"Mehrsprachigkeit ist Teil meines Lebens"

Eine glaubhaftere Botschafterin für Mehrsprachigkeit und Integration hätte sich der Sprachzertifikatsanbieter telc – language tests für seine viel beachtete Poster-Kampagne nicht wünschen können: Für die gebürtige Engländerin Dr. Mara C. Harvey ist Mehrsprachigkeit ein Lebensthema.

08.12.2011 Pressemeldung telc gGmbH

Als Tochter einer Schweizerin und eines Engländers wuchs sie zunächst englischsprachig auf, zog dann aber im Alter von elf Jahren mit Mutter und Schwester in die italienischsprachige Schweiz, wo sie sich von einem Tag auf den anderen mit einer neuen Sprache konfrontiert sah. Nach Studium und Promotion im französischsprachigen Fribourg machte Mara Harvey Karriere beim Schweizer Finanzunternehmen UBS und lebt seit nun mittlerweile zehn Jahren in Deutschland. Die offene und sympathische Kosmopolitin beherrscht vier Sprachen fließend und engagiert sich, geprägt durch ihre Erfahrungen, aktiv für die Integration von Migrantinnen in den deutschen Arbeitsmarkt. Als Mentorin bei der Frankfurter Organisation beramí steht sie zugewanderten Frauen mit Rat und Tat bei der Arbeitsplatzsuche zur Seite.

Für Mehrsprachigkeit und Integration warben vor Dr. Mara C. Harvey bereits unter anderem die DVV-Präsidentin und ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth, der deutsche Fußball-Nationalspieler Cacau und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die gemeinnützige telc GmbH, die als internationales Bildungsunternehmen Sprachenzertifikate in zehn Sprachen anbietet, hat die Plakatkampagne vor mittlerweile zwei Jahren ins Leben gerufen. Sie bestärkt Zuwanderer in ihrem Bemühen um das Erlernen der deutschen Sprache als Grundvoraussetzung gelingender Integration, motiviert aber auch Einheimische zur Erweiterung ihrer Fremdsprachenkenntnisse. Aus eigener Erfahrung gibt Mara Harvey folgende Botschaft mit auf den Weg: "Mehrsprachigkeit baut Brücken zwischen Kulturen und schafft die Grundlage für den Austausch und das gegenseitige Verständnis."

Interessierte können das Plakat kostenlos über die Website www.telc.net bestellen.

Nachfolgend ist das vollständige Interview mit Dr. Harvey zu lesen, in dem sie unter anderem über ihren von Mehrsprachigkeit geprägten Lebenslauf, ihr Engagement im Bereich Integration und ihre Erfahrungen in der von Männern dominierten Finanzbranche spricht.



Die gemeinnützige telc GmbH ist ein Tochterunternehmen des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V. und entwickelt unter dem Label "The European Language Certificates" seit mehr als 40 Jahren wissenschaftlich fundierte Sprachprüfungen in derzeit zehn Sprachen. In Deutschland ist telc – language tests Partnerin der Bundesregierung für die Sprachprüfung, mit der Integrationskurse abschließen.


Interview: Dr. Mara C. Harvey über ihren von Mehrsprachigkeit geprägten Lebenslauf, die Männerdomäne Finanzbranche und ihr Engagement im Bereich Integration

Sie sind in Großbritannien geboren, in England und der Schweiz aufgewachsen und sprechen vier Sprachen. Wurden Sie mehrsprachig erzogen?

