Doppelte Integration: Sprachkurs neben dem Beruf
(nb). Durch die Internationalisierung der Arbeitswelt leben heute in Deutschland rund sieben Millionen ausländische Mitbürger. Ab dem 1. Januar 2007 tritt die EU-Erweiterung in Kraft: Bulgarien und Rumänien kommen hinzu. Viele neue EU-Bürger werden auch in Deutschland arbeiten. Doch nur wer Deutsch kann, hat gute Chancen.
04.12.2006 ArtikelAllerdings ist es für Berufstätige oft schwierig, die Sprache in Präsenzseminaren zu erlernen. In Kooperation mit dem Goethe-Institut hat die Studiengemeinschaft Darmstadt zwei Fernschul-Kurse erarbeitet, die ausländischen Mitbürgern eine schnellere sprachliche und berufliche Integration ermöglichen. Monika Boczar (27) kommt aus Polen, aus einem kleinen Dorf in der Nähe Breslaus (Wroclaw). Sie hat ihr Abitur in Polen gemacht und dort angefangen zu studieren.
Um den Hochschulbesuch zu finanzieren, hat sie in der Gastronomie gearbeitet: „Aber das Arbeiten und Studieren zusammen hat nicht geklappt. Das Studium musste ich abbrechen.“ Anschließend hat sie den Beruf „Fachkauffrau“ gelernt und wollte dann nach Deutschland. So arbeitet Monika jetzt halbtags in einem Restaurant in der Nähe von Heide (Schleswig-Holstein). Seit November 2005 absolviert sie den Fernschul-Kurs „Zertifikat Deutsch“, denn „ich möchte in Deutschland bleiben und strebe ein Fachhochschulstudium im Bereich Touristik an.“ Boczar hat vor dem Abitur in der Schule ein Jahr lang Deutschunterricht gehabt. Nach dem Abitur hat sie einen Sprachkurs in Polen und später auch einen in Schleswig-Holstein besucht. Das reicht aber nicht, zur Studienaufnahme benötigt sie einen Nachweis über ihre Sprachkenntnisse.
„Diesen könnte ich über Präsenzseminare im Ganztagsunterricht erwerben. Aber das lässt sich nicht mit meiner Arbeit vereinbaren.“ Die Studienberatung sagte ihr, dass auch das „Zertifikat Deutsch“ akzeptiert wird. „Kurze Zeit später hatte ich in einer Zeitschrift gelesen, dass man sich bei der Studiengemeinschaft im Fernunterricht auf das ‚Zertifikat Deutsch’ vorbereiten kann“, sagt Monika Boczar.
Das „Zertifikat Deutsch“ wird als Abschlusstest eines Integrationskurses anerkannt. Der Nachweis eines solchen Tests ist für eine große Gruppe ausländischer Mitbürger seit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes vom 1. Januar 2005 erforderlich. Zusätzlich wird das Zertifikat für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft als Nachweis ausreichender Sprachkenntnisse akzeptiert und von Arbeitgebern und Personalleitern anerkannt.
Alternative Fernlernen
Das Konzept des Fernlernens zielt eigentlich auf alle, die sich neben ihrer Arbeit weiter qualifizieren oder eine Berufsausbildung nachholen wollen, dabei aber nicht die Möglichkeit haben, sich den zeitlichen und räumlichen Vorgaben einer Universität oder Volkshochschule unterzuordnen.
Auch im Rahmen der sprachlichen Integration können Fernschulen eine sinnvolle oder gar die einzige Alternative zu Präsenzkursen sein. Denn Fernlernen unterstützt ausländische Mitbürger dabei, schnell eine Berufstätigkeit aufnehmen zu können – auch wenn nur geringe Deutschkenntnisse vorhanden sind – um dann parallel zur Arbeit die deutsche Sprache über einen Fernkurs zu erlernen. So ist der Kursteilnehmer völlig flexibel: Er lernt, wann und wo er möchte, unabhängig von festen Veranstaltungsorten und -zeiten. Damit das Lehrgangsziel erreicht wird, bietet das Fernlehrinstitut umfassende Betreuungsleistungen. Die hohe Flexibilität beim Fernlernen hilft ausländischen Berufstätigen, Fortbildung und Job miteinander zu verbinden. Auf diese Weise ist es nicht mehr notwendig,dass ein Sprachkurs der Arbeitsaufnahme vorgeschaltet werden muss. Seit rund einem Jahr besteht die Kooperation zwischen der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) und dem Goethe-Institut (GI), aus der zwei Fernlehrgänge hervorgegangen sind: „Deutsch als Fremdsprache“ und „Deutsch für Techniker/innen“. „An der wachsenden Teilnehmerzahl dieser Kurse merken wir, dass der Bedarf da ist. Die Integration kann viel schneller voranschreiten, wenn Arbeit und Sprachkurs nebeneinander stattfinden“, erklärt Dr. Okke Schlüter, Pädagogischer Leiter der SGD.
