen und Ausbilder über Unterrichten sagen.


Prof. Dr. Ewald Kiel ist Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik an der Ludwig-Maximilians- Universität München und Leiter der Abteilung für Schul- und Unterrichtsforschung. Er war mehrere Jahre Deutsch- und Geschichtslehrer für das Lehramt an Gymnasien.

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
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