PISA 2007 in der Schweiz – ein Blick über den Bodensee
Bei PISA 2007 gibt es in Deutschland Krach: Die OECD und die deutschen PISA-Forscher interpretieren Daten unterschiedlich, wobei die Deutschen ihre Zuflucht zu einem bewährten Kinderzeitvertreib für langweilige Autofahrten nehmen: "Ich sehe was, was du nicht siehst." (Vgl. die Beiträge von Christian Füller in der taz unter [www.forum-kritische-paedagogik.de](http://www.forum-kritische-paedagogik.de))
07.12.2007 ArtikelOder: Hält sich eine spanische Zeitung nicht an eine Sperrfrist – schon wird die Suspendierung des OECD-PISA-Koordinators Andreas Schleicher gefordert. Kaum sind die Daten auf dem Tisch – schon wissen die Politiker, wie sie zu interpretieren sind. Sagt Herr Schleicher, man könne den Befund doch nicht wegdiskutieren, dass Schulsysteme, die Breitenförderung ohne frühe Auslese betreiben, auch breitere und bessere Leistungserfolge hätten (was eine Binsenweisheit ist, wie der Breiten-Vereins- und Kader-Leistungssport und die Musikschulen lehren) – schon wird dem vielgliedrigen deutschen System angedichtet, "es habe sich bewährt"; "die Reformen greifen" befand die Bundesministerin Schavan – ebenfalls: Ich sehe was – was sie aber ganz allein irgendwo und -wie herausgefunden haben muss – und überhaupt ist man allerorten "auf dem richtigen Weg".
Offensichtlich sind viele Ministerinnen und Minister dankbar, sich von ihren eigentlichen Aufgaben und Problemen ablenken lassen zu können: zu wenige und zu schlecht ausgebildete Lehrkräfte, Versorgungsengpässe in wichtigen Fächern, zu große Klassen in zu kleinen Klassenzimmern, die absterbende Hauptschule und fehlende Ausbildungsplätze für ihre Absolventen, ein pädagogisch ruinierter Betrieb des G 8-Gymnasiums und so weiter und so fort.
Schwächen werden offen konstatiert
Ein Blick zu den Eidgenossen eröffnet eine bildungs- und schulpolitisch gänzlich andere Optik.
Sie freuen sich amtlicherseits über die Ergebnisse, die angesichts des Schulalltags in einer Multi-Kulti-Gesellschaft respektabel seien. Und sie konstatieren offen ihre Schwächen: Der Unterricht in Naturwissenschaften wecke nicht in wünschenswerter Weise das Interesse der Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte müssten besser aus- und weitergebildet werden, die Zahl der Unterrichtsstunden für Naturwissenschaften und Technik in den Sekundarschulen sei zu gering, die Fächer dürften aber nicht getrennt, sondern müssten vernetzt unterrichtet werden usw. So Peter Labudde, Leiter des Instituts Sekundarstufe 2 der Pädagogischen Hochschule Bern und ab 2008 Leiter des neuen Zentrums für Naturwissenschaften- und Technik-Didaktik der PH Nordwestschweiz (in einem Interview "Interesse ist nicht sehr groß" in der in Bern erscheinenden Tageszeitung "Der Bund", 5.12.2007, S. 2). Labudde hat auch eine naheliegende Begründung für die seit dem Jahr 2000 stabilen schweizerischen PISA-Werte: "Das Bildungssystem ist relativ träge. Innerhalb von sechs Jahren sind keine großen Veränderungen zu erwarten." Vor allem dann nicht, so darf ergänzt werden, wenn in diesen sechs Jahren – wie in Deutschland auch – gar keine großen Veränderungen beabsichtigt oder gar eingeleitet worden sind. Sie sind in der Schweiz in Vorbereitung, aber nicht wie hierzulande von oben und außen durch den Oktroi frei erfundener Leistungsstandards (sog. "Bildungsstandards"), sondern von unten und innen durch längst nicht abgeschlossene Ermittlungen, was Schülerinnen und Schüler unter welchen Umständen denn überhaupt durchschnittlicherweise zu leisten imstande sind. Eine nationale Mentalität, die auch dem Gebirge z.B. durch Lawinen- und Muren-Verbau gesicherten Lebensraum abzugewinnen vermochte, lässt sich durch die Datengebirge der OECD nicht aus der Fassung bringen.
