Programm gegen Mobbing an Schulen gestartet
(red/idw) Jeder vierte Schüler an deutschen Schulen ist oder war bereits Opfer von Mobbing. Ob verbale oder physische Attacken, online oder direkt im Klassenzimmer, Mobbing hat viele Gesichter. Ein neues Programm soll jetzt dazu beitragen dass der Schulalltag nicht zum Albtraum für viele Schüler wird.
25.09.2014 ArtikelDas "Olweus Mobbing-Präventionsprogramm" soll an 30 weiterführenden Schulen in Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis angeboten werden; betreut wird es von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg.
Ab Januar 2015 wird an diesen 30 Schulen zuerst der Ist-Zustand an Gewalt und Mobbing durch einen anonymisierten Fragebogen ermittelt. Danach werden in 15 Schulen auf Klassen- und Einzelebene die Themen Mobbing und Gewalt angesprochen. In regelmäßigen Treffen sollen Schüler und Lehrer mehr Zusammenhalt und Verständnis füreinander schaffen. Zudem sollen die Gründe für das Mobbing analysiert und Lösungsansätze formuliert werden. Durch spezielle Veranstaltungen sowie Elternabende werden auch die Familien einbezogen. Die verbleibenden 15 Schulen starten als Kontrollgruppe ein Jahr später mit dem Programm.
Das "Olweus Bullying Prevention Program" gilt in Norwegen und Amerika als bewährtes Konzept im Kampf gegen Mobbing. In einer begleitenden Studie untersuchen die Heidelberger Wissenschaftler, ob das Programm auch im deutschen Schulsystem anwendbar und wirksam ist. Die Implementierungsphase des Programms ist auf 18 Monate ausgerichtet, mit dem Ziel, Anti-Mobbing-Strukturen dauerhaft in den teilnehmenden Schulen zu etablieren und Ansätze und Handlungsempfehlungen für alle Schulen im Land heraus zu stellen. Nach Ablauf der 18 Monate können die Schulen das Programm dann selbstständig weiterführen.
Langfristiges Konzept
"Nur dauerhafte Veränderungen in den schulischen Rahmenbedingungen können Mobbing reduzieren", erklärt Prof. Dr. Dan Olweus, der international renommierte norwegische Begründer des Präventionsprogramms. Er wird die Mitarbeiter des Projekts am Uniklinikum Heidelberg bei der Implementierung und Durchführung unterstützen. Dan Olweus hat seit 1983 sechs Evaluationen mit mehr als 40.000 Schülern in Norwegen durchgeführt. Er konnte belegen, dass sein Konzept Mobbing um 20 bis 70 Prozent reduziert. "Bei Mobbing gibt es ein Ungleichgewicht der Kräfte zwischen Täter und Opfer – als Erwachsene sind wir in der Verantwortung, dieses Verhalten nicht zu akzeptieren sondern zu stoppen", so Olweus weiter.
Ziel des Programms ist es, die Aufmerksamkeit für Mobbing zu erhöhen und die Einstellung an Schulen zu verändern. "Mobbing lebt von Zuschauern – es darf nicht cool sein, Klassenkameraden zu drangsalieren", sagt Dr. Michael Kaess, Geschäftsführender Oberarzt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg, der die Studie leitet.
Konkrete Hilfestellungen für Lehrerinnen und Lehrer
Wie geht man mit einem Mobbing-Verdacht um? Wie greift man ein, ohne Täter und Opfer bloßzustellen und das Problem zu verschlimmern? In regelmäßigen Schulungen sowie in Workshops mit Kollegen und ausgebildeten Olweus-Coaches lernen Lehrkräfte in Mobbing-Situationen angemessen zu reagieren. Sie bekommen zudem ein Begleitbuch mit Hintergrundinformationen, Tipps, Regeln und Rollenspielen an die Hand. Darüber hinaus gibt es Filmmaterial, das sie gemeinsam mit ihren Schülern anschauen und besprechen können. Beispielsweise setzt sich eine Schulklasse einmal die Woche zusammen, tauscht sich aus zu Themen wie Freundschaft, Mobbing oder Ausgrenzung, schaut sich themenspezifische Filme an oder erfährt in Rollenspielen wie mit Mobbing umgegangen werden kann.
Das Leiden hört auch nach der Schulzeit nicht auf
Obwohl es bereits seit Mitte der 90er Jahre einige schulbasierte Präventionsprogramme in Deutschland gibt, ist Mobbing weiterhin ein großes Problem: "Die Prävalenzrate ist alarmierend: Zwischen 25 und 50 Prozent der Kinder sind im Laufe ihrer Schulzeit von Mobbing betroffen – als Täter, Opfer oder sogar in beiden Rollen", so Kaess. Wer in der Schule von seinen Klassenkameraden gemobbt würde, leide oft noch Jahre später: Depressionen, Ängste, sogar Selbstmordgedanken und -versuche könnten die Folgen sein. Aber auch die Täter seien selten glückliche Menschen: Sie hätten ebenfalls ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen; neigten zu Suchtverhalten und Aggressionen.
Die Baden-Württemberg Stiftung stellt für das bundesweit einmalige Programm 460.000 Euro zur Verfügung. Das Olweus Mobbing-Präventionsprogramm ist Teil des Aktionsprogramms "Psychische Gesundheit von Jugendlichen" der Baden-Württemberg Stiftung, wofür die Stiftung insgesamt 1,8 Mio. Euro bereitgestellt hat.
Weitere Informationen unter: www.klinikum.uni-heidelberg.de/Klinik-fuer-Kinder-und-Jugendpsychiatrie
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