Anfangs nicht. Meine Mutter ist Schweizerin und sprach in England anfangs auch Schwyzerdütsch mit meiner Schwester und mir. Wir haben es aber nie wirklich aufgegriffen und so bin ich bis zum Alter von elf Jahren nur mit Englisch aufgewachsen. Nach der Trennung unserer Eltern zogen wir mit unserer Mutter zurück in die Schweiz und landeten von einem Tag auf den anderen im Tessin. Wir kamen in die Schule, sprachen kein Wort Italienisch und konnten uns mit niemandem unterhalten – weder mit den Schülern noch mit den Lehrern. Am Anfang war es sehr hart für uns Kinder, aber unsere Lernkurve war sehr steil und nach sechs Monaten sprachen wir fließend Italienisch. In diesem Kontext lernte ich automatisch jeden Tag, 24 Stunden. Auch unsere Mutter hat viel Italienisch mit uns gesprochen, weil sie meinte, dass das der einzige Weg sei, um die Sprache schnell zu lernen. Durch diese Erfahrung wurde Mehrsprachigkeit ein Teil meines Lebens. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sich Menschen fühlen, die ihr Land verlassen und woanders neu anfangen müssen. Dann ist es das Wichtigste, dass man sich zwingt, sich mit der Sprache des Landes auseinanderzusetzen. Ich finde es sehr schade, wenn Einwanderer isoliert leben, weil sie immer nur die eigene Muttersprache sprechen, denn so kommen sie nie in der neuen Heimat an.

Erziehen Sie Ihre Kinder mehrsprachig?

Ja, auf jeden Fall. Mein Sohn spricht vier Sprachen – Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch –, meine Tochter zwei Hauptsprachen, Deutsch und Englisch, wie auch etwas Italienisch.

Es gibt viele Länder, in denen Mehrsprachigkeit nicht gelebt wird. Welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach zwischen einem Kind, das mehrsprachig aufwächst, und einem Kind, das nur mit einer Sprache groß wird?

Da gibt es sicherlich Unterschiede. Ich kenne da auch viele Geschichten aus meinem Bekanntenkreis in England. Viele Kinder, die nur mit Englisch aufwachsen, ziehen überhaupt nicht in Betracht, nach der Schule im Ausland zu studieren, sei es auch nur in Australien, wo ja auch Englisch gesprochen wird. Ihre Welt ist sehr klein und sie wollen dort bleiben, wo sie sich wohlfühlen. Ich denke, das hat sehr viel mit Offenheit zu tun, die man mit einer Sprache lernt. Sprachen öffnen die Tür zu einer anderen Kultur, zu einem anderen Land, zu anderen Leuten. Je mehr Sprachen man spricht, desto neugieriger wird man. Und dann bekommt man auch mal Lust, in ein anderes Land zu reisen und bleibt dann dort, weil man Freunde oder eine Arbeit findet. Das sind so kleine Verknüpfungen, die sich im Leben ergeben, weil die Offenheit dafür einfach da ist.

Sie haben in der Männerdomäne der Bankenwelt Karriere gemacht. Hatten Sie das Gefühl, sich als Frau besonders beweisen zu müssen? Haben Ihnen dabei Ihre Sprachkenntnisse und Ihre Offenheit gegenüber anderen Kulturen geholfen?

Ja und nein. Auf der einen Seite ja, weil sich so Arbeitsperspektiven bieten, die man ohne Sprachkenntnisse einfach nicht hat. Die geographische Flexibilität ist sehr groß. Auf der anderen Seite wird man als Frau schnell als die "gute Seele" wahrgenommen, wenn man offen ist und eine hohe emotionale Intelligenz hat. Bestimmte Themen wie etwa "Diversity" bleiben dann immer an den gleichen Leuten – meistens Frauen – hängen, die das sowieso gut können, anstatt dass sich andere, die vielleicht den größeren Bedarf hätten, in diesem Bereich engagieren. In einer Männerwelt wie der Finanzwelt muss man aber ganz bewusst gegen diese Tendenz steuern. Ein Beispiel: In Workshops von Konferenzen sitzt meistens nur eine Frau. Wenn es um die Frage geht, wer das Protokoll schreibt, richten sich alle Blicke auf die Frau und es heißt: "Du schreibst als Frau sicherlich besser und hast eine schönere Schrift!". In diesen klassischen Situationen antworte ich mittlerweile: "Und genau deswegen mache ich es nicht!" In der Finanzwelt gibt es immer noch die Ansicht, dass Frauen einen super Job machen, aber lieber im Hintergrund bleiben und jemandem zuarbeiten sollen. Es gibt eine große Scheu, ihnen die ganze Verantwortung zu übertragen. Ich denke aber, dass sich das in der nächsten Generation weiterentwickeln wird, denn es hat sich auch schon viel verändert, seit ich angefangen habe.

