Den Blick auf die Chancen richten
Die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderungen ist gering. Dabei gibt es zahlreiche Fördermöglichkeiten, die Unternehmen die Inklusion in Ausbildung und Arbeitsleben erleichtern. Von Vincent Hochhausen
22.04.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges LernenEine Schwerbehinderung zu haben, ist in Deutschland alles andere als selten: Knapp jeder zehnte Mensch in Deutschland ist schwerbehindert, mehr als ein Drittel davon, rund 3 Millionen Menschen sind im erwerbsfähigen Alter. Um diesen Menschen eine Beschäftigung zu ermöglichen, setzt der Gesetzgeber auf das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: Es gibt ein großes Instrumentarium an Fördermöglichkeiten für die Ausbildung und Beschäftigung behinderter Menschen. Für Unternehmen ab einer Mindestgröße von 20 Mitarbeitenden besteht aber eine gesetzliche Pflicht, mindestens fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen – anderenfalls sind Strafzahlungen fällig.
30 Prozent zahlen lieber Ausgleich
Die Ergebnisse dieser Strategie sind zwiespältig: Einerseits hat sich die Erwerbsbeteiligung schwerbehinderter Menschen in Deutschland seit 2005 um acht Prozentpunkte auf 49 Prozent erhöht, andererseits liegt sie weiterhin deutlich unter derjenigen der Gesamtbevölkerung von rund 79 Prozent. Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderungen sinkt zwar, liegt mit rund elf Prozent aber weiterhin fast doppelt so hoch wie die der Gesamtbevölkerung. Und das, obwohl schwerbehinderte Menschen im Erwerbsalter laut dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt besser ausgebildet sind als die Gesamtbevölkerung. Dennoch zahlen fast 30 Prozent der Unternehmen, die eigentlich unter die Beschäftigungspflicht fallen, lieber Ausgleichszahlungen, als Menschen mit Behinderungen einzustellen. Bei den Ausbildungszahlen zeigt sich ein ähnliches Bild. Menschen mit Behinderungen sind in der regulären dualen Berufsausbildung weiterhin die Ausnahme, wie die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit belegen.
„Ich wünsche mir, dass die Angst schwindet“
Dass die Zurückhaltung von Unternehmen, Menschen mit Behinderungen auszubilden und zu beschäftigen, eine verpasste Chance ist, davon ist Anke Podewin überzeugt. Sie ist Inklusionsbeauftragte bei der DHL Group. Der Großkonzern hatte schon immer eine hohe Inklusionsquote, erzählt sie. Derzeit arbeiten im Unternehmen fast acht Prozent Menschen mit Behinderung - eine hohe Quote, wenn man bedenkt, dass nur 39 Prozent der Unternehmen überhaupt die gesetzlich vorgeschriebene Marke von fünf Prozent erfüllen. „Ein diverses Umfeld ist für alle Mitarbeitenden eine Bereicherung und macht Teams produktiver", sagt Podewin. Zudem seien Menschen mit Behinderung kompetente und wertvolle Arbeitskräfte.
Einer davon ist Fabian Georg, Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen. Mit einer Lernbehinderung besuchte er eine Förderschule im hessischen Heusenstamm, machte danach eine Einstiegsqualifizierung - eine Art von der Arbeitsagentur gefördertes Praktikum- und anschließend eine Ausbildung bei der DHL Group in Mainz. Wegen seiner guten Leistungen zog er die Abschlussprüfung sogar ein halbes Jahr vor. Bei seiner Ausbildungsplatzsuche merkte er, dass einige Unternehmen Scheu davor hatten, ihn wegen seiner Lernbehinderung einzustellen. „Mein Wunsch wäre, dass die Angst vor Menschen mit Handicap beiden Betrieben und in der Gesellschaft schwindet", sagt er.
Den Vorteil erkennen
Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sei es für die Unternehmen selbst von Vorteil, umzudenken, sagt Andre Stephan-Park, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit: „Eine offene Einstellungsstrategie gegenüber Mitarbeitenden mit Behinderungen hilft Betrieben dabei, wichtige Stellen zu besetzten." Förderinstrumente gebe es viele. Das bestätigt auch Anke Podewin. Auch kleinere Unternehmen könnten sich zum Beispiel von den Reha-Teams der Arbeitsagenturen gut beraten und mit anderen Unternehmen vernetzen lassen, ebenso seien Integrationsämter vor Ort gute Ansprechpartner. Generell empfiehlt Podewin, sich für die Ausbildung von Menschen mit Behinderungen zu öffnen: „Wenn Arbeitgeber den Blick auf die Chancen statt auf die Erschwernisse legen, werden sie schnell merken, dass die Vorteile überwiegen."
Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 1/2025, S. 68-69 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_1_2025/#0
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