"Kindliche Kompetenzen in allen Lernorten stärken"

(bikl) Prof. Wassilos Fthenakis, langjähriger Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, ist in der vergangenen Woche zum neuen Präsidenten des Didacta Verbands gewählt worden. Im Verband der Bildungswirtschaft sind Unternehmen und Einrichtungen organisiert, die Produkte und Dienstleistungen für alle Bildungsbereiche entwickeln, produzieren und vertreiben - von der Kindertagesstätte über Schule, Hochschule und Ausbildung bis hin zur Weiterbildung. Der Raum als ‚dritter Erzieher‘ verdiene stärkere Beachtung als bisher hatte der Wissenschaftler nach seiner Wahl erklärt. Deshalb müsse in die Ausstattung der Bildungseinrichtungen weiter investiert werden. Im Interview nimmt Fthenakis Stellung zu Bildungsreformen, zur Rolle der Bildungswirtschaft und zu seinen Aufgaben im neuen Amt.

18.05.2006 Artikel

Herr Professor Fthenakis, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt als Präsident des Didacta Verbandes. Sie sind ein angesehener Bildungs- und Familienwissenschaftler und ein gefragter Politikberater. Was hat Sie dazu bewogen, für die Präsidentschaft des Verbandes der Bildungswirtschaft zu kandidieren?

Fthenakis: Die Bildung unserer Kinder ist die wichtigste Ressource über die wir in Deutschland verfügen. Und sie entscheidet in gleicher Weise sowohl über die individuelle Entwicklung und die soziale Verortung des Kindes als auch über die Zukunft unseres Landes. Deshalb ist Bildung nicht nur eine private Angelegenheit, sondern in hohem Maße auch gesamtgesellschaftliche Pflichtaufgabe. Infolge des rasant verlaufenden sozialen Wandels, der Globalisierung, der demographischen Entwicklung und der veränderten Anforderungen, die die Wirtschaft an das Individuum wie an das Bildungssystem heute richtet, sind wir darauf angewiesen, unser Bildungssystem weiter zu entwickeln, ja sogar tief greifend zu reformieren.

Spätestens die Befunde der PISA- und weiterer internationaler vergleichender Studien haben uns dafür die Augen geöffnet. Wir stehen, wenn Sie wollen, vor einem großen Transformationsprozess im Bildungssystem, der allein über einen Bereich, etwa durch die Politik oder die Fachlichkeit nicht bewältigt werden kann. Vielmehr brauchen wir große Anstrengungen aller Akteure. Der Didacta Verband bietet, nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Arbeit, die er in den letzten Jahren geleistet hat, eine ausgezeichnete Plattform, auf der sich Wirtschaft, Politik und Fachlichkeit treffen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Mit meinen Vorstandskollegen möchte ich mich für das produktive Zusammenwirken dieser Akteure einsetzen. Denn ich bin überzeugt, dass es uns nur vereint gelingen wird, den anstehenden Herausforderungen gerecht zu werden.

Wie kann die Bildungswirtschaft zu den nötigen Qualitätsverbesserungen im deutschen Bildungssystem beitragen?

Fthenakis: Die Bildungswirtschaft hat auch in der Vergangenheit einen großen Beitrag zur Sicherung von Bildungsqualität in allen Stufen des Bildungssystems geleistet. Derzeit erleben wir eine Neudefinition von Bildung, die auf die Stärkung kindlicher Entwicklung und kindlicher Kompetenzen hinausgeht. Kindliche Kompetenzen sollten allerdings nicht nur in den Bildungsinstitutionen, sondern auch in allen Lernorten, insbesondere in der Familie, gestärkt werden. Dafür müssen wir das Angebot ergänzen und weiter entwickeln. Zudem steht der Aufbau der Betreuungs- und Bildungsangebote für unter dreijährige Kinder an. Hier benötigen wir Materialien, die diesem Entwicklungsniveau angemessen sind.

Die Bildungseinrichtungen werden sich verändern: Es werden mehr integrative Formen entstehen, in denen Angebote für Kinder mit Angeboten für Eltern und mit Beratungsangeboten für die Fachkräfte enger miteinander verbunden werden. Und viele teilweise veraltete Einrichtungen müssen erneuert werden. Bei diesem Erneuerungs- und Weiterentwicklungsprozess hat die Bildungswirtschaft eine große Rolle zu spielen. Denken Sie nur an die Ausstattung der Einrichtungen mit modernen Medien. Darüber hinaus wird die Bildungswirtschaft bei der Entwicklung und Implementation von Professionalisierungsangeboten für Fachkräfte ihren Beitrag leisten. Dieser Bedarf ist derzeit, nicht zuletzt als Konsequenz der neueren Bildungspläne, bundesweit sehr groß. Und die Bildungswirtschaft wird sich in die Debatte über Bildungsqualität einbringen, um Bildungsqualität für alle Kinder und in allen Bereichen des Bildungssystems zu sichern. Die didacta – die Bildungsmesse und eine Reihe von anderen Veranstaltungen tragen dazu bei.

Welche Akzente wollen Sie persönlich dabei setzen?

Fthenakis: Ich bin ein Verfechter der Ansicht, dass Akteure wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Praxis, Eltern und Träger nur gemeinsam eine hohe Bildungsqualität in unserem Lande sichern können. Es ist deshalb die selbstverständliche Aufgabe des Präsidenten in dieser Richtung zu arbeiten. Die Arbeit des Didacta Verbands war bis jetzt durch eine starke Vernetzung gekennzeichnet. Dies fortzusetzen und damit Kontinuität in der Arbeit des Verbandes zu sichern, darin sehe ich eine Aufgabe.

Ich komme aus der Wissenschaft und bin ein politisch interessierter und engagierter Fachmann. Man darf demnach von mir zurecht erwarten, dass ich, in meiner neuen Funktion, stärker auch den fachlichen und politischen Aspekt in die Arbeit des Verbandes einbringe. Auch wenn die Zeit bis zur nächsten didacta in Köln 2007 nicht sehr lang ist, werden wir nach Wegen suchen, das Bündnis von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft im oben angesprochenen Sinne weiter zu stärken. Wer mich gut kennt, weiß zudem um mein Interesse an Europa und der Welt. Weltoffenheit und ein entsprechendes Engagement wird meine Arbeit im Didacta Verband in den nächsten zwei Jahren kennzeichnen.


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