Aufsuchen statt abwarten
Ringpraktikum und Schulhoftournee: Solche Beispiele zeigen, dass Engagement und neue Ideen bei der Azubi-Gewinnung Früchte tragen. Von Vincent Hochhausen
26.05.2025 Bundesweit Artikel BildungspraxisRay Rodemich schlendert durch den großen Hangar in Sankt Augustin nahe Bonn. Nebeneinander sind dort auf Wartungsflächen mit wuchtigen Werkzeugschränken ein halbes Dutzend Hubschrauber verschiedener Typen aufgereiht. Manche sehen startklar aus, andere sind komplett auseinandergebaut. Zu jeder Maschine sind auf Whiteboards Informationen zum aktuellen Wartungsstatus aufgeführt. Vor einem der Hubschrauber bleibt Rodemich stehen: „Das ist meine Station.“
Ray Rodemich ist angehender Fluggerätmechaniker im letzten Ausbildungsjahr bei der Fliegergruppe der Bundespolizei. Der Hangar mit seinem Wartungsdock ist die sogenannte Base Maintenance der Fliegergruppe. Mechaniker prüfen die Hubschrauber dort oft wochenlang auf Herz und Nieren. In einem Hangar nebenan befindet sich die Line Maintenance, wo weniger aufwändige Wartungsarbeiten stattfinden.
Mechaniker und Elektroniker der Fliegergruppe sind für die Sicherheit der Fluggeräte verantwortlich, mit denen die Bundespolizei Staatsgäste transportiert, Polizei- und Rettungseinsätze durchführt oder im Notfall auf Katastrophenfälle reagiert. Eine große Verantwortung, von der Rodemich sich nicht einschüchtern lässt. „Wir lernen hier von Anfang an, dass Fehler passieren und menschlich sind. Und es schaut sich immer noch mal jemand an, was man gemacht hat.“ Für seinen Ausbilder Ralf Binding ist diese Fehlerkultur entscheidend. „In der Luftfahrt muss alles doppelt und dreifach abgesichert sein. Wichtig ist, dass man ehrlich mit Fehlern umgeht.“ Deswegen legen er und seine Kollegen bei der Auswahl von Auszubildenden neben technischem Verständnis und der Motivation großen Wert auf Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Integrität. Jedes Jahr kommen zwei bis drei Auszubildende dazu. Bislang hat die Luftfahrerschule der Bundespolizei noch keine Probleme, genügend geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu finden, wie Binding betont: „Wir haben mehr Interessenten, die in die engere Auswahl kommen, als wir ausbilden können.“ Dennoch gebe es mittlerweile weniger Bewerbungen als früher – ein Problem, mit dem viele Unternehmen zu kämpfen haben.
Hilfsangebote sind oft nicht bekannt
Das kann auch Ulrike Pütz von der Karrierewerkstatt der Handwerkskammer Köln bestätigen: „Wir haben in der Ausbildung einen Bewerbermarkt, die Betriebe haben sich bereits auf diese Situation eingestellt.“ In der Karrierewerkstatt sind alle Initiativen sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote gebündelt, die die Kammer sowohl den Unternehmen als auch den Jugendlichen anbietet, die sich für eine Ausbildung interessieren. Die Handwerkskammer setze das Umdenken auch selbst um, erzählt Pütz: „Wir haben in den letzten Jahren stark auf aufsuchende Beratungsangebote umgestellt, das bedeutet wir gehen aktiv auf die Schülerinnen und Schüler zu.“ Zum Beispiel mit einer Schulhoftournee, bei der Beratungsfachkräfte der Handwerkskammer, der IHK, der Agentur für Arbeit und anderer Organisationen direkt in die Schulen gehen, um Schülerinnen und Schülern Einblicke in verschiedene Berufe zu verschaffen.
Der Ausbildungsmarkt in Zahlen
Eine BIBB-Analyse des Ausbildungsmarktes 2024 brachte unter anderem folgende Ergebnisse:
- Zum Stichtag 30. September 2024 haben 70.400 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz gefunden. Fast ebensoviele (69.400) angebotene Ausbildungsplätze konnten nicht besetzt werden.
- Auf 100 Interessenten kamen 2024 99,8 angebotene Ausbildungsplätze. Das sind zwar etwas weniger als in den Vorjahren, aber deutlich mehr als noch 2015 (94).
- Von den erfolglosen Bewerberinnen und Bewerbern hatten 29,4 Prozent einen Hauptschulabschluss und 36,4 Prozent einen mittleren Schulabschluss. Dabei ist zu beachten, dass die Gruppe der Schulabgänger mit mittlerem Abschluss fast drei mal so groß ist wie die mit einem Hauptschulabschluss.
Wo Bewerberinnen und Bewerber knapp sind, müssten sich Betriebe auch für Jugendliche öffnen, die beim Vorwissen oder ihrem Können noch Nachholbedarf hätten, mahnt Pütz. Es gebe aber viele Unterstützungsangebote, die Betriebe in Anspruch nehmen können – von Nachhilfe, die die Bundesagentur für Arbeit finanziere, über Sprachförderung bis zur Einstiegsqualifizierung oder zu ehrenamtlichen Ausbildungsbegleitern vom Senior Expert Service.
„Eine Herausforderung ist, dass viele kleinere Betriebe Unterstützungsangebote wie die Einstiegsqualifizierung gar nicht kennen“, sagt Pütz. Auch da versucht die Karrierewerkstatt in ihren Beratungen Abhilfe zu schaffen.
