Odenwaldschule auf dem Prüfstand
(red) Weniger die Reformpädagogik stehe auf dem Prüfstand, als vielmehr die Odenwaldschule als ganze, das Konzept des Landerziehungsheims beziehungsweise der Internatsschule, erklärte der Tübinger Bildungshistoriker Ulrich Herrmann in seiner [Ansprache](http://bildungsklick.de/datei-archiv/50899/uh-oso-vortrag-17_4.pdf) anlässlich der 100-Jahr-Feier der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim am vergangenen Samstag.
19.04.2010 ArtikelHerrmann erinnerte an die Anfänge der Schule in einem "anmutigen Tal", über dem jetzt aber der düstere Schatten verratenen und missbrauchten Vertrauens liege. "Der lange dunkle Schatten von tiefem Leid und beschädigtem Leben, jungen Menschen angetan, die in eine Falle geraten waren, bei Menschen, die ihnen hätten Schutz und Schirm bieten sollen und sich in verantwortungsloser oder gar verbrecherischer Weise an ihnen vergingen."
Nach Angaben der Schule haben seit März mehr als 30 frühere Schüler bezeugt, im Zeitraum von 1966 bis 1991 Opfer sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule geworden zu sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sieben ehemalige Lehrer, zwei weitere sind inzwischen tot. Der ehemalige Der ehemalige Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, war bereits 1999 öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt worden. Erst im März 2010 jedoch räumte er den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen ein und entschuldigte sich öffentlich dafür.
Am Jahrestag einer Gründung werde üblicherweise abschließend nach der Zukunft gefragt, schloss Herrmann. Noch vor kurzem wäre jetzt die Rede gewesen von der Weiterentwicklung des "pädagogischen Profils". Jetzt gehe es um mehr und anderes, wenn nicht gar ums Überleben der Odenwaldschule. Die Schule müsse sich ehrlich machen: "Was können wir als Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsstätte leisten und was nicht? Wie werden wir wieder ein zeitgemäßes, Maßstäbe setzendes 'pädagogisches Laboratorium'?"
Zur Person
Ulrich Herrmann, geboren 1939, studierte in Heidelberg und Köln Germanistik, Geschichtswissenschaft, Pädagogik, Philosophie und Politikwissenschaft. 1968 Promotion zum Dr. phil., dann Tätigkeit als Referent des Rektors der Universität Tübingen; dort wurde Herrmann nach seiner Habilitation im Fach Erziehungswissenschaft 1976 zum Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik ernannt. Ab 1994 hatte er den Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Ulm inne, wo er sich intensiv um eine berufsorientierte Reform der Lehrerausbildung bemühte. Ende 2003 Honorarprofessor an der Universität Potsdam. Anfang 2004 wurde Herrmann an der Universität Ulm emeritiert. Er leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal
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