Philologenverband traut seiner Lehrerschaft nicht viel zu
Was Grundschulpädagogen wie selbstverständlich leisten, indem sie einen gesamten Jahrgang individualisiert beschulen, stellt laut Philologenverband die Gymnasiallehrkräfte vor fast unlösbare Probleme. Und das, obwohl jene nach den Sommerferien in Klasse 5 mit nur noch ca. 40 % eines Jahrgangs eine wesentlich homogenere Lerngruppe vor sich haben.
17.10.2014 Pressemeldung Länger Gemeinsam Lernen B-WOb diese vom Verbandsvorsitzenden Bernd Saur geschilderte Überforderung auf die gesamte Gymnasiallehrerschaft zutrifft, kann zurecht stark bezweifelt werden. Es liegt der Verdacht nahe, dass es dem Lehrerverband, dem nur knapp ein Viertel der aktiven Gymnasiallehrerschaft angehören, in erster Linie um die Verteidigung von Privilegien geht.
Der Philologenverband spricht aktuell von Misserfolgserlebnissen und Frustration von Tausenden von Kindern und schiebt dafür die alleinige Schuld und Verantwortung der Landesregierung zu. Eine Verantwortung den Gymnasien zuzuschreiben oder gar eine hohe Abschulungsquote als Leistungsversagen der Schule zu werten liegt außerhalb der Vorstellungskraft des Philologenverbandes. Vehement fordert er die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung.
Traditionalismus hat gewiss auch seine guten Seiten. Hier ist er jedoch fehl am Platz. Wir brauchen kein Bildungssystem, das sich nach wie vor an hierarchischen Schularten orientiert. Das gegliederte Schulsystem in der Sekundarstufe eins, mit dem wir weltweit nahezu allein stehen, passt nicht mehr in die heutige Zeit.
Dass das flächendeckende gemeinsame Lernen auch bei uns gut funktioniert, beweisen wie erwähnt unsere Grundschulen. Obwohl in dieser Phase die Entwicklungsunterschiede der Kinder erwiesenermaßen am größten sind, liefern die Grundschulen im internationalen Vergleich beachtliche Ergebnisse.
Paradigmenwechsel: Innere statt äußere Differenzierung
Was wir brauchen ist ein Schulsystem, das nicht mehr Kinder mit 9 oder 10 Jahren auseinanderdividiert, oftmals beschämt oder zurücklässt. Wir brauchen ist ein System, das sich den Schülern anpasst - und nicht umgekehrt.
Nach wie vor geht der Philologenverband mit seiner Sicht von Schule immer noch von zwei Annahmen aus, die pädagogisch unsinnig sind:
Dass erstens Schülerinnen und Schüler im Gleichschritt am besten lernen und dass man zweitens Kinder nach bestimmten Merkmalen dauerhaft gruppieren und einsortieren muss.
Erfolgreiche Staaten haben sich von diesen zwei Annahmen längst verabschiedet und sehen Schule nicht als Ort des Aus- und Einsortierens, sondern setzen stattdessen auf eine "weiche Organisation" ihres Schulsystems:
Auf eine Schule, in der individuelle Lernförderung systematisch entwickelt wird. Auf eine Schule, in der Kinder und Jugendliche je nach Fähigkeiten und Begabungen unterschiedlich schnell zu unter-schiedlichen Abschlüssen geführt werden. Auf eine Schule, die Kinder nicht sozial entmischt und so einer gesellschaftlichen Spaltung keinen Vorschub leistet.
Es ist schwer nachzuvollziehen, wie der Philologenverband an einer hierarchischen Struktur und selektiven Logik festhält, die wesentlich für die zentralen Probleme unseres Schulwesens verantwortlich sind.
Das Ergebnis unserer Trennung nach Klasse 4 ist, dass wir den Schwächsten eines Jahrgangs das schwierigste Lernmilieu zumuten: 15 – 20 % eines Jahrgangs aller 15 Jährigen erreichen bei uns nur die Kompetenzstufe 1, was nur schwach ausgebildete Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten bedeutet und letztlich eine nur eingeschränkte Ausbildungsfähigkeit zur Folge hat. In Anbetracht der demographischen Entwicklung und eines immer größer werdenden Fachkräftemangels bedeutet das neben jedem Einzelschicksal einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden.
Wenn dann von einem bewährten gegliederten Schulsystem gesprochen wird, kann das eigentlich nur von einem mangelhaften Wissensstand in der Sache herrühren oder von einer eher fragwürdigen Gesinnung.
Integrierte Sekundarstufe ist internationaler Standard
Im Zeitalter der Globalisierung sollte man längst festgestellt haben, dass ein "Längeres gemeinsames Lernen" internationaler Standard ist. Und wir sprechen hier nicht von Maori und den Antillen, sondern von vergleichbaren Staaten und Regionen wie Kanada, Neuseeland, Australien, Skandinavien, Südtirol....die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Nicht alle, aber viele Staaten mit integrierten Schulsystemen arbeiten außerordentlich erfolgreich. Alle internationalen Schulleistungsstudien haben eines aufgezeigt: Es gibt weltweit kein früh sortierendes Schulsystem, das in den beiden entscheidenden Bereichen Leistung und Bildungsgerechtigkeit Spitzenergebnisse liefert. Das schaffen nur die besten Staaten, die ein "Längeres gemeinsames Lernen" praktizieren.
