Schreiben lernen

Kostenlose App für die Grundschrift

(red) Immer mehr Kinder lernen heute das Schreiben in der Grundschule mit der sogenannten "Grundschrift". Sie ist eng an die Druckschrift angelehnt und besteht aus schlichten, leicht les- und schreibbaren Formen. Eine App soll Kindern nun beim Schreibenlernen helfen.

23.01.2014 Artikel

(von Nacho Ruiz do Minguis) Die Grundschrift-App wurde als interaktive Version der Grundschrift-Kartei des Grundschulverbandes entwickelt. Die Übungen der App unterstützen die Kinder vor allem beim Erlernen der bewegungsgünstigen Schreibrichtungen.

Die Grundschrift-App entstand im Rahmen des Forschungsprojekts "Integrierte Nutzung digitaler Medien als Beitrag zu einer erweiterten Lernkultur", das an der wissenschaftlichen Einrichtung Laborschule der Universität Bielefeld 2011 eingerichtet wurde. Die Hauptaufgabe besteht darin, Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien in Unterrichtskontexten zu ermitteln, zu entwickeln und zu erproben. Wichtig war dabei, dass die Medien im Einsatz einen eindeutigen Mehrwert beim Lernen bringen und dass sie Erfahrungen mit der realen Welt nicht eingrenzen oder ersetzen, sondern ergänzen.

Für den Primarbereich wurde ein Potenzial in der Nutzung von Tablets erkannt, da sie sich über den Touchscreen intuitiv bedienen lassen. Insbesondere für das Erlernen der Bewegungsabläufe beim Schriftspracherwerb ist das Medium geeignet, und dies nicht nur für die Eingangsstufe. Beim genaueren Beobachten fielen Kinder im dritten Schuljahr auf, die zwar formklare Buchstaben schreiben konnten, sich aber bewegungsungünstige Schreibrichtungen angeeignet hatten, die ihnen die Entwicklung eines Schreibflusses erschwerten. Dies kann der Lehrkraft manchmal entgehen, weil sie nicht den Schreibprozess aller Kinder jederzeit beobachten kann und oft nur das Schreibprodukt sieht. Aus der Arbeit mit der Grundschrift-Kartei des Grundschulverbandes, die speziell für das Erlernen bewegungsgünstiger Schreibrichtungen entwickelt wurde, entstand die Idee, eine interaktive Erweiterung der Kartei für Tablets zu entwickeln und sie in der Laborschule zu erproben.

Für diesen Unterrichtskontext wurde die App mit Funktionen konzipiert, die folgenden Mehrwert bringen:

  • Die Echtzeitrückmeldung ermöglicht den Kindern eine Lernkontrolle.
  • Eine Lautausgabe ermöglicht neben dem haptischen auch auditives Lernen.
  • Die aufgezeichneten Daten ermöglichen eine Überprüfung der bearbeiteten Aufgaben, sodass Fortschritte oder Fehlerbereiche der Kinder sichtbar werden und für die Planung von Fördermaßnahmen genutzt werden können (noch nicht realisiert).

Die App wurde in Kooperation mit dem Grundschulverband erarbeitet und im Rahmen einer Masterarbeit von Jascha Dachtera programmiert. Das Projekt hat sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, nichtkommerziell zu arbeiten, die Entwicklung durch Spenden zu finanzieren und das Ergebnis kostenlos zur Verfügung zu stellen. Im August 2013 wurde die App als Beta-Version veröffentlicht. Das heißt, dass sie bereits funktionsfähig, aber noch nicht in allen vorgesehenen Funktionen ausgearbeitet ist und Fehler ("Bugs") beinhalten kann. Das Entwicklungsteam entschied dennoch, sie zur Erprobung freizugeben, sodass Kinder, die jetzt schreiben lernen, schon davon profitieren können.

Einsatzmöglichkeiten im Unterricht

Die Grundschrift-App kann im Unterricht ergänzend zu anderen Grundschrift-Materialien eingesetzt werden, um den motorischen Lernprozess beim Schreibenlernen zu fördern. Durch die Tonausgabe der Buchstaben wird auch die auditive Wahrnehmung in den Lernprozess einbezogen, die für das Begreifen der Buchstaben-Laut-Beziehung eine wichtige Rolle spielt. Die Kinder entwickeln durch die Bedienung des Programms außerdem verschiedene Aspekte ihrer Medienkompetenz.

Die Nutzung dieser App setzt voraus, dass das Kind über eine individuelle Arbeitszeit mit dem Tablet verfügt. Dies lässt sich am besten im Rahmen eines Wochenplans oder im offenen Unterricht realisieren. So kann ein Gerät, wenn man es flexibel einsetzt, innerhalb eines Tages von mehreren Kindern genutzt werden. Dazu empfiehlt es sich, einen Nutzungsplan zu erstellen und zu führen.

