Bildungsgerechtigkeit

Mehr als Unterricht

Mit dem Startchancen-Programm begann im Schuljahr 2024/25 das größte Bildungsprojekt der Bundesrepublik. Ein spätes Schuldbekenntnis an ein Bildungssystem, das soziale Herausforderungen zu lange ignoriert hat? Ein Besuch vor Ort zeigt, wie sich das Programm im Schulalltag bemerkbar macht. Von Viktoria Udjbinac

11.11.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Lehrerin steht in einer Klasse zwischen Schülern, die an Tischen sitzen. © Adobe Stock Mehr Freiheit für Schulen – und 20 Milliarden Euro für bessere Bildungschancen soll das Startchancen-Programm bringen.

Vor dem Eingang der Kapellen-Mittelschule rauscht ein Sportteam lautstark vorbei. Im ersten Stock öffnet sich ein Fenster zum Innenhof. Dort lässt sich gerade das Basketball-Team feiern – als frischgebackene bayerische Meister. Die Freude liegt spürbar in der Luft, nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, auch bei den Lehrkräften. Während die Jubelrufe noch nachhallen, fällt der Blick ins Schulhaus: An einer Pinnwand mit der Überschrift „Gedanken zur Welt“ hängen handgeschriebene Zettel. Hier gibt es Raum, sich mitzuteilen. Der Flur führt vorbei an farbenfrohen Wandbildern. Ein Dschungel mit Giraffen, Affen, Schlangen. Am Ende des Ganges entfaltet sich eine Unterwasserwelt – Seesterne, Algen, Tintenfische – Raum, kreativ zu sein. Die Kapellen-Mittelschule in Augsburg-Oberhausen erzählt von Gemeinschaft und davon, dass hier nicht nur gelernt wird, sondern gelebt.

Ein Jahr dabei

Die Schule nimmt seit einem Jahr am Startchancen-Programm teil. Mehr Freiheit für Schulen – und 20 Milliarden Euro für bessere Bildungschancen soll das Programm bringen. Seit diesem September nehmen rund 4000 Schulen mit besonderem Unterstützungsbedarf teil. Grundlage für die Auswahl ist ein Sozialindex. Dieser erfasst anhand von Indikatoren wie Einkommen, Familiensprache, Migrationserfahrung und Bildungsniveau die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen im Schulumfeld. Ziel des Programms ist es, grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu stärken – und damit die gesamte Leistungsfähigkeit des Bildungssystems zu verbessern. Dabei sollen auch sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler besser gefördert werden. Eine Winwin-Situation sowohl für die Schulen als auch das Bildungswesen.

Die Ziele sind vielfältig beim Einstieg in das Programm, so der Schulleiter der Kapellen-Mittelschule Michael Tögel: den Zugang zur Elternschaft ausbauen, Leistungsschwierigkeiten in Mathematik und Deutsch minimieren sowie einen niederschwelligen Zugang zu vorhandenen Freizeitmöglichkeiten gewährleisten. Wie man heute nach einem Jahr damit umgeht? „Ähnlich wie vorher, bloß, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, uns zusätzlich Unterstützung zu holen und die Talente mit Ideen und zusätzlichen Angeboten herauskitzeln können“, erzählt der Schulleiter. Als Lehrkraft habe man oft viele Ideen, die sich aber nicht umsetzen lassen, weil die finanziellen Mittel dazu bisher gefehlt haben. Mit dem Startchancen-Programm sei das nun möglich. Das motiviere das Augsburger Kollegium.

Das Programm basiert auf drei Säulen: I Investition in eine zeitgemäße und förderliche Lernumgebung, II Chancenbudget für Schul- und Unterrichtsentwicklung, III Personal zur Stärkung multiprofessioneller Teams. Besonders wirkungsvoll zeigt sich in der Mittelschule Säule II – nicht zuletzt, weil die Schule bereits Zugriff auf die Gelder dieser Säule hat. Säule I hingegen bestimmt laut Tögel bisher noch wenig den Alltag der Schule, da die Mittel noch nicht verfügbar sind. Gespräche mit der Stadt Augsburg über gemeinsame weitere Schritte und Baumaßnahmen würden aber bereits laufen. Säule III soll dabei helfen, zusätzliches Personal einzustellen. Nicht unwichtig zu einer Zeit, in der Personalmangel herrscht. Allerdings benötigt Michael Tögel auch hierfür mehr Vorlauf: „Wen wählt man aus? Wer macht für uns Sinn und kann uns helfen?“, fragt sich der Schulleiter.

Schulidentität gestalten

Abgesehen von den finanziellen und organisatorischen Aspekten will die Kapellen-Mittelschule ihr Profil schärfen und neu darüber nachdenken, „was die Schule eigentlich für ein Ort für uns und die Kinder sein soll,“ betont Daniel Flemm. Er ist Lehrer und Teil der Steuerungsgruppe, die das Startchancen-Programm an der Schule verwaltet. Seine Kollegin Nina Kempf, ebenfalls aus der Steuerungsgruppe, hat bereits eine Vision dieser neuen Schulidentität: „Die Schule soll als positiver Ort wahrgenommen werden, der nicht nur von den Kindern fordert, sondern als ein Ort, wo man gerne hingeht und auch Mama und Papa mitbringt, damit auch die Eltern eine engere Bindung an uns bekommen.“

Ein Baustein für die Neuausrichtung ist die Kooperation mit dem Sportverein FC Augsburg. Im neuen Schuljahr kommen wöchentlich zwei Übungsleiter des FCA an die Schule und machen mit den sechsten Klassen über das ganze Jahr zwei Stunden Ballschule inklusive Leseförderung. In spaßigen Spielen lernen die Kinder den Umgang mit Hand, Fuß und Schläger. Gleichzeitig lesen sie in Zweier-Gruppen über mehrere Wochen gemeinsam ein Buch und stellen es am Ende in einer Präsentation vor. Schulleiter Tögel plant außerdem verschiedene Workshops, um den diversen Talenten der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden. Parallel dazu sollen auch die Lehrkräfte in Form von Vorträgen und Schulungen von dem Programm profitieren – alles Maßnahmen, die zur Weiterentwicklung der Schulidentität und zur Stärkung des Miteinanders beitragen sollen.

Große Ziele, neue Verantwortung

Entscheidend sei, nicht nur einzelne Maßnahmen umzusetzen, sondern langfristig und ganzheitlich zu denken, so Flemm. Das sei zwar mit mehr Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden, lohne sich aber, da es nicht nur die Schüler/-innen, sondern Schule im Ganzen voranbringe. Konkret wird sich Schulleiter Tögel zum Schuljahr 2025/26 mit Fachkräften aus der Jugendhilfe verstärken. „Die Formulierung von Stellenausschreibungen ist dabei Neuland für uns und gehört natürlich nicht zu unserem Basisgeschäft“, erklärt Tögel.

Die Profilschärfung der Schule soll auch dabei helfen, wenn es innerhalb des Kollegiums oder der Leitung der Kapellen-Mittelschule zu Wechseln kommt über die nächsten Jahre. Der feste Kern an Ideen garantiert, dass das Startchancen-Programm dennoch Bestandteil der Schule sein und langfristig wirken wird. Die Steuerungsgruppe um Daniel Flemm und Nina Kempf ist motiviert, mit dem Startchancen-Programm wirklich etwas zu ändern und zu erreichen. Nicht nur für das Kollegium selbst, sondern vor allem für die Schülerinnen und Schüler.

Ein kleines Beispiel zeigt, wie das Programm den Alltag an der Augsburger Schule verändert: ein leistungsstarker Beamer und eine mobile Leinwand für die Sporthallen. „Eine Anschaffung, von der die gesamte Schulgemeinschaft profitiert, denn sie sorgt dafür, dass die beiden Dinge nicht für jede Veranstaltung mühevoll in der Medienzentrale abgeholt werden müssen“, so Kempf. Es sind auch solche scheinbar kleinen Änderungen, die den Alltag an Schulen spürbar bereichern.

Erstaunlich ist, dass das Kollegium an der Kapellen-Mittelschule die Bürokratie bisher nicht als Belastung empfindet: „Seit wir an dem Programm teilnehmen, erhalten wir Post von vielen Trägern, die Werbung machen und Kooperationen mit uns eingehen wollen“, so Michael Tögel. Die Lehrkräfte sehen diese Kontakte als willkommene Gelegenheit, neue Ideen, Materialien und Unterstützungsangebote kennenzulernen, um sie dann mit den eigenen Vorstellungen abzugleichen. Eigene Ideen für Projekte gab es zwar schon immer, nur die Umsetzung sei jetzt deutlich einfacher, erklärt der Schulleiter. Er schätzt vor allem den neuen Gestaltungsspielraum, den das Startchancen-Programm seiner Schule bietet: „Schule befindet sich in einem stetigen Prozess und möchte und muss ständig weiterentwickelt werden. Es ist dabei sehr motivierend sich im Team strategische Gedanken zu machen. Dabei steht bei uns im Vordergrund: Was passt zur Schule und hilft uns wirklich weiter in den nächsten Jahren?“

Perspektive einer Grundschule

Knapp eine Autostunde südlich von Augsburg, im Speckgürtel von München, liegt die Gemeinde Karlsfeld. Anders als die Kapellen-Mittelschule nimmt die Karlsfelder Grundschule erst seit dem Schuljahr 2025/26 am Startchancen-Programm teil. Schulleiterin Barbara Sparr der Grundschule spricht kurz vor den Sommerferien über ihre Erwartungen und die Herausforderungen. Angesichts des Personalmangels erhofft sich Barbara Sparr unter den drei Fördersäulen vor allem Veränderung im Personal: „Wir haben viele Kinder mit verschiedenen Problemen, schwachen Deutschkenntnissen, ohne Unterstützung vom Elternhaus oder mit sozial-emotionalen Problemen“. Was sich die Schule wünscht: mehr Personal, mehr Zeit für das einzelne Kind – und kleinere Gruppen, um der Heterogenität besser begegnen zu können.

Sorgen macht sich die Grundschule vor allem wegen des zusätzlichen Organisationsaufwands: Personalsuche, Budgetverwaltung, Projektanträge – all das wird zusätzlich Aufgabe des Kollegiums sein. Dennoch blickt Sparr positiv auf das Programm und freut sich, dass die Politik die schwierige Lage der Schulen erkannt hat. Sparrs Vision für ihre Grundschule: „Dass in jeder Klasse zwei Personen sind, eine Lehrkraft und eine Erzieherin oder ein Erzieher – oder eine andere qualifizierte pädagogische Fachkraft – damit wären eigentlich die allermeisten unserer Probleme gelöst.“

Gleichzeitig will Schulleiterin Sparr verhindern, dass leistungsstarke Kinder ausgebremst werden. Hier erkennt die Schulleitung Chancen in Säule II, welche die Anschaffung digitaler Lösungen ermöglicht. Eine konkrete Vorstellung ist, mithilfe von KI-gestütztem Feedback zu arbeiten, das auch individuelle Förderung ermöglicht. Dank einer KI könnten Kinder Aufgaben selbst lösen und anschließend Feedback erhalten, was sie gut gemacht haben, was noch besser gemacht werden muss und sie können so lange üben, bis sie es können. Das soll es Schülerinnen und Schülern ermöglichen, ihre Stärken zu entdecken und auszubauen. Ob sich die in Karlsfeld gesetzten Hoffnungen erfüllen und das Startchancen-Programm zu einem spürbaren Aufschwung führt, so wie es in Augsburg bereits gelungen ist, wird sich ab September zeigen.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 3/2025, S. 60-63 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_3_2025/#60



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