Kein X für ein U
Die Debatte in zwei führenden schweizerischen Zeitungen ist denn auch ganz unaufgeregt, nüchtern, immer der Tatsache eingedenk, dass man dem Schweizervolk kein X für ein U vormachen und ihm nichts einzureden versuchen sollte, was es durch Volksentscheid rasch auch wieder kippen könnte.
In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ Nr. 283 vom 5.12.2007, S. 15: "Gute Pisa-Zensuren für die Schweiz" von hag.) lesen wir:
"Die Zahl der Teilnehmerländer [bei PISA 2006] ist von 32 im Jahre 2000 auf 57 im Jahre 2006 angewachsen, bereits knapp die Hälfte davon gehören nicht der OECD an. Es scheint chic, vielleicht gar staatstragend zu sein, Pisa-Zensuren im Portefeuille zu haben, auch wenn das die öffentliche Hand Millionen kostet. [PISA 2009 wird die Schweiz 4,5 Mio. Franken kosten, also 3 Mio. Euro] ...
Weil immer nur ein einziger Kernbereich intensiv abgefragt wird, sind Vergleiche mit den Vorjahren, wo diese Fächer kein Schwerpunktthema waren, laut Übungsanlage nicht zulässig. Weil zudem die Resultate auf Stichproben beruhen, ist eine exakte Rangliste nicht möglich. Veröffentlicht wird nur ein Bandbereich, in dem ein Land liegt. So viel zu den Fakten ...
Warum erhält Finnland schon zum dritten Mal die Pisa-Goldmedaille? ... Wie kann die Schweiz von den Besten lernen? Antworten auf solche Fragen konnte es naturgemäß (noch) keine geben. Oder wie die oberste Statistikerin [die Direktorin des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik, Frau Bürgi-Schmelz] es aus¬drückte: Man kennt die Zahlen, ihre Kausalität kann man nicht interpretieren. Das Patentrezept für Pisa-Spitzenränge fehlt also noch. ...
Ein paar Hinweise lieferte die EDK-Präsidentin Chassot [Erziehungsdirektorin des Kantons Fribourg] dennoch bereits heute: Sie warnte davor, den Test als Sportwettkampf zu sehen, die Publikation von Ranglisten sei fragwürdig. Dies auch, weil demografische und soziokulturelle Verhältnisse der Länder unberücksichtigt blieben. In der Schweiz sei der Anteil der ausländischen Bevölkerung doppelt so hoch wie in Deutschland oder Österreich. ... Schwierig zu vergleichen ist laut Chassot auch die Unterrichtszeit. So bestünden Unterschiede bei der Organisation des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Pisa teste zudem nur einen Ausschnitt der Leistungsfähigkeit des Bildungssystems ..."
Im Berner "Bund" (2.12.2007, S. 1: "Schweizer über dem Mittel" von for/rw) wird darauf hingewiesen, dass der bessere Rankingplatz der Schweiz beim Lesetest auf das gesunkene Niveau der Vergleichsländer zurückzuführen sei; auf Seite 2 ("Das Notenblatt für die Schweizer Schulen" von Christof Forster) wird kritisch zu bedenken gegeben: "Der Test berücksichtigt allerdings nur gewisse Fähigkeiten (mathematisch/analytische und sprachliche) und lässt andere Kompetenzen, die auch wichtige Wirtschaftsfaktoren sein können, außer Acht. Dazu gehören der Umgang mit Mitmenschen, Kreativität und musische Fähigkeiten." Später (im "Bund" vom 6.12.2007) wird zusätzlich noch "Einfühlungsvermögen" genannt – allesamt lebens-, gesellschafts- und wirtschaftsrelevante Kompetenzen, die sich aber den Testbatterien à la PISA entzögen.