Individualisiertes Lernen

Auch wenn die Nutzung der App ein gewisses Maß an Feinmotorik voraussetzt, können sich die Kinder schon ab dem ersten Schultag damit an Buchstaben und Zahlen herantasten. Die offene Wahl der Aufgaben lässt jedem Kind die Freiheit, für sich interessante oder zumutbare Aufgaben zu wählen. Verschiedene Lernwege können durch die Auswahlmöglichkeiten zwischen großen und kleinen Buchstaben sowie verwandten Aufgaben beschritten werden. Ebenso kann das Kind während seiner Lernzeit frei zwischen auditiv-visuellem und haptischem Lernen wechseln und die Hilfefunktion ein- und ausschalten. Die Kinder können in ihrem eigenen Lerntempo, bei freier Zeiteinteilung arbeiten und ihre Fortschritte selbstständig mit dem Arbeitsblatt "Mein App-Tagebuch" dokumentieren. Die Lehrkraft kann die zeitliche Nutzung allerdings durch Eingabe der Spielzeit (in den Einstellungen) begrenzen. Sie kann auch Lernvereinbarungen mit dem Kind treffen, z. B. verstärkt eine Bewegungsgruppe zu üben oder zwischendurch den geübten Buchstaben mit Stift auf Papier zu schreiben.

Für Linkshänder können bei der Benutzereinrichtung zusätzliche Optionen aktiviert werden. Dann wird der Balken mit den Buttons auf der rechten Seite platziert. Mit der erweiterten Option "alternative Bewegungsabläufe" werden darüber hinaus alternative Buchstabenpfade für Linkshänder aktiviert.

Hilfestellungen

Für Kinder mit feinmotorischen Schwierigkeiten ist die Hilfefunktion gut geeignet. So aktiviert sich nach zwei misslungenen Versuchen ein Rettungsring-Modus. In diesem Modus geht der Verlauf bei Fehlern nicht verloren und man kann an der Stelle weitermachen, wo er passiert ist. Im Rettungsring-Modus kann sich das Kind daher an Buchstaben und Zahlen herantasten und sie experimentierend erforschen. Wenn es den Buchstaben richtig nachspurt, schaltet sich der Rettungsring-Modus automatisch ab. Um das Nachspuren zu vereinfachen, kann das Gerät auch hochkant gehalten werden, wodurch der Buchstabe größer wird.

Anregung für die Partnerarbeit

Auch wenn die App vorrangig auf eine individuelle Nutzung ausgerichtet ist, kann sie auch für Partneraufgaben eingesetzt werden, wobei ein Kind mit dem Tablet und das andere auf Papier arbeitet. Verschiedene Aufgabenstellungen sind möglich. Ein Beispiel: Ein Kind meldet sich an und spurt einen Buchstaben oder eine Zahl auf dem Bildschirm nach. Wenn die Aufgabe richtig gemacht wurde, wiederholt das Partnerkind den Buchstaben oder die Zahl auf Papier. Nach einer vorher verabredeten Anzahl von Buchstaben oder einer bestimmten Zeit werden die Rollen getauscht. Auch das umgekehrte Vorgehen ist möglich: Ein Kind schreibt einen Buchstaben auf, das Partnerkind überprüft mit der App, ob der Bewegungsablauf richtig war.

Ausblick: Weiterentwicklung

Die vorliegende Beta-Version der App befindet sich in der Erprobungsphase und soll weiter ausgearbeitet werden. Unter der Benutzeroberfläche ist bereits ein Statistik-Modus angelegt, mit dem das Kind und die Lehrkraft eine transparente Rückmeldung bekommen können. Die Benutzeroberfläche für diesen Modus muss jedoch noch entwickelt werden. Eine Portierung für die Betriebssysteme Windows und iOS (iPad) ist ebenfalls geplant.

Zur Person

Nacho Ruiz Dominguis war Lehrer an der Laborschule der Universität Bielefeld. Er war Gründungsmitglied der Forschungsgruppe "Integrierte Nutzung digitaler Medien als Beitrag zu einer erweiterten Lernkultur" und vertritt nun den Grundschulverband im Entwicklungsteam.

Die Grundschrift App

Dieser Beitrag ist erschienen in Deutsch differenziert Ausgabe 1/2014 mit dem Schwerpunkt "Lesen- und Schreibenlernen mit neuen Medien". In diesem Heft werden beispielhaft Unterrichtsprojekte vorgestellt, die aufzeigen, wie digitale Medien das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule unterstützen können.
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