Integrationserlass

Katastrophe für die schulische Integration

Mit einem neuen Erlass torpediert das NRW-Schulministerium sowohl die Mitbestimmung als auch die schulische Integration von Flüchtlingskindern.

08.07.2016 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung lehrer nrw
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Der von Staatssekretär Ludwig Hecke unterschriebene Erlass regelt den „Unterricht für neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler“. Er schafft de facto die so genannten Seiteneinsteigerklassen ab, in denen neu zugewanderte Kinder vor allem mit gezielter Förderung zum Erwerb der deutschen Sprache auf den Unterricht in Regelklassen vorbereitet werden. Stattdessen sollen die Kinder trotz mangelnder oder gänzlich fehlender Deutschkenntnisse sofort eine Regelklasse besuchen. Die Förderung in der deutschen Sprache soll dort „in innerer und in äußerer Differenzierung durchgeführt werden“, heißt es in dem Schreiben. Der Erlass ist mit Datum vom 28. Juni 2016 an die Bezirksregierungen versandt worden und „tritt sofort in Kraft“.

Erst in dieser Woche wurde der Erlass den Hauptpersonalräten auf Nachfrage hin zur Kenntnis gegeben – ohne die Möglichkeit einer Mitbestimmung. Die ist laut Landespersonalvertretungsgesetz zwingend vorgeschrieben, wenn sich die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften durch Erlasse oder Gesetze erheblich verändern. „Dieser Vorgang ist in zweierlei Hinsicht ungeheuerlich“, kritisiert die lehrer nrw-Vorsitzende Brigitte Balbach. „Erstens veröffentlicht der Staatssekretär einen Erlass, der die Mitbestimmung mit Füßen tritt, und seine Schulministerin verkündet kurz darauf in einem großen Interview mit der Rheinischen Post offenbar ohne rot zu werden: ‚Bei uns wird Mitbestimmung großgeschrieben‘.

Der zweite Punkt: Der Erlass ist sowohl für die schulische Integration von Flüchtlingskindern als auch für die Qualität des Unterrichts in den Regelklassen eine Katastrophe. Es ist zu befürchten, dass künftig Kinder ohne jegliche Deutschkenntnisse gemeinsam mit Kindern, die inklusiv beschult werden müssen, und ‚regulären‘ Schülern in 30-köpfigen Klassen sitzen werden. Und das, obwohl die Lehrkräfte schon jetzt Einzelkämpfer sind (eine Doppelbesetzung hält das Ministerium bekanntlich nicht für notwendig). Der Erhalt der Bildungsqualität und der entsprechenden Standards scheint auf diese Weise ausgeschlossen. So viel ministerielle Ignoranz angesichts der Probleme, mit denen die Schulen im von politischer Seite ohnehin miserabel organisierten Integrations- und Inklusionsprozess kämpfen, macht fassungslos. Wir fordern Schulministerin Sylvia Löhrmann auf, diesen Erlass aufzuhalten und die Mitbestimmungsverfahren mit den Personalräten zu eröffnen.“

lehrer nrw lehnt eine sofortige Zuweisung neu zugewanderter Kinder in Regelklassen strikt ab. Stattdessen fordert der Verband die Einrichtung von halbjährigen Deutschkursen für Flüchtlingskinder an den Schulen. Diese Vorbereitungskurse müssen der Zuweisung in Regelklassen oder Seiteneinsteigerklassen vorgeschaltet werden. Balbach: „Eine Chance auf eine fundierte Bildung und spätere berufliche Perspektiven in Deutschland gibt es für neu zugewanderte Kinder nur mit soliden Deutschkenntnissen. Und die lassen sich nicht nebenher in der Regelklasse vermitteln. 

Wir fordern die Ministerin auf, die offenkundigen Probleme im Integrations- und Inklusionsprozess nicht mit ständig neuen Worthülsen und Zahlenspielereien schönzureden, sondern endlich anzupacken und vernünftige Arbeitsbedingungen an den Schulen zu schaffen. Wäre doch ein schöner Vorsatz fürs neue Schuljahr.“

Ansprechpartner

lehrer nrw

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