Zur Erziehung erziehen
(Von Janna Kuchenbäcker) Lehrer können nicht im Alleingang erziehen. Immer mehr Schulen nehmen deshalb die Eltern ihrer Schüler unter Vertrag: Die elterliche Erziehungsverantwortung, die eigentlich schon durch das Grundgesetz vorgegeben ist, soll schriftlich festgehalten und die Bildung der Kinder dadurch erleichtert werden.
21.07.2004 ArtikelErziehung beginnt schon beim Pausenbrot: Kinder, die ohne Verpflegung in die Schule kommen, können sich häufig nicht so gut konzentrieren und werden schneller dazu verleitet, sich Süßigkeiten zu kaufen oder das Schulgelände gar während der Schulzeit zu verlassen. In so genannten Erziehungsverträgen werden Eltern daher angehalten, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. Diese Verträge sind keine Verträge im öffentlich-rechtlichen Sinn, sondern Vereinbarungen zwischen Schülern, Lehrern und Eltern, die zu einem partnerschaftlichen Verhältnis führen sollen.
Harald Melcher, Geschäftsführer des Ernst Klett Verlags, befürwortet die gemeinsame Erklärung zur Erziehungsverantwortung in Schule und Elternhaus: "So wie Schule erziehen muss, haben Eltern doch auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen! Erziehung ist nicht weniger wichtig als Bildung und Bildung kann Erziehung nicht ausschließen."
Pausenbrot und Hausaufgabenkontrolle
Im Zuge zunehmender Selbstständigkeit der Schulen werden derartige Verträge immer häu?ger angeboten. Die Vereinbarungen mit den Eltern schließen Klauseln ein wie die Bereitstellung von Pausenbroten für die Kinder, die Sorge für ihre morgendliche Pünktlichkeit, die Kontrolle der Hausaufgaben, die Erziehung zu Höflichkeit und Toleranz und zur gewaltfreien Konfliktlösung, die Teilnahme an Elternabenden und den Besuch von Sprechstunden, die Zusicherung von täglichen Gesprächen mit den Kindern über den Alltag oder gar das Verbieten von übermäßigem Fernsehkonsum. Jede Schule, ob Grundschule oder weiterführende Schule, kann ihre eigenen Erwartungen formulieren, vorzugsweise in Abstimmung mit den Eltern und Schülern.
Die Eltern verpflichten sich damit, ihre Erziehungsverantwortung anzunehmen - eine Verantwortung , die sie eigentlich schon vor der Geburt ihres Kindes anerkannt haben sollten, denn bereits Artikel 6.2 des Grundgesetzes besagt: "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Doch das Bewusstsein dafür ist rückläufig: Nur 40% der Eltern sprechen regelmäßig mit ihren Kindern über die Schule. Sie nehmen sich kaum Zeit für persönliche Gespräche, die doch für Erziehung und Bildung so wichtig sind. Erziehungsverträge als ein Wertekonsens mit der Schule können diese Problematik ins Bewusstsein rücken. In England seit 1999 selbstverständlich
In England ist dieses Prozedere bereits seit 1999 obligatorisch. Nahezu alle Eltern unterschreiben hier "a home-school agreement and associated parental declaration". Das Modell zeigt erste Erfolge: Die Kinder legen ein besseres Sozialverhalten an den Tag, und die Kontakte zwischen Schülern, Schule und Eltern sind von gegenseitigem Verständnis geprägt.
Inzwischen ist auch in Deutschland ein Trend zu solchen Verträgen zu beobachten: 2001 beschloss das Kultusministerium von Hessen die "Wiesbadener Erklärung", in der Eltern zur Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung aufgerufen werden. NRW hat ein "Bündnis für Erziehung" geschlossen, Brandenburg nennt es "Bündnis für Bildung und Erziehung". Schulen in allen Bundesländern erproben Erziehungsverträge und machen damit gute Erfahrungen.
Gut erzogen - besser lernen
"Gut erzogene Kinder lernen besser", meint auch Jutta Endrusch, stellvertretende Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Landesverbands Bildung und Erziehung. Dennoch können Erziehungsverträge ihrer Meinung nach im Einzelfall höchstens unterstützend wirken und die Verantwortung der Eltern in Erinnerung rufen. Letztendlich würden nur jene Eltern in die Pflicht genommen, die sich ohnehin schon um ihre Kinder kümmern, während sozial schwächere Familien oder desinteressierte Eltern diese Verträge seltener unterschrieben.
