"Mit viel Freude in den Lehrerberuf gehen"
"Unterrichten, bis der Notarzt kommt, ist keine Option, bessere Schule zu machen", warnte jüngst erst der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. Und den Deutschen Philologenverband treibt das Thema derart um, dass er in diesem Jahr sogar zu einem bundesweiten Lehrergesundheitstag eingeladen hatte. Keine Frage: Um die Gesundheit der Lehrer steht es nicht besonders gut. Doch warum trifft das gerade eine Berufsgruppe, von der landläufig angenommen wird, sie verfüge über viel Freizeit und Ferien satt?
14.09.2012 Artikel"Im Lehreralltag gibt es drei große Belastungsfaktoren: Das sind schwierige Schüler, große Klassen und hohe Stundenzahl", erklärt die Lehrerin und psychologische Beraterin Susanne Döbler-Eschbach. Sie kennt viele verschiedene Schulen und Kollegien, bietet sie doch seit Jahren schulinterne Fortbildungen und Schulleitungs-Coaching an.
Und noch etwas macht besonders dieser Berufsgruppe zu schaffen: der Mangel an Wertschätzung. Da hallt der Spruch des ehemaligen Bundeskanzlers von den "faulen Säcken" lange nach, da ist aber auch der Alltag, der dies ganz deutlich vor Augen führt. Gerade erst hat Susanne Döbler-Eschbach dazu die ziemlich unangenehme Erfahrung gemacht, dass selbst Schulträger sich nicht für ihre Einrichtung einsetzen.
"In einem Gymnasium sind mir kürzlich Schilder aufgefallen mit der Aufschrift: Achtung Mäuse. Bitte keine Lebensmittel liegen lassen! Ich erfuhr dann, dass diese Schilder schon seit einem Jahr dort hängen. Dass das ein Arbeitsplatz beziehungsweise ein Lernplatz für die Kinder sein soll, treibt einem die Tränen in die Augen."
Das Gefühl, nicht fertig zu werden
Das Argument, die meisten Lehrer hätten es doch gut mit einem bequemen Halbtagsjob bei voller Bezahlung, wandelt sich bei genauerem Hinsehen ins Gegenteil, unterstreicht Schulleiter Hermann Städtler, der das Projekt "Bewegte, gesunde Schule Niedersachsen" leitet. "Diese Arbeitsplatzteilung belastet eher, weil die Lehrerarbeitszeit in der Außenwahrnehmung nur auf die Unterrichtszeit verkürzt als Halbtagsjob wahrgenommen wird und die restliche Zeit der Vor- und Nachbereitung, die Konferenzarbeit, die Elternarbeit, die Arbeit am Schulprogramm nicht gesehen wird. Lehrkräfte leiden wegen dieser unübersichtlichen Arbeitsplatzsituation eher unter dem Gefühl, nicht fertig zu werden."
Schnell kann so der Überblick über die Unterrichtsplanungen, die Klausurvorbereitungen, die Klassenreisenabrechnung und die Zeugniskonferenz zwischen dem Arzttermin der Jüngsten oder der Einladung zum Familienfest verloren gehen. Die Folge: Für über 80 Prozent der Lehrerschaft ist Wochenendarbeit Realität. Und diese Dauerbelastung führt langfristig zu den höchsten Ausbrennraten aller Berufsgruppen deutschlandweit.
Gemeinsames Lehrerbüro
"Ich wollte, ich hätte einen Arbeitsplatz mit Stechuhr", hört Susanne Döbler-Eschbach nicht selten in ihren Seminaren. Ihre knappe Antwort lautet dann: "Schafft euch eure eigene Stechuhr an." Was sie damit meint: Lehrer sollten ihren Arbeitstag schriftlich planen. Dazu gehören festgelegte Arbeitszeiten, aber auch Zeiten für soziale Kontakte und Entspannung.
Und solange die Schulen in Deutschland keine Arbeitsräume für ihre Lehrer anbieten, lässt sich vielleicht aus einem Beispiel lernen, meint Susanne Döbler-Eschbach: "Vor einiger Zeit haben sich drei Lehrer in der Nähe ihrer Schule gemeinsam einen Büroraum angemietet und sind sehr zufrieden damit, dass sie ihren Arbeitsplatz aus der Privatwohnung in eine Arbeitsumgebung verlagert haben. Im Kollegium zieht dies bereits Kreise."
Kein Einzelkämpfer mehr
Ein ganz wichtiges Stichwort: das Kollegium. Das sollte anerkennen, dass der Beruf sich wandelt und dass Lehrer nicht länger Einzelkämpfer sein müssen. "Nehmen wir doch die zentralen Probleme: schwierige Schüler in großen Klassen. Da gehen Lehrer allein schnell unter. Anders ist es im Team. Sowohl direkt im Unterricht als auch im Kollegium insgesamt. Schulen sollten auf Feedbackkultur setzen, nicht nur, wenn was schief läuft. Das bedarf auch gemeinsamer Anwesenheitszeiten außerhalb der Unterrichtszeit. Im Endeffekt fördert dies die Gesundheit, weil der Einzelne nicht mehr allein vor den Aufgaben und Problemen steht, sondern weil er Teil des Teams ist."
"Ich kann meinen Beruf"
Und schließlich hängen Zufriedenheit und Erfolg – nicht nur im Lehrerberuf – ganz entscheidend vom eigenen professionellen Berufsverständnis ab. "Ich brauche ein gutes Fundament, sodass ich sagen kann `Ich kann meinen Beruf´. Zu diesem professionellen Berufsverständnis gehört, dass ich als Lehrer auch immer wieder Lernender bin. Es macht mehr Spaß und bringt mehr Arbeitsplatzzufriedenheit, wenn ich in meinem Alltag für die Schüler viele Werkzeuge zur Verfügung habe und auch neue in meinen Werkzeugkoffer packe. Und die bekomme ich durch gutes Teamwork mit meinem Kollegium und durch meine eigene Fortbildung. Ich muss mich also darum kümmern, dass ich mit viel Lebensfreude in diesen Beruf gehe. Wir sind Vorbilder unserer Kinder, und wenn Kinder sehen, dass Erwachsensein Mühsal und Plage ist, fragen sie sich irgendwann ´Warum soll ich erwachsen werden?`"
Die hohe berufliche Ausbrennrate einer ganzen Berufsgruppe kann aber nicht allein an den Lehrern und Kollegien festgemacht werden, die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung müssen die strukturellen Ursachen schnell und konsequent anpacken, das weiß auch Susanne Döbler-Eschbach. Gleichwohl möchte sie nicht allein auf Abwarten setzen. "Die Lehrerinnen und Lehrer und ihre Schüler sind jetzt in der Schule. Deswegen muss man auch jetzt das Problem angehen und zwar konstruktiv – aber ich möchte schon betonen, dass sich die Verhältnisse ändern müssen."
Weitere Informationen
Homepage Susanne Döbler-Eschbach
Schulinterne Fortbildungen der Cornelsen Akademie zum Selbst- und Zeitmanagement für Lehrerinnen und Lehrer
Gesundheitscheck für Lehrkräfte – Angebot des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands
Literatur zum Thema
Zeit- und Selbstmanagement für Lehrende, Dagmar Rohnstock, 978-3-589-23396-0, Cornelsen
99 Tipps: Lehrergesundheit erhalten, Nikolaus Kirstein, ISBN 978-3-589-23297-0, Cornelsen
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