"Arbeitsorientierte Bildung muss fester Bestandteil der Allgemeinbildung werden"
"Arbeitsorientierte Bildung gehört zu einer umfassend verstandenen Allgemeinbildung, deshalb muss Schluss sein mit dem beständigen Abbau des Faches Arbeitslehre in Hessens Schulen und Hochschulen", so Professor Dr. Heinz Dedering bei einem Workshop der Gesellschaft für Arbeit, Technik und Wirtschaft im Unterricht (GATWU) und der GEW Hessen zur Situation des Faches "Arbeitslehre" an hessischen Schulen.
07.05.2007 Hessen Pressemeldung GEW HessenBereits zu Beginn der Veranstaltung hatten Lehrkräfte für Arbeitslehre aus ganz Hessen die aktuell schwierige Situation des Faches geschildert. Durch die Abschaffung des Faches an den Gymnasien, die Reduzierung des Stundenanteils an den Integrierten Gesamtschulen und Realschulen sowie die Zurückdrängung des Faches ausschließlich auf die Klassen 7 bis 10 in Haupt- und Förderschulen sehen viele Lehrkräfte die Existenz des Faches bedroht.
In seinem Vortrag ging Professor Dedering vor diesem Diskussionshintergrund zunächst kurz auf die Entwicklung des Faches "Arbeitslehre" ein. Er erläuterte, dass dieses Fach in herausgehobener Weise Gegenstand der schulpolitischen Veränderungen der jeweils in Hessen Regierenden war.
Zunächst hieß das Fach "Polytechnik/Arbeitslehre " und wurde bis 1976 in Hessen nur an Gesamtschulen angeboten. Seit 1976 wurde das Fach "Arbeitslehre" ein fester Bestandteil der Stundentafel der Sekundarstufe I an allen Schulformen. Damit sollte den Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit menschlicher Arbeit, ihren Bedingungen und Folgen ermöglicht und der Einstieg in den beruflichen Bildungsweg geebnet werden.
Mit Einführung der spezifischen Stundentafel für die verschiedenen Schulformen nach dem Machtantritt der CDU 1987 wurde auch für das Fach "Arbeitslehre" die gemeinsame Stundentafel für alle Schulformen abgeschafft. Zwischen 1991 und 1999 – unter der SPD-Grünen-Koalition – gab es dann wieder eine Phase mit einer gemeinsamen Stundentafel für das Fach "Arbeitslehre" in der Mittelstufe, und das Fach wurde in allen Schulformen angeboten. 1999 hat die CDU-FDP-Landesregierung "Arbeitslehre" an Gymnasien vollständig abgeschafft und in den Integrierten Gesamtschulen und Realschulen deutlich reduziert, an den Haupt- und Förderschulen den Stundenanteil hingegen ausgeweitet.
Er kritisierte, dass das Fach an Gymnasien vollständig entfallen ist. "Arbeitslehre könnte dem akademischen Nachwuchs Fähigkeiten wie Kooperation und die Übernahme von Verantwortung vermitteln", so Dedering weiter. Im Übrigen ziele schulische Arbeitslehre generell auf eine Auseinandersetzung mit den Anforderungen und allgemeinen Bedingungen der modernen Arbeitswelt , mit denen auch die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums früher oder später im Rahmen ihrer Erwerbsarbeit konfrontiert sein werden.
Der ohnedies geringe Stellenwert der Arbeitslehre im schulischen Bildungssystem werde durch die Situation des Faches an den Hochschulen in Hessen noch mehr eingeschränkt. "An keiner hessischen Hochschule gibt es demnächst eine Professorenstelle mehr speziell für das Fach Arbeitslehre", bemängelte Dedering. An der Universität Frankfurt werde der Studiengang gegenwärtig ganz abgewickelt und in Kassel sei er formal einer Professur für Berufspädagogik zugeordnet. Nur in Gießen sei eine Professorin für Berufspädagogik inhaltlich auch für Arbeitslehre zuständig. Nach seiner Meinung wird der schulischen Arbeitslehre damit die wissenschaftliche Basis entzogen. Noch vor einigen Jahren habe es in Hessen für Arbeitslehre sieben Professorenstellen gegeben (je drei in Frankfurt und Kassel und eine in Gießen).
Als positive Ansätze für eine Weiterentwicklung des Faches sieht er aber das Modell der Kooperation zwischen Schulen und Wirtschaft sowie einzelne SchuB-Modelle. "Dabei ist es aber von entscheidender Bedeutung, dass die Schule die pädagogischen Inhalte der Praxistage bestimmen kann und nicht allein der Betrieb ", so Dedering. Eine wissenschaftliche Forschung zur Qualität und zu den Ergebnissen der SchuB-Maßnahmen sei unbedingt erforderlich. Dies wäre ein Forschungsgegenstand für den Inhaber eines Lehrstuhls für Arbeitslehre-Fachdidaktik an einer hessischen Hochschule – wenn es denn einen gäbe.
Als Konsequenz aus den Ergebnissen dieses Workshops forderten Dr. Jörg Schudy (GATWU) und Christoph Baumann vom Referat Schule der GEW von der hessischen Landesregierung
- die Wiedereinführung des Fachs Arbeitslehre an Gymnasien,
- höhere Stundenanteile in Integrierten Gesamtschulen und Realschulen,
- die Einrichtung von Hochschullehrerstellen für das Fach Didaktik der Arbeitslehre an allen lehrerausbildenden hessischen Hochschulen und
- eine gezielte Lehrerfortbildung und Qualifikationsangebote für Lehrerinnen und Lehrer für den Bereich der arbeitsorientierten Bildung.
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