Jugend / Enquete-Kommission des Landtags
Zum heutigen Abschluss der Enquete-Kommission des rheinland-pfälzischen Landtags "Jugend und Politik" erklärt der Beauftragte der Landesregierung für diese Kommission, Bildungs- und Jugendstaatssekretär Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig:
09.12.2005 Rheinland-Pfalz Pressemeldung Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, Rheinland-PfalzDie Enquete-Kommission "Jugend und Politik" hat in den vergangenen eineinhalb Jahren eine sehr engagierte und konstruktive Arbeit geleistet. Allen Beteiligten, den Mitgliedern und den Sachverständigen, aber auch den eingeladenen Experten, vor allem aber den Kindern und Jugendlichen selbst sowie den besuchten Institutionen vor Ort gebührt für diesen hohen Arbeitseinsatz Dank und große Anerkennung. Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass die Kommission in ihrer Arbeit stets eng an der Sache orientiert war. Die Frage, wie die Distanz zwischen Jugendlichen und der Politik zu überwinden sei, stand eindeutig im Zentrum, parteipolitische Ambitionen blieben dabei außen vor.
Die Arbeit der Kommission hat vor allem eines gezeigt: Wir sind in Rheinland-Pfalz beim Thema "Partizipation" in der Kinder- und Jugendarbeit gut aufgestellt. Die Kommission hat bei ihren Vor-Ort-Besuchen hervorragende Beispiele für eine lebendige Partizipation gesehen. Die guten Beispiele "in die Fläche" zu bringen, wird eine Aufgabe, zu der insbesondere das Bildungs- und Jugendministeriums auch künftig gerne weiter beitragen wird. Die von Landesseite in den zurück liegenden Jahren durchgeführten Maßnahmen, genannt seien vor allem die alljährlichen "Jugendforen", die Einrichtung der "Leitstelle Partizipation", die "Moderatorenschulungen" oder die "Spielleitplanung", sind beispielhaft, auch im Vergleich zu anderen Ländern. Wir haben in den 90er Jahren mit dem Programm "Jugendarbeit im ländlichen Raum" und seit Ende der 90er Jahre mit dem Ausbau der Schulsozialarbeit (als Konzept der Kinder- und Jugendhilfe) zwei in der Fachdiskussion sehr positiv beachtete Richtungen eingeschlagen.
Allerdings wurde auch deutlich, dass eine "Beteiligungskultur" von Kindern und Jugendlichen an den sie betreffenden Lebenswelten längst noch nicht in alle gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen Einzug gehalten hat. Sowohl die Etablierung eines "beteiligungsfreundlichen Klimas" in den Kindertagesstätten, den Schulen, Hochschulen oder Betrieben als auch die Aus-, Fort- und Weiterbildung der dort arbeitenden Multiplikatoren ist an mancher Stelle durchaus noch verbesserungsfähig. Hier wird unter anderem auch von Seiten der Landesregierung sowie von den politischen Bildungseinrichtungen im Land in Zukunft noch weitere "Bildungs- und Überzeugungsarbeit" geleistet werden müssen.
Die zahlreichen positiven Praxisbeispiele haben aber auch deutlich gemacht, dass "gelebte Beteiligungskultur" wenig zu tun hat mit der Frage zusätzlicher Mittelbereitstellung. Ein beteiligungsfreundliches Klima in der Schule beispielsweise ist durchaus ohne eine Erweiterung der Stundentafel machbar. Hierbei sind Besuche von Politikerinnen und Politikern und den politischen Jugendorganisationen in den Schulen oder auch Besuche von Schülerinnen und Schülern bei den kommunalpolitisch Verantwortlichen, im örtlichen Abgeordnetenbüro oder im Landtag nur einige Möglichkeiten unter vielen. Denn: Zentral ist - und das hat die Arbeit der Kommission ganz deutlich gezeigt - der Kontakt, der Austausch, die Begegnung zwischen den Politikerinnen und Politikern und den jungen Menschen. Nur da, wo es Gespräche gibt, wo Informationen ausgetauscht werden und wo es die Möglichkeit gibt, den Anderen kennen zu lernen, gibt es auch die Chance, Vorurteile abzubauen und vielleicht sogar Interesse zu wecken für einen ganz neuen, bisher unbekannten Bereich. Kinder und Jugendliche aber auch Eltern und Multiplikatoren müssen informiert sein über das, was möglich ist. Sie müssen wissen, an welche Fachleute und Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner sie sich wenden können, wenn sie etwas in ihrem Umfeld verändern wollen, und welche Formen der Beteiligung es überhaupt gibt. Aus diesem Grund sind wir alle angehalten, stärker als bisher zum Bereich der Partizipation von Kindern und Jugendlichen zu informieren. Dies gilt für die Landesregierung und die Verwaltungen genauso wie für die Mitglieder des Landtags bei Vor-Ort-Gesprächen und Projekten oder Schulbesuchen. Von Landesseite werden darüber hinaus aber auch zentrale Informationsplattformen angeboten, wie das Internetportal der "Leitstelle Partizipation" www.net-part.rlp.de, der Bildungsserver des Landes bildung-rp.de oder das Jugend-Online-Magazin www.jom.rlp.de.
Als Quintessenz aus der Arbeit der Enquete-Kommission bleibt aus Sicht der Landesregierung festzuhalten:
- Jugendliche sind nicht unpolitisch, desinteressiert und gelangweilt.
- Die Jugend ist besser als ihr Ruf! Es gibt ein hohes soziales und gesellschaftliches Engagement in Projekten verschiedenster Art.
- Kinder und Jugendliche heute engagieren sich anders als früher. Beteiligungsprojekte und -maßnahmen müssen eher kurzfristig und kleinräumig konzipiert sein, sie sollten darüber hinaus einen direkten Bezug zur aktuellen Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen haben.
- Der Schritt vom Interesse zum Engagement erfolgt dabei vor allem dann, wenn es Erwachsene gibt, die diesen Prozess mit der nötigen Sensibilität und dem erforderlichen Können begleiten. Kinder und Jugendliche spüren sehr schnell, wenn das Interesse Erwachsener taktischer Natur ist. Sie wollen authentische Erwachsene.
- Eine weitere wichtige Erkenntnis: Engagement und Beteiligung ist ein lebenslanger Prozess. Er kann und sollte bereits in den Einrichtungen der Elementarerziehung praktiziert werden und sich im Leben der Kinder und Jugendlichen über die Schulen, die Hochschulen sowie die ausbildenden Betriebe manifestieren und verstetigen. So wird Partizipation zu einer Lebenseinstellung.
- Gegenüber der Schule lässt sich die konkrete Erwartung formulieren, das Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragen von Kindern und Jugendlichen (nicht nur im Sozialkundeunterricht) stärker aufzugreifen und – wo möglich – auch aktive Politiker/innen in Diskussionen einzubeziehen.
- Vor allem aber ergeht an uns alle, an jede Einzelne und jeden Einzelnen unter uns der Appell, das Gespräch zu suchen und zuzuhören. Das erfordert Zeit und auch Geduld, im Übrigen von beiden Seiten, denn "Beteiligung" ist keine Einbahnstrasse, sondern braucht Jugendliche, die "dran bleiben", auch wenn sich Wünsche nicht sofort oder möglicherweise gar nicht realisieren lassen!
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