Niedersachsen

Gymnasiallehrer haben fast eine 50-Stunden-Woche

Im Gymnasium Tellkampfschule in Hannover wurde am Mittwoch, dem 24.09.2014 eine [Pilotstudie zur Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern](http://bildungsklick.de/datei-archiv/md/297/tellkampfschule_zeiterfassung_zentrale_ergebnisse_final_2.pdf) vorgestellt. Das Kollegium der Tellkampfschule hatte die Studie bei den Sozialwissenschaftlern Dr. Frank Mußmann und Dr. Martin Riethmüller von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften an der Universität Göttingen in Auftrag gegeben. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen (GEW) hatte die Studie finanziert.

24.09.2014 Pressemeldung GEW Niedersachsen

Vorstellung der Ergebnisse an der Tellkampfschule in Hannover

Nach Begrüßung durch die Schulleiterin Studiendirektorin Katharina Badenhop stellten die Wissenschaftler am heutigen Nachmittag dem Kollegium der Tellkampfschule die Ergebnisse vor. Die Schule sei daran interessiert, dass über die Arbeitszeit der Lehrkräfte nicht weiterhin gemutmaßt würde, sondern dass diese nun auf wissenschaftlicher Grundlage nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht beurteilt werden könnte, sagte die Schulleiterin in ihrer Begrüßung.

"Die Ergebnisse sind eindeutig", so Laura Pooth, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Niedersachsen. "Das entscheidende Maß für die Arbeitszeit der Lehrkräfte ist, wie viele Stunden sie in der Woche unterrichten müssen. Die Unterrichtsverpflichtung generiert die Arbeitsbelastung. Und diese ist eindeutig zu hoch." Wochengesamtarbeitszeiten von 45 oder 50 Stunden seien nicht hinnehmbar.

Durchführung der Pilotstudie – minutengenaue Erhebung per Smartphone

Vom 24. März bis zum 30. Juli 2014 trugen 60 Prozent des Kollegiums (39 Lehrkräfte) ihre Arbeitszeiten in Vollerhebung minutengenau auf Smartphones oder Computern ein und ordneten diese 21 Kategorien unterschiedlicher Tätigkeiten zu. Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Nimmt man an, dass in den Ferien und an Feiertagen nicht gearbeitet wird, hätten die Vollzeit-Lehrkräfte 47:06 Zeitstunden pro Schulwoche arbeiten müssen (Normwoche analog zu den Verwaltungsbeamten). Tatsächlich betrug die Arbeit am Gymnasium Tellkampfschule umgerechnet auf Vollzeitlehreräquivalente inkl. aller Arbeiten an Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien 49:44 Stunden. Die empirisch ermittelte wöchentliche Mehrarbeit im Erhebungszeitraum betrug also 2:38 Stunden! Die Arbeit wurde nicht nur von Montag bis Freitag und an den Wochenenden geleistet, sondern zu 6,41 % in den Ferien und an Feiertagen. Teilweise lag für viele der teilnehmenden Lehrkräfte die Arbeitszeit auch über der Durchschnittsgröße, z.B. in den Korrekturphasen.

Vor- und Nachbereitung des Unterrichts und sonstige Tätigkeiten werden unterschätzt

Wichtig ist, nicht nur den Unterricht selbst, sondern auch die vor- und nachbereitenden sowie sonstigen Arbeiten zu betrachten. Will man zu einer groben Abschätzung der durch die Erhöhung um eine Regelstunde ausgelösten Mehrarbeit gelangen, bieten sich zwei verschiedene Rechenwege an: Bezieht man sich nur auf die unterrichtsnahen Tätigkeiten eines "Durchschnittslehrers" (Lehrarbeit, Pädagogische Kommunikation und Schulfahrten), bedeutet die Erhöhung um eine Regelstunde in der Summe ca. 2¼ Zeitstunden zusätzliche Arbeit. Bezieht man alle Tätigkeiten eines "Durchschnittslehrers" mit ein (also auch Verwaltungstätigkeiten, Konferenzen, die Selbstorganisation der Schule etc.), kann die Erhöhung in der Summe sogar auf bis zu drei Zeitstunden zusätzliche Arbeit hinaus laufen. Unter der Voraussetzung, dass alle sonstigen Parameter gleich blieben, würde die Mehrarbeit wohl innerhalb dieses Zeitkorridors liegen.

