Islamunterricht in Deutschland: Erste Didaktik für die Grundschule erschienen
Islamischer Religionsunterricht nimmt an deutschen Schulen Form an. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen stehen vor der Einführung eines ordentlichen Unterrichtsfaches, in vielen anderen Bundesländern laufen Modellversuche. Damit einher geht die Einrichtung von Zentren der Lehrerausbildung. Eine eigenständige und etablierte Didaktik für den Islamunterricht in Deutschland, an der sich Lehrkräfte orientieren können, fehlt jedoch bisher. Dieser Aufgabe nimmt sich der von Gül Solgun-Kaps herausgegebene Band Islam. Didaktik für die Grundschule an, der unter Mitarbeit vieler renommierter Autoren soeben bei Cornelsen erschienen ist. Einige Fragen an die Herausgeberin.
22.08.2014 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbHDer von Ihnen herausgegebene Band verschafft einen Überblick über die Situation islamischen Religionsunterrichts und seiner Didaktik und gibt viele Anregungen. Mit welcher Zielsetzung sind Sie an die Arbeit gegangen?
Gül Solgun-Kaps: Der Islamunterricht in Deutschland steckt noch in den Kinderschuhen. Viele Universitäten in verschiedenen Bundesländern arbeiten an einer "Islamdidaktik" – der Weg ist geebnet. Die Zukunft des Islamunterrichts hängt allerdings von einer Religionspädagogik ab, welche zukunftsorientiert ist und der Kindheit hier entspricht. Den eigenen Glauben in der Diaspora zu leben und zu lehren ist eine enorme Herausforderung. Auch die Unterrichtssprache fordert viele Lehrkräfte heraus. Das Buch Islam. Didaktik für die Grundschule soll allen Studierenden des Faches Islamunterricht und allen bereits unterrichtenden Lehrkräften Mut machen und neue Wege aufzeigen. Die Beispiele können in vielerlei Hinsicht weitergeplant und umgesetzt werden. Ziel des Buches ist, dass der Islamunterricht ein "moderner" islamischer Religionsunterricht wird und nicht nur reine Wissensvermittlung bietet, sondern kompetenzorientiert und erlebnisreich dargestellt wird.
Welche sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen eines modernen islamischen Religionsunterrichts?
Gül Solgun-Kaps: Nach wie vor stehen wir Lehrkräfte vor vielen Verboten. Das Verbot etwa, Bilder oder Zeichnungen von Propheten zu verwenden oder als Hefteintrag aufzumalen, erschwert die Islamdidaktik. Es gibt auch noch zu wenig theologische Texte, die für Grundschulkinder geeignet sind. Lehrkräfte müssen einen Weg gehen, auf dem sie ganz schnell an ihre Grenzen stoßen und zwischen den Stühlen stehen: Die Eltern einerseits, die Verbände und Gemeinden andererseits. Die einzelnen Gruppierungen innerhalb des Islam und ihre Anschauungen müssen detailliert analysiert und in den Unterricht eingebaut werden. Lehrkräfte benötigen hier von Seiten der Universitäten und der Islamtheologen Unterstützung.
Welchen Tipp haben Sie für die Leserinnen und Leser Ihres Buches, die Lektüre und die Arbeit mit Ihrem Buch betreffend?
Gül Solgun-Kaps: Nachdem im Buch die gesamte Geschichte des Islamunterrichts von zahlreichen Fachmännern und -frauen beschrieben wird, werden die Leser/innen schnell feststellen, dass sie hier mehr als eine reine "Islamdidaktik" benötigen. Ich kann alle Interessierten ermuntern, an einem modernen Islamunterricht mitzuarbeiten, die Beispiele umzusetzen und weiterzuentwickeln. Ich möchte die Lehrkräfte ermutigen, eine Islamdidaktik mitzudiktieren, damit alle muslimischen Schüler/innen ihren Glauben auch hier in Deutschland kennen lernen und ausleben können und dies friedlich unter einem Dach mit vielen Andersgläubigen.
Und noch eine letzte Frage: Wie schätzen Sie die Zukunft des Islamunterrichts in Deutschland ein?
Gül Solgun-Kaps: Nachdem die Entwicklungen der letzten Jahre doch sehr schnell vorangehen und wir uns von Projekten immer mehr verabschieden, bin ich der festen Meinung, dass der Islamunterricht in Deutschland inzwischen fest installiert ist. Es ist für alle Mitbürger/innen eine Chance, wenn muslimische Kinder nicht in Hinterhöfe gedrängt werden, wenn sie über den Islam "etwas" lernen wollen. Für den Integrationsprozess ist die religiöse Sozialisation eine wichtige Säule. Damit aber der Islamunterricht eine gute Chance hat, müssten alle Seiten – Verbände, Gemeinden und die zuständigen Ministerien – Hand in Hand zusammenarbeiten und mehr Lehrer einstellen.
Gül Solgun-Kaps: ist Konrektorin, Mitglied des Bayerischen Integrationsrates im Bayerischen Landtag, seit 2000 Beraterin des Projekts "Islamunterricht in deutscher Sprache" in Augsburg und Herausgeberin des Lehrwerkes "Mein Islambuch".
Ansprechpartner
Cornelsen Verlag GmbHNicole Weiffen
Cornelsen Verlag GmbH, Mecklenburgische Straße 53
14197 Berlin
Telefon: +49 89785-8286
E-Mail: nicole.weiffen@cornelsen.de
Web: cornelsen.de
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