Zur Erziehung erziehen
Doch es ist ein Anfang. "Ich halte diese Verträge für sinnvoll. Wir wollen den Eltern damit klar machen, dass sie ihre Kinder an der Schule nicht wie ein Gepäckstück 'ablegen' können", so die Meinung einer Grundschullehrerin aus Bonn. An ihrer Schule, einem sozialen Brennpunkt, wird gerade über einen Schulvertrag diskutiert. In Kürze sollen alle Eltern, die ihr Kind an der Schule anmelden, um Unterzeichnung dieses Vertrags gebeten werden, den auch Lehrer und Schüler unterschreiben sollen. "Da kann sich dann kaum einer raushalten", hofft die Lehrerin.
Sanktionen schwer durchsetzbar
Auch wenn Verträge unterschrieben wurden, gibt es bei Verstößen nur in wenigen Fällen Sanktionen. Einige Schulen laden die Eltern vor: Bei groben Verstößen finden sofort Gespräche mit den Beteiligten - manchmal sogar mit dem Schulleiter statt. Lehrer und Eltern sollen gemeinsam die Ursache des Problems eruieren und nach Lösungen suchen. Wenn die Probleme weiter bestehen, können Jugendamt oder Ordnungsamt eingeschaltet werden.
Professionelle Unterstützung
Doch wissen Eltern überhaupt, wie sie ihre Kinder erziehen können? Ein Pausenbrot allein reicht nicht aus, und manche Eltern fühlen sich mit der Erziehung ihrer Kinder regelrecht überfordert. Das "Gebot", ihre Kinder pünktlich zur Schule zu schicken, scheint durchaus plausibel und unterstützenswert - aber wie bringt man einen 14-Jährigen in seiner Hochphase des Trotzes dazu, seine Hausaufgaben zu erledigen? Hierzu geben die Verträge keine Anleitung. Gefragt ist professionelle Hilfe. Angeboten wird sie von Schulpsychologen oder von unterschiedlichen Einrichtungen, die auch Trainingsprogramme für Eltern durchführen (siehe Servicekasten oben). Die Auswahl unter den Erziehungs-Trainingsangeboten für Eltern ist inzwischen groß. Wichtig ist, dass sich die Eltern frühzeitig beraten lassen, "genau genommen schon während der Schwangerschaft", erklärt Sonja Rothenburg. Die Diplom-Psychologin berät im Rahmen der Eltern-Säuglings-Sprechstunde der Abteilung Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Uniklinikum Heidelberg Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern.
Mehr Interesse an unseren Kindern
Erziehung als Voraussetzung für Bildung gewinnt wieder an Wertigkeit. Nachdem erst Jahrhunderte lang der Rohrstock regierte und dann die antiautoritäre Erziehung die Eltern von ihrer Verantwortung enthoben hat, soll Erziehung nun per Vertrag wieder ins Bewusstsein rücken - bürokratisch, aber im Ansatz durchaus sinnvoll, um die Notwendigkeit von Verantwortungspflicht und -bereitschaft deutlich zu machen. Letztlich sind Erziehungsverträge ein inständiges Plädoyer für mehr Interesse der Eltern an ihren Kindern.
Service
- Mit dem Programm "Starke Eltern - Starke Kinder" bietet der Deutsche Kinderschutzbund Elternkurse an; Anmeldung unter www.elternkurs-schulung.de. Außerdem vermittelt der Kinderschutzbund (www.kinderschutz-bund.de) weitere Kursangebote.
- Auch die Volkshochschulen haben Elternkurse im Programm. Näheres dazu unter www.vhs.de.
- Die 2004 erschienene CD-ROM: "Freiheit in Grenzen" (Schneewind) ist ein Elternratgeber mit fünf typischen Erziehungssituationen zu Hause. Diese werden in mehreren Varianten von einer "Familie" in Form von kurzen Videosequenzen vorgespielt. Thema u. a. "Hausaufgaben: Ich kann das nicht ..." Demoversion: www.freiheit-in-grenzen.org
Janna Kuchenbäcker
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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