Kultusministerin Karin Wolff: Hauptschulen werden gebraucht
SPD-Politikerinnen wie Edelgard Bulmahn bezeichnen die Hauptschule als nicht mehr zeitgemäß. Ihre hessische Parteifreundin Andrea Ypsilanti spricht gar davon, dass sich mit der Wahl des Bildungsganges nach der vierten Klasse entscheide, ob ein Kind "Müllmann oder Pilotin", "Lagerarbeiter, Pianist oder Ingenieur" wird. Das hat dem Image der Hauptschule geschadet. Vor allem stellt sich die Frage nach dem Menschenbild hinter solchen Aussagen: Geht es zwangsläufig mit Kindern bergab, die kein Gymnasium besuchen? Dann wären Berufe, die weder Abitur noch Studium voraussetzen, minderwertig. Welch ein Affront gegen einen großen Teil der Bevölkerung!
12.04.2007 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und ChancenMit dem christlichen Menschenbild ist diese Haltung unvereinbar. Das Abschaffen der Hauptschule löst die Probleme der Hauptschüler nicht. Lernzugänge und Begabungen sind nun einmal unterschiedlich. Laut einer aktuellen Umfrage des "Stern" befürworten lediglich 36 Prozent ein Abschaffen der Hauptschule. Deren Schüler lassen sich aber nicht abschaffen. Im Zuge der demografischen Entwicklung wird zwangsläufig das Interesse der Wirtschaft an Hauptschulabsolventen wachsen. Dort erfährt die Hauptschule bereits mehr Anerkennung. So unterstützt die Vereinigung hessischer Unternehmerverbände unseren jährlichen Hauptschultag. Auch kommt die IHK-Forderung nicht von ungefähr, die Hauptschule weiter zu stärken und zu entwickeln.
Von Anfang an hat die Hessische Landesregierung die Reform der Hauptschule begonnen und ihr seit 1999 ein neues, stärkeres Profil gegeben. Wir haben eine bildungsgangbezogene Stundentafel und eigene Lehrpläne eingeführt. Die Hauptfächer wurden gestärkt, und die Arbeitslehre mit handlungsorientiertem Ansatz wurde aufgewertet. Ferner haben wir landesweite Abschlüsse, Projektprüfungen und Erziehungsvereinbarungen sowie individuelle Förderpläne für versetzungsgefährdete Schüler eingeführt. Mit Nachdruck verfolgt Hessen das strategische Ziel, die Zahl der Schulentlassenen ohne Hauptschulabschluss bis Ende des Schuljahres 2007/08 um ein Drittel zu verringern. Das wird gelingen: Gegenüber fast 23 Prozent im Schuljahr 1999/00 waren es 2004/05 bereits unter 15 Prozent. Ein zehntes Hauptschuljahr führt sogar bis zur Mittleren Reife.
Besonders leistungsschwache Schüler, die den Hauptschulabschluss voraussichtlich nicht erreichen werden, fördern wir seit 2004 landesweit mit Klassen zum Lernen und Arbeiten in Schule und Betrieb (SchuB). Mit Erfolg: Von 206 Schülerinnen und Schülern des ersten SchuB-Jahrgangs haben 188 oder 91 Prozent den Hauptschulabschluss 2006 geschafft – 71 sogar den qualifizierenden Hauptschulabschluss mit Englisch! Im Hessischen Mathematik-Wettbewerb 2005/06 wurde eine SchuB-Schülerin Landessiegerin.
SchuB entwickelt enorme Schubkraft: In kleineren Klassen mit sozialpädagogischer Unterstützung, individueller Förderung und hohem Praxisanteil werden Jugendliche zum Abschluss geführt. Pro Woche gehen sie drei Tage in die Schule und zwei Tage in einen Betrieb. Der Schulunterricht greift das auf, beide Lernorte sind eng verzahnt.
SchuB-Absolventen haben sogar bessere Ausbildungsplatzchancen als Mitschüler aus Regelklassen: Bereits im Juli 2006 hatten 68 von 206 verbindliche Ausbildungsplatzzusagen, elf einen Arbeitsplatz, 57 besuchten weiterführende Schulen. Wie die Evaluierung bestätigt, sind SchuB-Klassen ein Erfolgsmodell und weisen den Weg zur künftigen Organisation aller Hauptschulen: Jugendliche werden durch betriebliche Arbeit und Anwendung im Unterricht zu Leistung und Anstrengung angespornt. Erfolgserlebnisse und Lehrstellenperspektiven sorgen für Selbstwertgefühl und Motivation. Dies dient insbesondere Jugendlichen, die theoretisch schwach, aber praktisch sehr begabt sind. Sie haben im Schulwesen alter Prägung zu wenig Beachtung gefunden, obwohl ihre Talente für die Berufspraxis ungemein wertvoll sind.
Auf diesen guten Erfahrungen aufbauend, wird Hessen am gegliederten Schulwesen mit individueller Förderung festhalten. Das SchuB-Modell wollen wir sukzessive auf alle Hauptschulklassen ausdehnen und diese so attraktiver machen. Mit einem an den Bedürfnissen ihrer Klientel und der beruflichen Praxis ausgerichteten Bildungsangebot sollen sich Hessens Hauptschulen klar von anderen Bildungsgängen abheben – damit Jugendliche nach dem Abschluss Anschluss finden, statt frustriert zu scheitern.
Die Autorin ist Hessische Kultusministerin und Mitglied der CDU.
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