Gastbeitrag

Der Key-Account-Manager der Azubis

Auswählen, stärken, qualifizieren: Wie Unternehmen Ausbildungsbeauftragte zu Ausbildungsprofis machen. Von Gabriele Weingärtner

12.10.2020 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • © Monkey Business Images/Shutterstock

Montag, 7. September, eine Woche nach Ausbildungsbeginn. Christian und Charlotte haben eine Ausbildung im gleichen Unternehmen angefangen und waren nach einer Einführungswoche heute an ihren neuen Arbeitsplätzen: Christian in der Werkstatt, Charlotte im Büro. Sie treffen sich beim Mittagessen und erzählen sich von ihren ersten Eindrücken.

Gabriele Weingärtner ist Geschäftsführerin der Ausbilder-Akademie GmbH in Friedrichsdorf und Armsheim. Gemeinsam mit ihrem Trainerteam schult sie deutschlandweit in Unternehmen die Ausbildungsbeauftragten.

Christian ist begeistert. Der Meister begrüßte ihn bei seiner Ankunft. Er stellte ihm als Erstes einen Gesellen vor, der im vergangenen Jahr seine Prüfung mit Auszeichnung bestanden hat. Das ist Christians neuer Ausbildungsbeauftragter. Schon in den ersten Stunden begleitete Christian ihn bei der Arbeit und erledigte erste kleinere Arbeitsaufträge. Nach der Mittagspause steht ein Meeting mit ihm und dem Meister an, in dem der Ausbildungsplan und der Ablauf der nächsten Wochen besprochen wird. Charlotte hat eine andere Erfahrung gemacht. Sie war pünktlich im Büro – aber niemand sonst. Um halb acht kamen ein paar Kollegen: „Bei uns gibt es in der Abteilung flexible Arbeitszeiten“, sagten sie und gingen an die Schreibtische. Irgendwann kam ein Kollege und kündigte an, dass er jetzt erst einmal auf die Suche nach einem freien Tisch für sie gehe. Aufgaben für sie gebe es derzeit wegen Corona nicht so viele, sie solle erst einmal einfach zuschauen. Nächste Woche sei die Chefin wieder da, die sich dann um Charlotte kümmern würde. 

Ein fester Ansprechpartner hilft

Die Beispiele zeigen, welche Schlüsselrolle die Ausbildungsbeauftragten – manchmal auch ausbildende Fachkräfte oder Ausbildungsverantwortliche genannt – in der Ausbildung einnehmen. Man kann sie als Key-Account-Manager der Ausbildung betrachten: Ein Key-Account-Manager kümmert sich persönlich um die Belange und Interessen eines wichtigen Kunden. Er ermittelt seinen Bedarf, unterstützt ihn mit der passenden Dienstleistung. Dazu arbeitet er eng mit dem Kunden zusammen. Also Aufgaben, die ein Ausbildungsbeauftragter in Bezug auf einen Auszubildenden hat. 

Ein engagierter Ausbildungsbeauftragter sollte in Abstimmung mit Ausbilder oder Ausbildungsleiter leisten:

  • Rahmenbedingungen klären  (Zeiten, Arbeitsplatz, Lern- und  Arbeitsmaterial, Lernpartner),
  • Lerninhalte des individuellen  Ausbildungsplans konkretisieren,  
  • didaktisches Vorgehen mit den  geeigneten Methoden wählen,
  • Lernaufgaben und Projekte  vorbereiten und begleiten,
  • Begleitung des Azubis: Onboarding in  der Abteilung, Lernbegleitung, Coaching, Beurteilung und Feedback.