Plädoyer für empirische Unterrichtsforschung
Unter der Überschrift "Der Unterricht wird mit Pisa nicht besser" bringt der "Bund" (ebd., S. 2) ein Interview von "rw." mit Walter Herzog, renommierter Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern (Abt. Pädagogische Psychologie) und ehemaliger Schulratspräsident der Pädagogischen Hochschule Bern. Es hat folgenden Wortlaut:
"Pisa zeigt Wirkung. Ganze Länder richten ihre Bildungspolitik auf die internationale Vergleichsstudie aus. Bildungspolitiker jedwelcher Couleur bedienen sich für ihr Argumentarium bei den Resultaten. Die Studie hat sich international etabliert und wird immer weniger hinterfragt. Dennoch gibt es noch kritische Stimmen, zum Beispiel jene von Walter Herzog. ´Mit der Pisa-Studie kann zwar der Lernstand der 15-Jährigen erhoben werden´, sagt Herzog, ´der Unterricht wird aber allein dadurch nicht besser.´ Pisa liefere kaum Angaben, wie unterschiedliche Leistungen zu erklären seien. ´Man erfährt praktisch nichts über die Unterrichtsqualität´, so Herzog. Das heutige Bildungsmonitoring, ob nun die Pisa-Studie oder künftig das schweizerische Projekt von Bund und EDK, sei sehr ´Output-orientiert´, es werde zu wenig untersucht, wie die Resultate zustande kämen. Dazu bräuchte es echte Unterrichtsforschung und nicht bloße Leistungsmessungen. ´Die Schweiz sollte die 4,5 Millionen Franken für die Pisa-Studie, oder wenigstens einen gewichtigen Teil davon, lieber für empirische Unterrichtsforschung ausgeben´, so Walter Herzog. Der Professor sieht noch eine weitere Gefahr: ´Pisa suggeriert, dass sich nur die Schule entsprechend ändern muss, damit die Schülerinnen und Schüler bessere Resultate erzielen.´ Dass Schulleistungen auch von vielen Faktoren außerhalb der Schule abhängen, werde weitgehend ausgeblendet. Und schließlich ist sich Herzog auch nicht sicher, ob Pisa überhaupt die richtigen Kompetenzen misst. Die OECD behaupte, was Pisa erhebe, sei für die Gesellschaft wichtig. ´Doch ob das stimmt, wurde noch nie überprüft.´"
Eben.
Belohnung tut gut
Noch ein Streiflicht zum Schluss. In Kreisen der deutschen Kultusminister regt man sich über einen SPIEGEL-Bericht auf: dass nämlich in einigen Ländern die Schülerinnen und Schüler mit Geschenken zu besseren Testleistungen ermuntert worden seien. Die Aufregung unterstellt, was die PISA-Forscher natürlich in Abrede stellen (mit welcher Begründung eigentlich?), solche Dinge hätten keinen Einfluss auf die Testleistungen (was Weinert und Helmke schon vor 15 Jahren durch die Ermittlung des Einflusses von emotionalen "Mediatoren" bei der Leistungserbringung empirisch widerlegt haben).
Aus dieser "Bestechungs"-Geschichte wird durchaus ein Schuh. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt (Nr. 279, 4.12.2007, S. 6: "Soziale Auslese im Unterricht" von Birgit Taffertshofer und Tanjev Schultz): "Wäre es so einfach, die Leistungen der Schüler zu verbessern, bräuchte man sich in reichen Ländern wie Deutschland nicht mehr so viele Gedanken über die Bildungsmisere zu machen." Dieser ironisch gemeinte Hinweis ist ganz und gar nicht abwegig, denn das pfeifen die Spatzen der 100 Jahre alten Reformpädagogik und der jüngsten Gehirnforschung von den Dächern: Leistungssteigerungen erreicht man nicht zuletzt durch Ermutigung und Ermunterung, Vertrauen und Wertschätzung, Spaß und – Belohnungen! Denn irgendwie muss ja der Neuromodulator Dopamin intensiviert werden, sonst sind keine "Mediatoren" am Werk, die fast die Hälfte der erbrachten Testleistung erklären.
Das ändert nichts an den strukturellen Mängeln unseres Schulsystems und Schulbetriebs, aber die Schülerinnen und Schüler wären wenigstens zufriedener und dadurch motivierter und dadurch mindestens leistungsbereiter und dadurch auch leistungsfähiger (guten Unterricht vorausgesetzt, versteht sich).
Es ist nämlich eine Absurdität, Leistungssteigerung ohne Leistungsanreize und ohne die Erfahrung "Leistung macht Spaß" herbeiführen zu wollen.
Zur Person
Ulrich Herrmann hat als Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen gelehrt und war zuletzt als Professor für Pädagogik an der Universität Ulm Leiter des Seminars für Pädagogik.
Weiterführende Links
- Forum Kritische Pädagogik
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