Rückmeldung am nächsten Tag
Ein Betrieb, der wie die Fliegergruppe bei der Bundespolizei kaum Schwierigkeiten hat, Nachwuchs zu finden, ist der Dachdeckerbetrieb Setz und Leuwer in Königswinter, ebenfalls bei Bonn. 2017 gegründet, ist er innerhalb weniger Jahre auf 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen. „Wir sind spezialisiert auf energetische Dachsanierungen mit nachhaltigen Materialien“, erzählt Tobias Setz, einer der beiden Gründer. Das schnelle Wachstum hätten sie bei der Unternehmensgründung nicht erwartet, aber in der Region seien sie durch ihre Spezialisierung schnell zur ersten Adresse für umweltbewusste Kunden geworden. Jedes Jahr stellen sie zwei Auszubildende ein, die Voraussetzungen: vor allem Motivation, Bereitschaft, an der frischen Luft zu arbeiten, und körperliche Robustheit. Zudem sei Konzentrationsfähigkeit wichtig, sagt Setz, allein schon wegen des Arbeitsschutzes. Auf Noten und Zeugnisse schaut Setz nicht: „Auf der Landing Page für alle unsere Stellen fragen wir nur Name, Kontaktdaten und Führerschein ab. Wir melden uns normalerweise innerhalb eines Tages zurück“. Der Betrieb ist auf Events wie dem Girls’ Day, Praktikumsbörsen und schulischen Ausbildungsmessen präsent. Mit einer Agentur haben die Dachdecker zudem ein kurzes Vorstellungsvideo für Social Media erstellt. Mittlerweile meldeten sich aber auch Bewerber, die per Mundpropaganda von dem Dachdeckerbetrieb gehört haben, sowohl für Ausbildungsplätze, als auch als Facharbeiter. Bei der Auswahl von Azubis setzen Setz und Leuwer auch auf Praktika. Dabei gehe es nicht nur um die fachliche Eignung, betont Setz: „Das ganze Team soll einen Eindruck davon bekommen, ob es menschlich passt. Wir profitieren von der guten Stimmung im Team, das wollen wir nicht gefährden.“
In alles hineinschnuppern
Nicht allen Betrieben geht die Nachwuchsfindung so leicht von der Hand, insbesondere im ländlichen Raum. Uwe Cujai, Leiter der Wirtschaftsförderung Oberbergischer Kreis im Bergischen Land östlich von Köln, berichtet: „Gefühlt tun sich junge Menschen immer schwerer damit, eine Entscheidung für eine bestimmte Ausbildung zu treffen. Zudem ist unsere Region stark von gewerblich-technischen Unternehmen geprägt, die Berufsbilder nachfragen, die bei Jugendlichen kaum bekannt sind, etwa Verfahrensmechaniker/in für Kunststoff und Kautschuktechnik“. Aus diesem Grund versuchen Betriebe in der Region, neue Instrumente zur Vermittlung von Auszubildenden zu entwerfen. Eines davon ist das Ringpraktikum, bei dem Teilnehmende die Möglichkeit haben, mehrere vierwöchige Praktika bei Unternehmen mit verschiedenen Tätigkeiten nacheinander auszuprobieren. Die Zielgruppe sind junge Menschen über 18, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen. Bislang machen sieben Unternehmen der Region mit, vom Tiefbauunternehmen über eine Edelstahlgiesserei bis hin zum Elektronikfachhandel, es sollen aber noch mehr werden. „Ziel ist, dass die Teilnehmer richtig in den Betriebsalltag integriert werden, was in kurzen Schulpraktika nicht möglich ist“, erklärt Cujai. „Wir wollen Hemmungen abbauen, etwas auszuprobieren, insbesondere bei denen, die ihren Weg noch nicht gefunden haben.“ Noch ist das Ringpraktikum ein Nischenangebot mit wenigen Teilnehmenden, aber Cujai hofft, dass es sich etabliert und auch auf andere Regionen im Kreis ausgeweitet werden kann. Denn bislang ist es auf den Norden des Kreises begrenzt, um die Fahrtwege für die Teilnehmenden kurz zu halten.
Ray Rodemich, der angehende Fluggerätemechaniker bei der Bundespolizei, trägt seinen Teil dazu bei, Ausbildungsoptionen bei Jugendlichen bekannter zu machen. Er geht als Ausbildungsbotschafter in Schulen, um seinen Beruf und seine Ausbildung vorzustellen. „Ich bin dazu gekommen, weil mir im Betrieb die Einweisung der Tagespraktikanten Spaß gemacht hat und ich ohnehin gern mit Jugendlichen arbeite“, erzählt Rodemich. An den Schulen hält er zusammen mit anderen Ausbildungsbotschaftern eine Präsentation und beantwortet Fragen. Die Schülerinnen und Schüler seien neugierig. Rodemich mag es nicht, wenn über Motivation oder Leistungsbereitschaft der jungen Generation gelästert wird: „Es gibt total viele junge Leute, die sich engagieren wollen – genau wie früher auch.“ Die Betriebe müssen sich nur Mühe geben und sie für sich gewinnen.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 2/2025, S. 4-7, www.bildungspraxis.de
- „Wenn du in der Pflege nicht resilient bist, dann brennst du aus“
- „Sommer der Berufsausbildung“ 2025 startet
- Mehr als drei Viertel der arbeitslosen Jugendlichen ohne Berufsabschluss
Keine Kommentare vorhanden