Schulleiterkongress/Roland Koch: "Schule im Interesse unserer Kinder weiter fortentwickeln, ihre Eigenverantwortung stärken und sie für die Gesellschaft weiter öffnen"
"Wir wollen die Schule in Hessen im Interesse der Zukunft unserer Kinder weiter fortentwickeln und sie für die Gesellschaft weiter öffnen." Dies erklärte Ministerpräsident Roland Koch heute in der Frankfurter Jahrhunderthalle vor rund 2.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des hessischen Schulleiterkongresses.
03.03.2007 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Kultus, Bildung und ChancenSchule, so Koch, müsse sich als "umfassender Dienstleister für die Gesellschaft verstehen, darf sich nicht auf das Abarbeiten von Lehrplänen beschränken, sondern muss sich dafür verantwortlich fühlen, dass aus den ihr anvertrauten jungen Menschen einmal etwas wird". Um diese Aufgabe bewältigen zu können, müsse sich Schule "noch stärker für die Gesellschaft öffnen und für ihre Schülerinnen und Schüler so interessant und abwechslungsreich wie möglich werden. Wir haben klare Ziele, wie wir unsere Schulen im Zusammenhang der gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen zukunftsfähig machen wollen. Dieser Prozess wird sich im Interesse der Schülerinnen und Schüler künftig eher noch beschleunigen. Hessen wird den Weg zum Bildungsland Nummer 1 weiter gehen. Die Option, sich davor zu verschließen, gibt es nicht, weil wir diesen Weg den jungen Menschen schuldig sind." Dass dieser Weg hohes Engagement aller Beteiligten erfordere, so der Ministerpräsident, sei ihm sehr bewusst: "Wir wissen die Leistungen unserer Lehrerinnen und Lehrer und der Führungskräfte in den Schulleitungen zu schätzen – und stehen zu Ihnen."
Bildungsqualität als Schlüssel zum schulpolitischen Erfolg lasse sich nicht allein durch zentrale Vorgaben verwirklichen, betonte Roland Koch. Deshalb setze die hessische Landesregierung auf "ein deutlich höheres Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schulen". Der Ministerpräsident kündigte an, "den in anderen Bereichen bereits erfolgreichen Bürokratieabbau noch stärker ins Schulwesen hineinzutragen." Eigenverantwortlichkeit bedeute nicht Beliebigkeit oder Alleingelassensein, sondern mehr Freiheit beim Erfüllen von Zielvorgaben mit Unterstützung durch Schulämter und Schul-TÜV. Schulleitung werde in diesem Prozess zum "eigenständigen Beruf als Schulmanager mit weitreichenden Konsequenzen, der weitgehend vom Unterricht freigestellt werden muss".
Kultusministerin Karin Wolff nahm den Ball auf und begrüßte "die gesamte Führungsmannschaft des hessischen Schulwesens zur Premiere in einer Halle: Wir sind keine 2.000 Solisten, sondern ein Team, das an einem Strang zieht, um Unterricht und Schule in Hessen weiter zu verbessern." Ohne neue Impulse von Bildungsexperten aus dem In- und Ausland gehe das nicht. Als wesentliche Bausteine bereits umgesetzter Eigenverantwortung hessischer Schulen nannte sie: "Schulprogramm, eigene Budgets für Vertretungskräfte und Fortbildungen, Auswahl neuer Lehrkräfte und mehr Flexibilität dank der Jahresstundentafel". Die Landesregierung wolle das Berufsbild der Schulleiter weiter profilieren und diesen Führung ermöglichen, so Karin Wolff.
Handlungsbedarf zum Professionalisieren des Schulleiter-Berufes sehe sie in fünf Punkten:
- Es müsse überlegt werden, ob und inwieweit Leitungszeiten über die mehr als zehntausend zusätzlichen Entlastungsstunden seit 1999 noch ausgeweitet werden müssen und können.
- Auch eigenes Verwaltungspersonal, damit sich die Schulleitungen auf das pädagogische Leiten der Schulen konzentrieren können, dürfe kein Tabu sein.
- Qualifikation mit Fortbildungsreihen und Zertifikaten sei auf dem Weg zum eigenen Berufsbild Schulleitung – ausgelegt auf die eigenverantwortliche Schule – unverzichtbar.
- Gemessen an den Aufgaben werde die Besoldung der Schulleiterinnen und Schulleiter als zu niedrig angesehen.
- Um bessere Führungsmöglichkeiten zu eröffnen, müsse die Vorgesetztenfunktion in der Schule gestärkt werden.
Hauptreferent Professor Dr. Rolf Dubs von der Universität Sankt Gallen bezeichnete es "als erwiesen, dass Schulen mit mehr Selbstständigkeit qualitativ bessere Schulen sind, sofern die staatlichen Rahmenbedingungen klar gesetzt sind und die Schulleitungen die Schulen führen." Hessen sei mit dem Konzept der Eigenverantwortung der Schulen auf gutem Weg. Allerdings hält Rolf Dubs noch Präzisierungen der Gestaltungsfreiräume durch weitere gesetzliche Anpassungen für erforderlich: "Wichtig ist vor allem eine genauere und praktikable Definition der Autonomie. Viel wichtiger ist es aber, dass die Lehrkräfte mit dem Konzept der geleiteten Schule vertraut werden, denn eine Schule mit mehr Selbstständigkeit kann nicht am Runden Tisch geführt werden." Dies sei auch notwendig, weil Schulleitung nicht nur administrative Aufgaben habe, sondern sich vor allem der Schulentwicklung widmen müsse, sagte der Professor aus der Schweiz. Führung dürfe aber nicht zu einer Hierarchisierung mit autokratischem Führungsstil entgleiten, "sondern Schulen brauchen Leitungen, die sich fürsorglich der Lehrkräfte annehmen und Leadership zeigen".
Ein großer Reformprozess, wie er für hessische Schulen geplant ist, verlange von Schulleiterinnen und Schulleitern viel, ergänzte Wille Straathof vom Hageveld-College in Heemstede: "Entwicklung zu mehr Führung und Steuerung – dazu brauchen Sie mehr Geld und mehr Zeit. Mehr Geld, um im Änderungsprozess das zu lernen, was man braucht, um gute Führung und Steuerung in eine selbstverantwortliche Schule geben zu können. Dies bedeutet Führen auf Verwalten, auf Inhalt und auf Zahlen, Budgetierung, Professionalisierung und Qualitätsentwicklung im Unterricht. Sie brauchen aber auch mehr Zeit für sich selbst! Es ist unmöglich, die notwendige Unterrichtsentwicklung, Personalpolitik und Finanzpolitik zu steuern, wenn die Leitung nicht die ganze Woche Zeit dafür hat." Allein die Gespräche, um mit jedem selbstverantwortlichen Mitglied der Schule die gesamte pädagogisch-didaktische Vision zu entwickeln, bräuchten schon mehr als eine Woche, so die College-Chefin aus den Niederlanden: "Aus meiner Sicht hat ein Schulleiter einer selbstverantwortlichen Schule keine Zeit, Unterricht zu geben. "Das sollte ein eigener Beruf mit entsprechendem Gehalt sein. Führung und die notwendige Entscheidungskraft sind in einer Primus-inter-pares-Situation fast unmöglich."
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