Viele Ideen zum LehrplanPLUS laufen ins Leere
Der neue Grundschullehrplan braucht eine Chance, fordert der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Erkennbar sind in der derzeitigen Entwicklungsphase zwar viele und auch gute Ideen, doch ist bereits absehbar, dass sie sich kaum umsetzen lassen werden. Denn, und das ist der zentrale Kritikpunkt des BLLV, die Voraussetzungen, die für ein gutes Gelingen erforderlich sind, werden wohl nicht erfüllt.
15.05.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Wir appellieren daher an das Kultusministerium, das für die Entwicklung und Umsetzung des neuen Grundschullehrplanes verantwortlich ist, in der noch verbleibenden Zeit den Abbau des alles überschattenden Übertrittsdrucks voranzutreiben. Solange unsere Grundschulen als Rennstrecken auf dem Weg zum Gymnasium betrachtet werden und Kinder einem massiven Leistungs- und Lerndruck ausgesetzt sind, können Reformen, wie immer sie auch gestaltet sein mögen, nicht wirklich greifen", stellte BLLV-Präsident Klaus Wenzel heute in München fest. Doch auch einzelne Reformvorhaben wie das "digitale Lehrplaninformationssystem" und das Fehlen einer echten Kompetenzorientierung sieht der BLLV kritisch. Am Donnerstag werden auf einer BLLV-Tagung nationale und internationale Gäste Lehrpläne ihres Heimatlandes vorstellen. Sie kommen aus Schweden, Nordrhein Westfalen und Südtirol, sowie aus Wirtschaft, Literatur und Schule.
Die Ziele der "Macher" des neuen Grundschullehrplanes LehrplanPLUS sind hoch gesteckt: So soll den Kindern unter anderem Kompetenzorientierung ermöglicht werden, die Rede ist auch von einem "digitalen Lehrplaninformationssystem", kurz LIS.
Hier ergeben sich gleich mehrere Fragen, sagte Wenzel. "Wie soll beispielsweise kompetenzorientierter Unterricht aussehen, wenn Inhalte nicht gestrichen werden? Kürzungen sehen die Planer bislang nämlich nicht vor." Die Frage sei auch, ob Lehrerinnen und Lehrer von einem neuartigen System wie dem Lehrplaninformationssystem tatsächlich profitieren werden. Es soll bei der Konzeption des täglichen Unterrichts helfen, könnte aber auch als "heimlicher" Lehrplan aufgefasst werden, an den sich Pädagogen orientieren sollen bzw. müssen. "Ein ´Lehrplan-Informations-System´ allein macht noch keinen modernen Unterricht", gab Wenzel zu bedenken.
"Deutlich kritisieren wir, dass sich ganz offensichtlich auch am Verfahren der Notengebung nichts ändern wird", sagte Wenzel. Es habe sich keinesfalls bewährt und passe auch nicht zur künftig gewünschten Kompetenzorientierung - im Gegenteil. Die derzeitige Praxis der Notenvergabe an Grundschulen sei antiquiert und widerspreche modernen Auffassungen darüber, wie sich Kompetenzen am effektivsten erwerben lassen: nämlich ohne Notendruck und ständige Leistungsmessungen. Es sei in Frage zu stellen, warum weiterhin alle Kinder am selben Tag dieselbe Probe mit demselben Bewertungsschlüssel schreiben sollen. Der LehrplanPLUS könne sich nur dann positiv auf den Unterricht auswirken, wenn sich die Art und Weise der Leistungsmessung und die prinzipielle Ausrichtung der Schule auf Messbares grundlegend verändert, machte Wenzel deutlich.
Ein weiteres Problemfeld zeichnet sich bei der Anzahl der Unterrichtsstunden pro Woche ab: Sie ist in den Jahrgangsstufen eins bis vier auf 104 Stunden fixiert. "Wer Kompetenzorientierung will, muss Lehrerinnen und Lehrern aber mehr Freiraum geben. Pädagogen brauchen die Freiheit, sich auf Kerninhalte zu fokussieren. Sie brauchen auch Möglichkeiten, im Bedarfsfall individuell fördern zu können. Bei einer so strikten und engen Stundenvorgabe sei dies aber nicht möglich.
Ein Ziel der neuen Lehrpläne, die Schritt für Schritt auch an allen anderen Schularten implementiert werden sollen, lautet, "Übergänge" zu glätten. "Ich bezweifle, dass dies möglich sein wird", sagte Wenzel. "Eigentlich bräuchten wir keine Glättung von Übergängen, weil wir eigentlich keine Übergänge bräuchten, zumindest nicht bei zehnjährigen Kindern und fragwürdigen Übertrittsbedingungen."
Aus Sicht des BLLV-Präsidenten dürfe es nicht darum gehen, die Grundschulen mit neuen Reformen zu überziehen, vielmehr darum, gründlich zu analysieren, wo die Probleme liegen und wie sie beseitigt werden könnten. Außerdem, so Wenzel, müssten bei allen Schritten die Lehrerinnen und Lehrer mitgenommen und einbezogen werden - "nur so sind sie motiviert, die neuen Vorgaben auch umzusetzen." Grundsätzlich gelte, dass nicht der Lehrplan den Unterricht mache, sondern die Lehrkraft.
ACHTUNG:
Die Tagung "Aufbrechen: Der Lehrplan im Fokus" findet am Donnerstag, den 16. Mai 2013 NICHT - wie in der ersten Einladung vermerkt - in der Landesgeschäftsstelle des BLLV statt, sondern in der benachbarten Grundschule an der Stieler Straße. Der Eingang zur Schule befindet sich an der Hermann-Schmid- Straße 5 – zu erreichen über die Hofeinfahrt des BLLV. Es wird beschildert. Grund für die kurzfristige Raumänderung ist die unerwartet hohe Zahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Beginn ist um 16 Uhr, voraussichtliches Ende gegen 19 Uhr. Erwartet werden u. a. Lasse und Marianne Berger aus Schweden. Die beiden haben aktiv an der Gestaltung des schwedischen Lehrplans mit gewirkt. Ziel der Veranstaltung ist es, die kontroversen Erwartungen an den neuen Lehrplan zu diskutieren.
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