Ein wichtiges Ergebnis der letzten Pisastudie beschreibt die OECD folgendermaßen: "Wenn allen Schülern möglichst lange gleiche Bildungschancen geboten werden, schneiden sie im Mittel überdurchschnittlich gut ab - und ihre Leistung hängt vergleichsweise wenig von sozialer Herkunft ab. Je früher dagegen die erste Aufteilung auf die jeweiligen Zweige eines Bildungssystems erfolgt, desto größer sind bei den 15-Jährigen die Leistungsunterschiede nach sozioökonomischem Hintergrund. Und zwar ohne dass deswegen die Gesamtleistung steigen würde" (OECD, 2010, Pisa 2009 Zusammenfassung S. 18).
Aus diesem Grund haben mittlerweile alle Staaten - bis auf Österreich und Deutschland - den Paradigmenwechsel vollzogen: weg von einer äußeren Differenzierung in Schularten, hin zu einer inneren Differenzierung in einer gemeinsamen Schule für Alle.
Nationale Vergleiche unter den Bundesländern als Argument für das gegliederte Schulsystem heranzuziehen ist Augenwischerei.
Fakt ist, dass Schulleistungsstudien zu keinem innerdeutschen Schulsystemvergleich taugen, da bisher in keinem einzigen Bundesland ein flächendeckendes "Längeres gemeinsames Lernen" existiert.
Gesamtsystem Schule - Kein Platz für Partikularinteressen
Es ist also schon längst nicht mehr die Frage, ob ein gemeinsames Lernen funktioniert. Vielmehr stellen sich andere Fragen:
Sind bestimmte Gruppierungen im Schulwesen bereit, von ihren Partikularinteressen abzurücken, um gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze im Schulwesen zu verfolgen, die nicht so viele Verlierer produzieren?
Sind bestimmte Gruppierungen im Schulwesen bereit, die bei uns in Baden-Württemberg eklatante und mit christlichen Grundsätzen nicht zu vereinbarende hohe Bildungsungerechtigkeit anzugehen, die ursächlich mit der frühen Trennung der Kinder in hierarische Schulformen zusammenhängt?
Sind bestimmte Gruppierungen im Schulwesen bereit, einem immer stärkeren Auseinandertriften unserer Gesellschaft entgegenzuwirken?
Das immer wieder vorgebrachte Argument, das Gymnasium sei schließlich die beliebteste Schulform, zeugt von wenig geistiger Anstrengung. Mit derselben Logik ließe sich behaupten, eine Suche nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen wäre unnötig, weil die Gasheizung schließlich die beliebteste Heizmethode in Deutschland sei.
Man kann Schule nicht nur vom Gymnasium aus denken. Bei jeder Argumentation muss immer das ganze Schulwesen mitgedacht werden. Die Möglichkeit des Abschulens auf angeblich "geringerwertige" Schulformen verhindert die Entstehung individueller Förderkonzepte an allen Schulen.
So führte das Sortieren in angeblich leistungshomogene Lerngruppen dazu, dass sich hier keine systematisch individuelle Lernförderung entwickelte, sondern diese in privat finanzierte Nachhilfeeinrichtungen ausgelagert wurde. 1,5 Mrd. € jährlich geben die privaten Haushalte bundesweit für Nachhilfeunterricht aus – Baden Württemberg liegt mit 131 € pro Schüler an der Spitze Deutschlands - eine weitere Verstärkung unserer eklatanten Bildungsungerechtigkeit, denn private Nachhilfe steht und fällt mit dem Geldbeutel der Eltern.
Das heutige Gymnasium sollte sich im Zuge seiner Weiterentwicklung zu einer Schule wandeln, die in der Lage ist, ihre anspruchsvolle Bildung auch den benachteiligten und weniger privilegierten Kindern zukommen zu lassen.
Das einzige, was die Gymnasien heutiger Ausprägung dann verlieren werden, ist ihr elitärer Status als die "oberen" Schulen, die andere Schulen "unter sich" haben. Und sie verlieren die Möglichkeit, Schüler auf andere Schularten abzuschulen, wenn sie nicht mitkommen. Stattdessen übernehmen sie Verantwortung für jede einzelne Schülerin, für jeden einzelnen Schüler während der gesamten Schulzeit.
Dass bei einem gut umgesetzten "Längeren gemeinsamen Lernen" die Guten nicht ausgebremst werden, zeigt folgende, wenig bekannte Tatsache: bei den PISA-Schulleistungsvergleichen der weltweit 5 % Besten eines Jahrgangs können die wohlsortierten leistungsstärksten Gymnasiasten aus Baden-Württemberg nicht mit der Leistungsspitze der besten Staaten mit integrierten Schulsystemen mithalten, in denen die Kinder bis zum 9. oder 10. Schuljahr gemeinsam lernen.
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