Wie funktioniert ein Fernkurs?
Am Anfang jedes Fernkurses gibt es die Möglichkeit, das Angebot mit einem Probemonat zu testen: „Dieser war für mich sehr wichtig, weil ich mir unter Fernunterricht nichts vorstellen konnte“, so Monika Boczar. Im Probemonat erhalten die Studenten das erste Lernmaterial und können es ausprobieren. „Danach habe ich den Kurs fortgesetzt. Er ist sehr günstig für mich, weil ich meine Lernzeit völlig frei planen und auf die Arbeit abstimmen kann“, sagt die 27-Jährige.
Fernlernen sollte nicht mit E-Learning gleichgesetzt werden, denn die Studienunterlagen werden per Post nach Hause geschickt – ergänzt durch CD-ROMs, Online-Lerneinheiten oder internetgestützte Tutorensysteme. Das jeweilige Thema wird im Lernheft vorgestellt und mit vielen Beispielen erklärt. Dann folgen Übungen. „Ich arbeite die Lernhefte durch. Am Ende des Lernheftes gibt es Hausaufgaben,die ich löse“, erklärt Boczar. Unterstützungund Betreuung bietet ein Fernlehrer, dem die Studenten die bearbeiteten Aufgaben zuschicken. Dieser korrigiert die Aufgaben und sendet sie zurück: „Er schreibt immer dazu, wo ich aufpassen muss, wo ich noch Fehler mache oder wie die richtige Lösung aussieht.“ Am Ende des Kurses gibt es ein Spezialseminar zur Prüfungsvorbereitung: „Da ich für meine Hausaufgaben im Kurs bisher gute Noten erhalten habe, werde ich die Prüfung hoffentlich auch gut bestehen“, meint Monika Boczar.
Fernunterricht von Sprachschülern akzeptiert
Die SGD verzeichnet bereits hohe Teilnehmerzahlen in beiden Sprachkursen. Etwa ein Drittel der Sprachschüler stammt aus osteuropäischen Ländern. Die anderen Kursteilnehmer kommen aus allen Nationen – von Argentinien über Tunesien und Spanien bis Frankreich. Da in Deutschland rund sieben Millionen ausländische Mitbürger leben und ab dem 1. Januar 2007 die EU-Erweiterung mit Bulgarien und Rumänien in Kraft tritt, werden wohl weitere Sprach-Lehrgänge zur Unterstützung von Berufstätigen entstehen.
Hintergrundinformationen
Komplementäre Kernkompetenz für eine erfolgreiche Eingliederung
Das Goethe-Institut (GI) und die Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD), ein Unternehmen der Klett-Gruppe, haben beide Fernlehrgänge in enger Abstimmung ausgearbeitet. Das GI brachte dafür seine langjährige Erfahrung und Expertise im Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache sowie in der Materialentwicklung ein. Die SGD übernahm die Gestaltung der Materialien sowie die Vermarktung der Lehrgänge. Aus der Kooperation sind bislang zwei Lehrgänge hervorgegangen. „Deutsch als Fremdsprache“ ist ein neunmonatiger Vorbereitungskurs auf die Prüfung zum „Zertifikat Deutsch“. Der zweite Sprachkurs ist der sechsmonatige Lehrgang „Deutsch für Techniker/innen“. Er vermittelt eine Einführung in die deutsche Fachsprache zu Technik und Informatik. Dieser Lehrgang ist in seiner Art neu. Er wurde vom Goethe-Institut speziell für die SGD entwickelt und wird ausschließlich dort angeboten. Der Lehrgang eignet sich als Brückenkurs für alle, die bereits im technischen Bereich arbeiten oder eine entsprechende Fortbildung absolvieren möchten und dafür Zusatzkenntnisse in der Fachsprache brauchen.
Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
Weiterführende Links
- Deutsch für Techniker/innen
- Deutsch im Beruf
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