"Lehrer sollten authentisch sein"

Locker-Bleiben und Lächeln, statt Leiden und Lamentieren, das rät Heidemarie Brosche ihren Lehrer-Kolleg/innen. Gemeinsam mit Jeanett Kasten hat die Lehrerin an einer bayerischen Grund- und Mittelschule gerade den Ratgeber Mehr Gelassenheit und Achtsamkeit im Schulalltag veröffentlicht. Die darin versammelten Denkanstöße wollen Lehrkräften zeigen, wie sie mit den Belastungen ihres Berufes besser umgehen können. Einige Fragen an Heidemarie Brosche.

02.02.2015 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Frau Brosche, Sie arbeiten selbst seit vielen Jahren als Lehrerin. Haben die Belastungen im Schulalltag in dieser Zeit zugenommen?

Heidemarie Brosche: Wenn Lehrkräfte sagen, dass alles schlimmer geworden sei, muss ich an den Satz denken, den man Sokrates (470 – 399 v. Chr.) zuschreibt: "Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern und tyrannisiert die Lehrer." Jede Menge ähnlicher Zitate sind überliefert, was den Schluss nahelegt, dass die Alten grundsätzlich entsetzt über die Belastungen durch die "heutige Jugend" sind.

Dennoch wage ich Ihre Frage mit JA zu beantworten. Gleich 13 Faktoren, die sich belastend auf das heutige Lehrerdasein auswirken, stellen wir an den Anfang unseres Buches. Wie schnell sich in den letzten Jahren vieles verändert hat, die mediale Umzingelung, die veränderten Familienstrukturen, die Migration … Was wir damit aber auf keinen Fall wollen: bei Heulen und Wehklagen stehen bleiben. Ganz im Gegenteil – mit der richtigen Einstellung lässt sich vieles besser bewältigen. Wünschenswert wäre aber, dass die größer werdende Belastung der Lehrkräfte auch gesehen wird – von der Schulaufsicht, von der Öffentlichkeit, von den Eltern ...

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu gebracht hat, für mehr Gelassenheit im Lehrerleben zu plädieren?

Heidemarie Brosche: Ich hatte schon als Schülerin ein ganz schlechtes Gefühl, wenn Lehrer Schüler abwerteten und klein machten. Dass ich es anders machen wollte, war einer der Gründe, warum ich Lehrerin wurde. Leider hielt ich am Anfang nettes und partnerschaftliches Lehrerverhalten für den Schlüssel zur Gelassenheit. Das Gegenteil war der Fall, denn ich wusste mir oft nicht mehr zu helfen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es möglich ist, wertschätzend mit Schülern umzugehen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Wer bereit ist, hinter die Fassade des störenden Verhaltens – der Faulheit, der Respektlosigkeit, der Unzuverlässigkeit … - zu blicken, kann konstruktiver damit umgehen und schont auch noch seine Nerven. Für diese Erkenntnis brauchte es ein paar Jahre Berufserfahrung, viele schmerzliche Erlebnisse, Austausch mit Kollegen, die Lektüre zahlreicher Bücher – und nicht zuletzt auch die Erfahrungen mit meinen eigenen Söhnen. Wenn unser Buch den Lesern hilft, zu ihrer ganz persönlichen Gelassenheit zu finden, wäre dies ein wunderbarer Erfolg.

Nennen Sie uns doch drei Anregungen, die Sie Kolleg/innen im Buch liefern!

Heidemarie Brosche: Im Buch gibt es selbstverständlich viel mehr davon. Aber hier sind ein paar der wertvollsten Denkanstöße:

  1. Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer ist das A und O. Je mehr Erziehungsaufgaben wir Lehrer übernehmen müssen, umso wichtiger wird die Beziehung, die wir zu den Schülern aufbauen. Damit meine ich keinen Schmusekurs. Lehrer sollten authentisch sein und mit ihren Schülern in echten Kontakt treten, ohne sich anzubiedern. Die Schüler müssen spüren: "Der/die mag mich, auch wenn ich Mist gebaut habe."
  2. Deine Rolle ist wichtig – auch wenn es anders aussieht. Viele Lehrer verzagen, weil nichts von dem, was sie tun, bei den Schülern eine Wirkung zeigt. Dennoch wirken sie – durch ihr Vorbild, durch ihre Wertschätzung … Wir Lehrer erfahren es manchmal nie, aber wir können sicher sein: Wenn wir es gut meinen und so gut wie möglich machen, bewirken wir Gutes. Für manche Schüler können wir sogar der eine Mensch sein, der verhindert, dass sie abstürzen.
  3. Löse dich von der Defizitorientierung! Lenke den Blick bewusst auf Positives! Überhöhte Erwartungen – in Bezug auf Schüler und sich selbst – sind oft die Ursache von Unzufriedenheit. Dabei übersehen wir oft vor lauter nicht erreichter Ziele die kleinen Erfolge: Die Klasse war zwar noch unkonzentriert, aber gerade Schüler X hat sich heute sehr bemüht. Ein Viertel der Klasse hatte wieder keine vollständigen Hausaufgaben, aber viel mehr als bisher waren zuverlässig. Wer sich angewöhnt, ganz bewusst schon kleine Erfolge zu würdigen, hat öfter etwas zum Freuen und seltener Frust.

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
Web: www.cornelsen.de/presse


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