Die Besten eignen sich  als Ausbildungsbeauftragte

Die Aufgaben eines Ausbildungsbeauftragten liegen in der Ausbildungsbegleitung, im fördernden und fordernden Unterstützen. Ziel ist die Stärkung der Eigenständigkeit, des selbstständigen Denkens und Handelns. Das geht nicht durch „Vormachen-Nachmachen“, dazu braucht es aktivierende Methoden. Deswegen ist es wichtig, dass das Ausbildungsunternehmen die besten Mitarbeiter/-innen zu Ausbildungsbeauftragten macht. Fachkompetenz, methodisch-didaktische Kompetenz, digitale Kompetenz, soziale Kompetenz und eine hohe persönliche Kompetenz: Diese Kompetenzen benötigen sie, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Neben diesen individuellen Kompetenzen brauchen Ausbildungsbeauftragte Rückhalt, Wertschätzung und zeitlichen Freiraum von ihren Führungskräften. Denn Ausbildung geht nicht nur so nebenher. 

Um die Qualität der Ausbildungsbeauftragten sicherzustellen, ist ein mehrstufiger Prozess durch ein ganzheitliches Ausbildungsmanagement nötig, der zum Beispiel so ablaufen kann: 

  1. Definition der Aufgaben, Anforderungen und Kompetenzen  der Ausbildungsbeauftragten
  2. Abstimmen der Rahmenbedingungen  mit der Geschäftsführung
  3. Recruiting und Auswahl der Ausbildungsbeauftragten in den Ausbildungsabteilungen: Bei der Auswahl sollten die Führungskräfte einbezogen werden.
  4. Sichtbare Kommunikation der  benannten Ausbildungsbeauftragten  im Unternehmen
  5. Qualifizierung der Ausbildungsbeauftragten, etwa durch Seminare und Fortbildungen und durch engen Austausch untereinander und mit den Ausbildern
  6. Fortlaufende Beratung und Unterstützung der Ausbildungsbeauftragten, beispielsweise wenn Schwierigkeiten mit Auszubildenden auftreten oder wenn den Ausbildungsbeauftragten nicht genug Zeit für nicht ausbildungsrelevante Aufgaben bleibt.
  7. Motivation und Wertschätzung der  Arbeit der Ausbildungsbeauftragten

In jedem Unternehmensbereich, in dem Auszubildende zum Einsatz kommen, sollte ihnen ein Ausbildungsbeauftragter zur Seite stehen. Das sollte der beste Mitarbeiter im Team sein. Es geht bei der Ausbildung um die Absicherung der personellen Zukunft des Unternehmens.  

Qualifizierung sicherstellen

Was die Qualifizierung der Ausbildungsbeauftragten angeht, kann im Unternehmen zum Beispiel zunächst ein Praxisworkshop mit den Grundlagen der Tätigkeit durchgeführt werden. Vertiefende Seminare zu Themen wie Lernbegleitung, Methodik-Didaktik, digitalem Ausbilden, Feedbackkultur und Umgang mit Konflikten sind ebenfalls sinnvoll. Ausbildungsbeauftragten sollte auch das Ablegen der AEVO-Prüfung, also der Ausbilderschein, angeboten werden. Das stärkt den pädagogischen Werkzeugkoffer des Ausbildungsbeauftragten – und oft auch das Selbstbewusstsein als wichtiger Akteur der betrieblichen Ausbildung. Zudem ist die Tätigkeit als Ausbildungsbeauftragter eine gute Qualifizierungsmöglichkeit für High-Potentials im Unternehmen. Es sollte ein elementarer Bestandteil eines Personalentwicklungskonzepts sein, zum Beispiel als Teil eines Führungskräftetrainings.

Ein Fokus auf die Ausbildungsbeauftragten und die Stärkung ihrer Arbeit durch den Betrieb lohnt sich. Für das Unternehmen, weil gute und strukturierte Betreuung der Auszubildenden die Ausbildungsqualität steigert und Abbruchquoten senkt. Für Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte, weil sie Unterstützung für ihre wichtige Arbeit erfahren. Und für die Auszubildenden: Christian hat Lust auf die Ausbildung und ist motiviert. Und Charlotte? Sie wirkte unzufrieden. Doch wie kann ihre Ausbildung gut verlaufen? Am besten mit Benennung und Qualifizierung guter Ausbildungsbeauftragter in allen Abteilungen – und zwar so schnell wie möglich.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: 
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 3/2020, S. 10-13, www.bildungspraxis.de


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