Schulen brauchen neue Form der Budgetierung
Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat erneut eine Reform der Mittelzuweisung für Schulen in Großstädten, Ballungsräumen und strukturschwachen Regionen gefordert. Weil sich die Anforderungen an die Schule hinsichtlich kultureller, sozioökonomischer und familiärer Hintergründe je nach Lage und der Zusammensetzung der Schüler erheblich voneinander unterscheiden, funktioniere das Gießkannenprinzip nicht mehr.
22.01.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."In den Fokus müssen künftig die tatsächlichen Besonderheiten und Herausforderungen der einzelnen Schule rücken", sagte Wenzel heute in München. Dazu gehörten die Kriterien des Förderbedarfs im Bereich Sprache, Lernen und Verhalten. Als erste Schritte in die richtige Richtung bezeichnete Wenzel, dass bereits vor drei Jahren die Lehrerzuweisung bei Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund differenziert und erhöht worden sei und dass seit diesem Schuljahr, erstmalig in Bayern, an vier Münchner Schulen weitere Indikatoren der bedarfsgerechten Budgetierung berücksichtigt würden. So würde z.B. auch die Arbeitslosenquote der Eltern oder der Familienstand zum Tragen kommen. Für Wenzel reichen diese Bemühungen aber noch nicht aus. Er forderte den zügigen Ausbau. Erfreulich sei, dass das Thema in Bayern angekommen sei und sich am Donnerstag der Bildungsausschuss im Landtag damit befassen werde - "nicht zuletzt auf Initiative des BLLV", so Wenzel. Der Verband habe bereits im Jahr 2006 einen "pädagogischen Belastungsausgleich" an bayerischen Schulen gefordert.
Wenzel appellierte an die Abgeordneten, rasch zu handeln. "Bildungssysteme der Zukunft dürfen Unterschiede nicht verstärken." Bildungspartizipation dürfe nicht vom Wohnort abhängen, ebenso wenig vom Einkommen oder der Herkunft einer Familie. "In Großstädten z.B. kommt es sehr darauf an, in welchem Stadtviertel die jeweilige Einrichtung liegt. Je nach Lage bringen junge Menschen unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, kulturelle Kontexte und Sprachkompetenzen mit." Hinzu komme, dass sich die Erziehungswelten, in denen Kinder heute aufwachsen, erheblich voneinander unterscheiden. "Die Defizite, die sich daraus ergeben, müssen ausgeglichen werden."
Den Schulen komme hierbei eine entscheidende Rolle zu, betonte der BLLV-Präsident. Sie könnten ihre Aufgabe aber nur bewältigen, wenn sie über die nötigen Ressourcen verfügten. Als Sofortmaßnahmen schlug er vor, Großstadtschulen in Problemvierteln mehr Lehrerstunden, mehr Schulsozialarbeit, mehr Besprechungszeit, mehr frei verfügbare Stunden, z.B. für Schülergemeinschaften oder Kooperationsstunden, sowie mehr Förderlehrer zur Verfügung zu stellen. "Die Lehrerinnen und Lehrer müssen zudem gezielt auf ihr Berufsfeld und ihren Einsatz in einer Großstadt vorbereitet werden, außerdem sollte dafür Sorge getragen werden, dass ihre Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden. Es darf nicht sein, dass der Fachunterricht im arbeitspraktischen Bereich von nicht dafür ausgebildeten Lehrkräften übernommen werden muss", sagte Wenzel. "An den Großstadtschulen sind die wenigsten Förderlehrer eingesetzt, das ist untragbar."
Aus Sicht des BLLV liegt die Lösung in einer bedarfsorientierten Budgetierung. Basis müsste ein Sozialindex sein, der den Schulen zur Verfügung steht und nach dem sich die Finanzierung einer Schule orientiert. Er könnte vier soziodemographische Merkmale berücksichtigen: Arbeitslosenquote, Sozialhilfequote, Migrantenquote und Haushaltsgröße. Die Zuweisung der Stellen bzw. der Stellenanteile durch die Bezirksregierungen an die Schulämter erfolgt dann auf der Grundlage dieses Sozialindexes. "Diese Vorgehen sollte zumindest diskutiert werden", regte Wenzel an.
"Wenn nichts geschieht, wird es in Städten und Ballungsräumen zu einer noch schärferen Aus- und Abgrenzung kommen, tausende Kinder werden zu Bildungsverlieren, denn sie werden mit ihren Defiziten allein gelassen." Die bisherigen Maßnahmen reichten nicht aus und griffen zu kurz, kritisierte der BLLV-Präsident. So könnten Schulen, die einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund vorweisen, zwar Förderstunden beantragen, doch die erzieherischen Herausforderungen seien durch das oft schwierige Verhalten der Kinder immens und kräftezehrend. Die Klassen und Gruppen vieler Bildungseinrichtungen seien zudem immer noch zu groß. Deshalb sei es nicht möglich, auf die Defizite benachteiligter Kinder und Jugendlichen einzugehen. "Das trifft auch auf Förder-, Realschulen und Gymnasien zu. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die an diesen Schulen professionelle Unterstützung brauchen, steigt."
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