Bayerischer Lehrerverband

Übertrittsdruck zermürbt Kinder, Eltern und Lehrer

Am 2. Mai werden an den vierten Klassen der rund 2300 staatlichen Grundschulen in Bayern wieder die Übertrittszeugnisse verteilt. "Die Kinder haben eine schwere Zeit hinter sich, absolvierten einen regelrechten Prüfungsmarathon und die meisten wünschen nur eines: Dass es geklappt hat mit dem alles entscheidendem Notenschnitt", sagte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

25.04.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Von der Note hänge schließlich viel ab - welche Schulart kann besucht werden, welcher Abschluss wird möglich und welche beruflichen Wege öffnen sich. "Zehnjährige Kinder wissen über die Folgen ihrer schulischen Leistungen bestens Bescheid. Viele verfolgen schon ab der ersten Klasse ein Ziel: Den Sprung auf ein Gymnasium. Der damit verbundene Druck zermürbt viele von ihnen, macht sie krank und hemmt ihre Lern- und Leistungsbereitschaft. Er zermürbt auch Eltern und Lehrer." Der BLLV-Präsident forderte erneut ein Umdenken. "Wir müssen uns auch in Bayern endlich von der zu frühen Sortierung von Kindern auf verschiedene Schultypen verabschieden."

Bayern sei schul- und bildungspolitisch gesehen ein Entwicklungsland und hinke wissenschaftlichen Erkenntnissen und internationalen Vorbildern hinter her. Die Leidtragenden seien die schwächsten in der Gesellschaft: Die Kinder. Wenzel bezeichnete den Übertrittsdruck und seine gravierenden Folgen als schwere Bürde, die die Schulpolitik Kindern aufladen würde. "Wir wissen, dass zu viele Kinder unter dem Schulstress leiden und sogar psychisch oder physisch krank werden." Es blieben aber nicht nur junge Menschen und ihre Bedürfnisse auf der Strecke, sondern auch das Lernen. "Lernprozesse können sich in einem so aggressiven Umfeld nicht frei, kreativ und effektiv entwickeln." Einzelne Reformen - wie die derzeitige Neukonzeption des Grundschullehrplans - würden immer überschattet sein vom Übertrittsdruck, der alles dominiere.

Auch Lehrerinnen und Lehrer werden aufatmen, wenn der 2. Mai vorüber ist. "Sie mussten wochenlang sehr viel Stoff unterrichten, Prüfungen abhalten, Noten verteilen und letztlich Entscheidungen treffen, die nicht leicht fallen." Das belaste Grundschullehrkräfte erheblich. "Viele machen leider auch immer wieder negative Erfahrungen mit Eltern. Aus ihrer Sicht entscheiden Lehrkräfte über die Zukunft ihres Kindes. Da werden dann schnell Noten juristisch angezweifelt, Lehrer attackiert oder beschimpft. Unsere Rechtsabteilung ist in diesen Wochen immer gut beschäftigt", berichtete Wenzel. Er mache Eltern jedoch keinen Vorwurf. Sie wollten das Beste für ihr Kind. Und in dieser Gesellschaft sei eben der höchst mögliche Schulabschluss das Beste. "Ich würde mir aber wünschen, dass Eltern reflektieren, dass auch Lehrer Opfer eines Schulsystems sind und oft Handlungsweisen durchführen müssen, die ihren pädagogischen Idealen nicht entsprechen." Streit zwischen Eltern und Lehrern vergifte zudem die Atmosphäre an den Schulen. "Darunter leiden dann auch die Kinder." Der BLLV-Präsident ermunterte Eltern, für eine andere Schulpolitik einzustehen. "Sie sollten ihre Bedürfnisse artikulieren und in die Politik tragen."

An das Kultusministerium appellierte Wenzel, diese Fakten nicht einfach auszublenden oder schön zu reden. "Das Ministerium muss endlich erkennen, dass Kinder nicht von dem Gefühl profitieren, in Schubladen gesteckt zu werden. Sie profitieren vielmehr von Zuwendung, einem liebevollen Umgang, individueller Förderung und Zeit - zu Hause und in der Schule." Kinder erlebten den Sortierprozess auch nicht als wohlmeinenden Versuch, sie differenziert zu unterrichten, um so ihrer Begabung gerecht zu werden - so laute die Argumentationsweise des Kultusministeriums. "Sie erleben ihn vielmehr als das, was er ist: eine harte und rücksichtslose Auslese, die ausgrenzt und obendrein auch noch ungerecht ist, weil diejenigen im Vorteil seien, die privat gefördert werden können. In die Schublade gesteckt gehört deshalb das zu frühe Verteilen von Kindern auf verschiedene Schultypen."


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