Unterricht und Erziehung

Streit um den Brandbrief einer Lehrerin

(Andrej Priboschek). - Eine Grundschullehrerin aus einem Ort bei Hamburg schreibt einen empörten Brief an Eltern und fordert diese darin auf, ihre Kinder besser zu erziehen. Der Anlass: ein offenbar aus dem Ruder gelaufener Ausflug mit den Erstklässlern. Das Schreiben wird öffentlich – und sorgt für eine heftige Debatte. "Ach ja. Schon wieder eine Lehrerin, die zu gut für ihre Kinder ist", ätzt etwa Alan Posener, Autor der Tageszeitung "Welt".

07.04.2014 Artikel

Detailliert beschreibt die Pädagogin in dem fünfseitigen Brief das Verhalten ihrer Klasse auf einem Ausflug in die Kunsthalle Anfang Dezember, schildert die Sechs- und Siebenjährigen als desinteressiert und disziplinlos, mit schlechten Manieren und einem Hang zur Fäkalsprache. "Wir haben ein Problem mit Aggressionen an unserer Schule", sagt die Lehrerin, "und der Brief soll eine Gesprächsgrundlage sein". Von vielen wird das Schreiben (in dem es heißt: "Ich habe mich geschämt") allerdings als Provokation aufgefasst. Vor allem an einem Punkt entzündet sich die Debatte. In Sachen Erziehung schreibt die Pädagogin: "Sie denken: Wie putzig, das ist ja auch ihr Job? Falsch: Mein Job ist der, Ihre Kinder zum Lernen zu bewegen."

Posener meint nun: "Nein, Frau B., ist er nicht. Ihr Job – der wichtigste Job, den es in diesem Land gibt, zweifellos – wird in allen Schulgesetzen aller Bundesländer als ´Unterricht und Erziehung` umrissen. Lehrer müssen die Kinder nicht nur ´zum Lernen bewegen`; sie müssen ihnen oft Mutter oder Vater ersetzen; Zeit und Aufmerksamkeit geben, die zuhause fehlen; Strenge auch, Grundsätze, Werte, wenn man so will; aber immer mit Geduld, Respekt und vor allem Liebe." Pädagogen, die das nicht wahrhaben wollten, hätten schlicht den falschen Job. Immer wieder, so meint der Journalist, würden Klagen von offenbar überforderten Lehrern über Schüler öffentlich. "Manche Lehrkräfte haben ein Problem mit Kindern, egal, wie die sind. Wir kennen doch alle diese Leute aus der eigenen Kindheit. Sie sind unglücklich in ihrem Beruf. Und statt ihn zu wechseln, machen sie andere dafür verantwortlich." Tatsächlich, so Posener, sei Lehrer kein einfacher Beruf. Eine erste Klasse zu unterrichten sei vielleicht der schwierigste Job, den es an der Schule gibt. Jede Lehrerin, jeder Lehrer komme im Verlauf dieses ersten Jahres an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Aber: So sei nun mal der Job. Posener: "Die Lehrer können sich andere Eltern und Kinder wünschen, aber sie werden nicht kommen. Die Schule muss sich die Kinder heranziehen, die sie haben will: Sie muss sie erziehen. Wer das als Pädagoge nicht wahrhaben will, hat den falschen Beruf erwischt."

Der Kommentar war offenbar auch innerhalb der "Welt"-Redaktion umstritten. Sie nahm einige Tage nach Erscheinen von Poseners Text einen Kommentar der Redakteurin Annette Prosinger ins Blatt. In dem deutlich sachlicheren Beitrag heißt es: "Eine komplette erste Klasse, die nicht schulreif ist? Wer Dampf ablässt, übertreibt gern. Und es ist kein Verbrechen, Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Gören dem Lehrer ganz schön zusetzen. Bis der nicht mehr kann. Eigentlich gut, wenn jemand so etwas öffentlich macht. Statt schlaflos vor Ärger zu sein, sich in Lehrerzimmerintrigen abzureagieren oder Burnout anzumelden. Lehrerin B. begreift ihren Wutausbruch nicht als Kapitulation, sondern als ´Gesprächsgrundlage`, das zeugt immerhin von pädagogischem Ehrgeiz. Sie will die Eltern in die Pflicht nehmen, aus ihren Brüllbestien respektable Menschen zu machen." Lehrer könnten ruhig mal mit Eltern schimpfen, falls auf dieser ´Gesprächsgrundlage` gemeinsam nach Lösungen gesucht werde, schreibt Prosinger. Sie kommt aber auch zu dem Schluss: "Eines aber können Lehrer nicht: ihren Erziehungsauftrag ablehnen."

Auch unter den Lehrerinnen und Lehrern hat der Brandbrief der für eine engagierte Debatte gesorgt – wie sich im Forum der Nachrichtenseite news 4teachers.de zeigt. "Eltern und Staat (Schule) sind bei der Erziehung der Kinder einander nicht über- oder untergeordnet, sondern gleichberechtigt. Das heißt zum einen, dass nicht die Schule erziehen muss, die Eltern aber nicht und umgekehrt, dass nicht die Eltern alleine erziehen und die Schule nicht", so schreibt zum Beispiel ein Grundschullehrer mit dem Pseudonym Sofawolf. Eine Kollegin mit dem Kürzel ysnp meint: "Die Lehrerin spricht hier eine Tendenz an, die ich ebenfalls in den letzten Jahren an der Grundschule beobachte. Nicht umsonst gibt es schon an vielen Grundschulen Sozialarbeiter. Viele Eltern scheinen heute nicht mehr in der Lage zu sein (meistens durch Überforderung oder auch Überbehütung) ihren Kindern Grenzen zu setzen. Oft wird im 1. und 2. Schuljahr das Verhalten der Kinder von Eltern noch entschuldigt, aber spätestens, wenn die Kinder zehn Jahre alt werden und in die Vorpubertät kommen, erleben die Eltern selbst das Ausmaß ihrer Erziehung, denn, wenn sie so weitermachen, haben ab da dann ihre Kinder sie im Griff statt umgekehrt."

Von Kollegenseite kommt aber auch Kritik an der Autorin des Brandbriefes: "Wir sollten uns hier nicht zu sehr auf die Eltern ´einschießen`. Ich wäre niemals mit Kindern, die offensichtlich so ein defizitäres Verhalten zeigen, in ein Museum gefahren. Zumindest nicht mit allen. Das ist bei Klassenfahrten durchaus nicht unüblich. Ich muss mich als Lehrkraft auf die mir anvertrauten Kinder verlassen können. Geht das nicht, kann es keine Tagesausflüge oder Klassenfahrten geben", so schreibt beispielsweise ein Grundschullehrer mit dem Alias-Namen Mehrnachdenken.

Während laut Hamburger "Morgenpost" der Klassenelternrat – wie auch die Schulleitung – den Brief vor der Versendung abgesegnet hat, zeigen sich andere Eltern empört. "Dieser Brief ist eine Retourkutsche für die Kritik, die wir zuvor an der Lehrerin geübt haben", so zitiert das Blatt eine Mutter. Sie kritisiert den "abfälligen Ton" des Schreibens. Ein Vater meine wütend: "In diesem Brief hat Frau B. eine Grenze überschritten: Sie hat pauschal Eltern die Unfähigkeit zur Erziehung unterstellt und asoziales Verhalten vorgeworfen." Ein weiterer Vater wundere sich: "Zu Hause sagt mein Sohn immer bitte und danke."

Rückendeckung bekommt die Lehrerin aber vom Hamburger Lehrerverband: "Die Kollegin hat recht", so zitiert die Zeitung Jutta Ramin, die stellvertretende Vorsitzende: "Es gibt Klassen, da steht man selbst mit viel Erfahrung davor und weiß nicht, was man noch tun soll."

Der Brief im Wortlaut

Die Hamburger "Morgenpost" hat Auszüge aus dem Schreiben dokumentiert:
"Pinsel und Malutensilien werden verteilt – und die Klopperei beginnt! Es wird laut, Kinder müssen ihrem Nachbarn ins Gesicht schreien, dass sein Bild doof (das Wort war ein anderes) ist."
"Die Mitschüler werden angeschrien, geboxt, getreten und Rucksäcke umhergeschleudert. Ein älterer Herr bekommt auch einen ab. Eine Entschuldigung ist nicht zu erwarten."
"In der Bahn plötzlich vertraute Geräusche. Rülpsen! Kein Versehen, sondern volle Absicht. Wer kann es am lautesten? Sie denken: Die redet sicher von meinem Nachbarn? Falsch: Gehen Sie davon aus, dass ich auch von Ihrem Kind spreche – es gibt nur sehr wenige Ausnahmen!"
"Die Kinder reagieren schlicht nicht mehr auf ganz ´normale` Hinweise und Äußerungen – egal von wem! Eltern, Lehrer, Begleiter oder auch fremde Museumspädagogen stoßen auf taube Ohren."
"Von Eltern, die ich auf das aggressive Verhalten ihrer Kinder anspreche, ernte ich mildes Lächeln und Erklärungen dafür (Aha: Mit Erklärungen ist also alles erlaubt – weiß bereits das Kind!)."
"Bekomme ich auch bei fünfmaligem(!) freundlichem und bestimmtem Ansprechen keine Reaktion, werde ich lauter. ´Sie schreien doch wohl keine Kinder an!?` ist die Reaktion der Eltern."
"Ich bin fest entschlossen, mich an die Arbeit zu machen und aus dieser Klasse doch noch mitfühlende, aufmerksame, respektvolle und respektierte Kinder zu machen (….) In der Klasse werden wir in nächster Zeit sehr streng an Werten und aufmerksamem Miteinander arbeiten. (…) Viele müssen erst mal die Erfahrung machen, dass es angenehm ist, sozialverträglich zu handeln."

© Alle Rechte bei Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers GmbH


Dieser Beitrag ist erschienen in Grundschule Ausgabe 3/2014 Die aktuelle Ausgabe widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema "Fremde Fächer lieben lernen – Wenn ich unterrichten muss, was ich nicht studiert habe". Dass Lehrerinnen und Lehrer Inhalte vermitteln müssen, für die sie ursprünglich nicht ausgebildet wurden, ist Alltag an Grundschulen – und gleichwohl stets eine Herausforderung. Mit welchen Problemen muss ich dabei rechnen? Welche Kompetenzen sind in bestimmten Fächern unabdingbar? Wo bekomme ich Informationen? Führende Experten geben Rat.

Fachfremd Musik unterrichten – Teil dieses Heftes ist eine Beilage mit DVD, in der Zungenbrecher, Atem- und Stimmspiele vorgestellt werden, damit auch dieser Unterricht gelingen kann.


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