Thema Ganztag: Hausaufgaben sind nicht gemacht
"Ganztagsschulen aus einem Guss" fordert der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. Das in Bayern herrschende Nebeneinander von offenem Ganztag, geschlossenen Zügen und Halbtagsschule befördere ein Zwei-Klassen-System und zwar sowohl bei den Schulen als auch bei den Schülern und den Lehrern. Hinzu komme, dass die Schulen unterfinanziert sind.
06.11.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.So stehen Lehrkräften an Grundschulen zu wenige Unterrichtsstunden für eine Ganztagsklasse zur Verfügung. Am achtjährigen Gymnasium findet zwar über den ganzen Tag verteilt Unterricht statt - die Schulen sind aber nicht als Ganztagsschulen deklariert. "Weil die nötigen Mittel und Rahmenbedingungen fehlen, werden Schulleitungen und Lehrer selbst aktiv und organisieren Mittagessen, Aufenthaltsräume oder holen sich Aushilfskräfte, die aber selten die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Das Kultusministerium hat in Sachen Ganztag noch jede Menge zu tun", konstatierte Wenzel heute in München.
Er habe den Eindruck, dass viele Aufgaben, die im Zusammenhang mit dem Ausbau von ganztägigen Angeboten an Schulen stünden, "nach unten", delegiert würden. "Die Schulen müssen sich selber helfen und vielfach improvisieren" klagte Wenzel. Zwar habe die CSU im Landtagswahlkampf angekündigt, im Rahmen des "Bayernplanes" jedem Heranwachsenden bis zum Jahr 2018 einen Ganztagsplatz zu garantieren, ließ aber offen, wie diese neuen Angebote personell ausgestattet und pädagogisch ausgerichtet sein sollen. Tatsache sei jedenfalls, dass Bayern derzeit mit insgesamt rund 11 Prozent die wenigsten Schüler in einem Ganztagsangebot hat (Deutsches Jugendinstitut/Bertelsmann Studie). Der Bundesdurchschnitt liege bei 28,1%. Tatsache sei auch, dass derzeit mit nur 4,3% nur ein verschwindend geringer Teil aller Schüler in den Genuss einer "echten", also "gebundenen" Ganztagsschule komme.
Wenzel forderte das Kultusministerium auf, die Angebote endlich so auszuweiten, dass alle Schüler, die es wollen, echte Ganztagsschulen- und klassen besuchen können. "Bayern braucht vor allem Ganztagskonzepte aus einem Guss. Das bedeutet, es müssen für solche Schulen pädagogische Konzepte erarbeitet, ausreichend Personal zur Verfügung gestellt und eine optimale Ausstattung sichergestellt werden."
Zu einem sinnvollen Konzept gehöre es auch, dass Hausaufgaben und Vorbereitungen für den nächsten Schultag in der Schule erledigt werden können. "In solchen gebundenen, also rhythmisierten Ganztagsangeboten, wechseln sich Unterricht und Freizeit ab, die Ausstattung lässt nicht zu wünschen übrig und es ist für ein gesundes Mittagessen ebenso gesorgt wie für Rückzugsmöglichkeiten für Lehrerinnen und Lehrer." Solche Schulen würden im Übrigen regelmäßig mit Preisen wie dem "Deutschen Schulpreis" ausgezeichnet. "Ihr pädagogischer Wert steht außer Zweifel."
In Bayern hätten es Schulen mit Ganztagsangeboten immer noch schwer: Schulleitungen und Kollegien müssten viel Energie, Zeit, Geld und Fantasie aufbringen, um die Unterfinanzierung zu kompensieren. Doch nicht jede Kommune sei wohlhabend, nicht überall stünden externe Helfer zur Verfügung. "Die Verantwortung für die Defizite darf nicht länger auf Schulleitungen, Lehrer oder Eltern abgewälzt werden", machte der BLLV-Präsident deutlich. Die Bertelsmann-Stiftung ließ errechnen, dass die Länder 9,4 Milliarden Euro jährlich aufwenden müssten, um im Jahr 2020 ein flächendeckendes, gebundenes Ganztagsangebot vorhalten zu können - Bayern müsste mit 1,7 Milliarden Euro die zweithöchste Summe aufwenden, ein Vielfaches des heutigen Betrages.
Die Zahlen, die bei der Diskussion um Ganztagsangebote immer wieder angegeben würden, verwirrten zudem. "Sie sind angesichts des vielfältigen Angebots auch kaum nachzuvollziehen", sagte der BLLV-Präsident. So werde immer wieder behauptet, in Bayern würden 45% Prozent der Schulen den Ganztag anbieten. "Wer sich die Schülerzahlen ansieht, kommt zu einem weit weniger positiven Ergebnis, denn in Bayern besucht nur etwa jeder zehnte Schüler den Ganztag. In der Regel bieten Schulen nur einen einzügigen Ganztagszweig an." In den offiziellen Statistiken würden zudem alle Ganztagsangebote mit gezählt, also auch offene Angebote, die relativ unverbunden zur Schule stehen können und mit "echten", rhythmisierten Ganztagsschulen, nichts zu tun haben. "So gesehen liegt Bayern im Ländervergleich auf den hinteren Plätzen."
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