Arbeit am Limit oder über dem Limit

Dr. Mußmann und Dr. Riethmüller bewerten ihre Befunde vorsichtig, aber substantiell: "Durchschnittliche Wochenarbeitszeiten auf Dauer von 45 oder gar 50 Stunden stellen unter arbeitswissenschaftlichen Gesichtspunkten bemerkenswerte (Dauer-)Belastungen dar. Die Analyse aller vorkommenden Arbeitsmuster und die Standardisierung auf Vollzeitbedingungen diagnostiziert in mehreren Fällen absolute oder relative Arbeitszeiten oberhalb der 50-Stundenwoche. Die realen Arbeitszeiten sind empirisch über den ganzen Tag von 6 Uhr morgens und in Einzelfällen bis nach Mitternacht verteilt. Insbesondere bei Kombination der Merkmale sind ebenfalls bemerkenswerte (Fehl-)Belastungen nicht auszuschließen."

Laura Pooth: Das entscheidende Maß für die Arbeitsbelastung ist die Unterrichtsverpflichtung

"Die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die dazu notwendige Verwaltungsarbeit, Koordination, Absprache und nicht zuletzt die persönliche Weiterentwicklung in fachwissenschaftlicher, didaktischer und methodischer Hinsicht sind maßgeblich für die Qualität des Unterrichts. Unterschätzt wird auch die notwendige Zeit für die pädagogische Kooperation und die Beziehungsarbeit. Daran können wir Lehrerinnen und Lehrer keine Abstriche machen. Der Arbeitgeber muss unsere Arbeit qualitativ neu bewerten. Wer juristisch argumentiert, der Staat lege ja nur die Unterrichtsverpflichtung fest, wie viel Zeit und Energie die Lehrkräfte für die Vor- und Nachbereitung verwenden, sei ihr Privatproblem, damit habe der Verordnungsgeber nichts zu tun, der ignoriert die Notwendigkeit guter Arbeit in den Schulen, der missachtet unser Professionalitätsverständnis. Durch die von der Landesregierung beschlossene Arbeitszeiterhöhung wird sich die Belastung noch deutlich verschärfen", so Laura Pooth.

Ausweitung der empirischen Basis notwendig – Untersuchungen an Schulen aller Schulformen

Die Wissenschaftler betonen, dass sich ihre Pilotstudie nur auf die untersuchte Tellkampfschule beziehe. Es sei wünschenswert, die empirische Basis durch umfassendere Studien an Schulen unterschiedlicher Schulformen zu verbreitern. Laura Pooth ergänzte: "Wenn sich mehr Schulen beteiligen, sammeln wir gute Argumente, die wir im Normenkontrollverfahren vortragen können. Der Gestaltungsspielraum der Arbeitgeber, die Arbeitszeit der Lehrkräfte durch Verordnung festzusetzen, ist längst überreizt. Außerdem stärken wir das Selbstbewusstsein der Lehrkräfte, ihre Ansprüche an gute Arbeit öffentlich und gegenüber dem Arbeitgeber zu vertreten. Schließlich wollen wir unsere Arbeitszeit per Vertrag regeln und nicht per Verordnung." Die stellvertretende Landesvorsitzende verwies auf den Aktionsplan der GEW, insbesondere auf die Aktion "Warming up" in der Woche vor den Herbstferien: "Da sollen Kollegien zeigen, wie sie sich für kommende Auseinandersetzungen fit halten." Ob dazu auch der Beamtenstreik gehöre, werde der Landesvorstand am 6. Oktober beschließen.

Ansprechpartner

GEW Niedersachsen

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden