Schleswig-Holsteins Lehrkräfte brauchen Rettungsschirm - GEW-Mitgliederbefragung bestätigt wachsende Arbeitsbelastung

Die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte an Schleswig-Holsteins Schulen steigt immer mehr. Diesen alarmierenden Befund liefert eine Mitgliederbefragung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), an der sich mehr als 1000 GEW-Mitglieder an Schulen beteiligten. Das Oldenburger Meinungsforschungsinstitut UMG hatte Ende vergangenen Jahres für die GEW Schleswig-Holstein die Befragung durchgeführt.

11.03.2009 Pressemeldung GEW Schleswig-Holstein

Kurz und knapp zusammengefasst lauten die wichtigsten Ergebnisse:

  • 96,1 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer leiden unter hohen Arbeitsbelastungen.
  • Für 80,5 Prozent haben die Belastungen durch die Schulreformen noch zugenommen.
  • Bei der Umsetzung der Schulreformen fühlen sie sich von Bildungsministerium (90,8 Prozent), dem Lehrerbildungsinstitut IQSH (71,7 Prozent) und Schulträgern (66,4 Prozent) mit ihren Aufgaben und Belastungen völlig im Stich gelassen.

"Überraschen können diese Ergebnisse nur diejenigen, die wie die Bildungsministerin die Realität an den Schulen nur durch eine rosarote Brille betrachten. Uns überraschen sie höchstens in ihrer Deutlichkeit", sagte der GEW-Landesvorsitzende Matthias Heidn zu den Ergebnissen der Befragung am 11.3.09 in Kiel. An die Bildungsministerin appellierte er: "Nehmen Sie die Ergebnisse der GEW-Mitgliederbefragung ernst! Tun sie endlich etwas für die Arbeitsentlastung und Arbeitszufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer!"

"Um den ständig steigenden Belastungen endlich ein Ende zu bereiten, brauchen wir einen umfassenden Rettungsschirm für Lehrkräfte", schlug der GEW-Landesvorsitzende vor. Konkret forderte er:

  • Wiederbesetzung aller Stellen trotz Rückgang der Schülerzahlen
  • Keine Klasse mit mehr als 24 Schülerinnen und Schülern
  • Nicht mehr als 24 Wochenstunden für alle Lehrerinnen und Lehrer
  • Keine Erhöhung des Pensionsalters auf 67 - Wiedereinführung von Altersteilzeit und Altersermäßigung
  • Massiver Ausbau der Schulsozialarbeit
  • Mehr Unterstützung bei der Umwandlung der Schulen (Zeitausgleich, zentrale Hilfen)
  • Mehr kostenfreie Fortbildungen während der Unterrichtszeit
  • Einrichtung von Lehrerarbeitsplätzen

"Anfangen sollte das Bildungsministerium sofort mit der Streichung von EVIT und VERA und dem Verzicht auf die Einführung zusätzlicher Prüfungen. Das belastet nur unnötig die Lehrkräfte und lässt sich von heute auf morgen streichen, ohne den Landeshaushalt auch nur mit einem Cent zu belasten!", sagte Matthias Heidn.

Einzelheiten aus der GEW-Mitgliederbefragung

Arbeitsbelastung

96,1 Prozent der Befragten schätzen ihre Arbeitsbelastung als hoch oder sehr hoch ein. Fragt man dann nach den einzelnen Belastungsfaktoren, stellt sich Folgendes heraus: Lehrerinnen und Lehrer leiden in extremer Weise unter Zeitmangel. 92,3 Prozent fühlen sich durch Zeitmangel stark oder sehr stark belastet. Mittelwertberechnungen auf einer Skala von 1 (= sehr stark) bis 5 (= sehr schwach) benennen Klassengrößen, Korrekturen, neue Unterrichtsformen und die Raumsituation in der Schule als weitere starke Belastungsfaktoren.

Schulreform

Die durch ihre Arbeit sowieso schon hoch belasteten Lehrkräfte werden nun mit den Veränderungen des schleswig-holsteinischen Schulsystems konfrontiert. 80,5 Prozent der Befragten geben an, dass die Veränderungen im Schulsystem zu einer starken oder sehr starken Veränderung ihrer Belastungssituation geführt hätten. Bei der Konkretisierung dieser Frage in Hinblick auf einzelne Belastungsfaktoren stehen die Verstärkung der individuellen Förderung von Schülern und die Konzeptentwicklung an der Spitze. Der Mittelwert liegt bei unter 2, rund 81 Prozent fühlen sich stark oder sehr stark belastet.

Vorbereitung auf Schulreform

Auf die Frage, inwieweit sich die Lehrkräfte auf die Veränderungen beim Umbau des schleswig-holsteinischen Schulsystems vorbereitet fühlten, antworten mehr als zwei Drittel "schlecht" (46,0 Prozent) oder "sehr schlecht" (22,4 Prozent).

Unterstützung bei Schulreform

Was die Unterstützung der Lehrkräfte bei der Umsetzung der Veränderungen an den Schulen betrifft, fühlen sich 90,8 (Neun von zehn Lehrkräften!) Prozent der Befragten vom Bildungsministerium nur sehr schwach (68,5 Prozent) oder schwach (22,3 Prozent) unterstützt. Die Antworten für das IQSH fallen kaum besser aus: Sehr schwach = 34,8 Prozent; schwach = 35,9 Prozent. Auch die Schulträger kommen in den Augen der Befragten nicht gut weg. Zwei Drittel der Befragten bescheinigen ihnen, die Lehrkräfte bei der Umsetzung der Schulreform nur sehr schwach (44 Prozent) oder schwach (22,4 Prozent) zu unterstützen.

Fortbildungen

Die vom IQSH angebotenen Fortbildungsmaßnahmen entsprechen vor allem vom Zeitpunkt sowie von der Finanzierung her nicht den Erwartungen. Um die 70 Prozent geben an, dass Zeitpunkt und Finanzierung der Fortbildungen nur schwach oder sehr schwach ihren Erwartungen entsprächen.

Schulausstattung

88,1 Prozent der Lehrkräfte meinen, dass die individuellen Arbeitsplätze für Lehrkräfte nur schwach oder sehr schwach den Erfordernissen gerecht würden. Bei der Schulsozialarbeit liegt die Zahl bei 64 Prozent, bei der räumlichen Ausstattung der Schule bei 59,9 Prozent und bei der sächlichen Ausstattung der Schule bei 44,5 Prozent.

Rahmenbedingungen

Die Unzufriedenheit mit einzelnen Rahmenbedingungen ist offenkundig. Von 67,3 Prozent der Befragten ist die Zufriedenheit mit der Pflichtstundenzahl niedrig oder sehr niedrig. Beim Umfang der Wochenarbeitszeit sind dies 71,5 Prozent, beim gesellschaftlichen Ansehen des Berufes 66 Prozent. Das Positive wollen wir an dieser Stelle nicht verschweigen: 78, 4 Prozent sind mit der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes hoch oder sehr hoch zufrieden.

Verbesserungen

Gefragt nach bestimmten Maßnahmen, mit denen die Arbeitssituation verbessert werden könne, gibt es die größte Zustimmung (sehr stark und stark) in Prozenten für mehr Personal (93,2), kleinere Klassen (90,3), Reduzierung der Pflichtstunden (88,4) und für mehr sozialpädagogische Fachkräfte an den Schulen (87,4). Daran anknüpfend wurde nach den Erwartungen an die GEW gefragt. Welche Ziele solle sie in den Mittelpunkt stellen? Alle auf die Arbeitsbedingungen bezogenen Ziele stießen in der Mitgliedschaft auf volle oder überwiegende Zustimmung. Auf die höchsten Zustimmungsraten kamen die Forderungen nach mehr Geld für Bildung und den Verzicht auf Stellenstreichungen mit 94,4 Prozent und die Forderung nach kleineren Klassen mit 91,7 Prozent.

Protestbereitschaft

Die meisten GEW-Mitglieder sind auch bereit für ihre eigenen Interessen einzutreten. Mehr als 70 Prozent wären bereit, an Protestaktionen an der Schule oder landesweiten Protestaktionen, wie zum Beispiel einer Demonstration, teilzunehmen. Auch die gezielte Dienstpflichtverletzung halten viele GEW-Mitglieder für kein Tabu mehr. 46,1 Prozent können sich vorstellen, an Protestaktionen während der Unterrichtszeit teilzunehmen.

Die vollständigen Ergebnisse der GEW-Mitgliederbefragung finden Sie in einer grafischen Darstellung auf der GEW-Homepage www.gew-sh.de

Ansprechpartner

GEW Schleswig-Holstein

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