Die sogenannte ELAN-Studie des Europarats aus dem Jahr 2006 zeigt, dass vielen Firmen Aufträge in Millionenhöhe entgehen, weil die Fremdsprachenkenntnisse ihrer Mitarbeiter nicht ausreichend sind. Sehen Sie das auch so?

Ich denke, das ist von der Art und der Reichweite des Unternehmens abhängig. Wenn die Firma international aufgestellt ist, dann würde ich diese These auf alle Fälle unterschreiben. Wir in der Bank haben zum Beispiel viele Kollegen in der Kundenberatung, die eigentlich gut Englisch sprechen, aber relativ selten mit Kollegen in Asien oder in den USA telefonieren, um Erfahrungen auszutauschen. Das passiert deshalb nicht, weil die englische Sprache oft nicht so gut beherrscht wird, dass mit jemandem, der einen Akzent hat und am Telefon spricht, kommuniziert werden kann.

Was halten Sie eigentlich von Dialekten? Finden Sie es wichtig, dass diese bewahrt werden?

Ja, auf alle Fälle, aber es ist natürlich auch wichtig, die Hochsprache zu sprechen. Zum Beispiel gibt es in der Schweiz viele Leute, die sich unwohl fühlen, wenn sie Hochdeutsch sprechen müssen. Andererseits kann man sich aber auch keine Welt vorstellen, in der es diese Dialekte und regionalen Akzente nicht gibt. Ich finde das sehr charmant.

Kann man mit der Beherrschung von Dialekten auch Erfolge im Geschäftsleben erzielen?

Ja, ich denke schon. In unserem Unternehmen merken wir zum Beispiel, dass Düsseldorfer Kunden nicht von Kölnern betreut werden können und umgekehrt. Wenn man versuchen würde, diese beiden Standorte mit Leuten aus Frankfurt abzudecken, die nur hochdeutsch sprechen, dann wäre das schwierig und wir wären dort sicher nicht erfolgreich. Ein lokaler "Touch" gehört schon unbedingt dazu.

Sie setzen sich sehr für das Thema Integration ein. Können Sie uns etwas über Ihr Engagement in diesem Bereich erzählen?

Dazu bin ich, ehrlich gesagt, zufällig gekommen. Eine Kollegin kannte die Organisation beramí, die ein Mentoring-Programm für Migrantinnen ins Leben gerufen hat. Dort wurden noch Mentorinnen gesucht und ich habe mich gerne zur Verfügung gestellt. Mir wurde eine junge Dame aus Kenia zugeteilt, die in Indien Jura studiert hatte und mit ihrem Mann und ihrem kleinen Kind nach Deutschland gekommen war. Ich sollte sie unterstützen, hier eine Arbeit zu finden und Fuß zu fassen. Als ich die Frau kennengelernt habe, war ich begeistert, wie gut ihr Deutsch war, obwohl sie die Sprache erst seit fünf Monaten sprach. Sie hatte bereits zahlreiche Deutschkurse absolviert und Sprachenzertifikate erworben. Das hat mich natürlich motiviert, weil ich gemerkt habe, dass ich eine Person vor mir habe, die sehr offen ist, einen starken Willen hat und in diesem Land einen Beitrag leisten möchte. Ich habe ihr geraten, erst einmal ein Praktikum zu machen, da ein Direkteinstieg immer schwierig ist. Sie konnte dann innerhalb eines Jahres zwei erfolgreiche Praktika absolvieren, einmal bei der GTZ und einmal beim Max-Planck-Institut, wo sie beide Male sehr positives Feedback bekommen hat. Das war natürlich sehr motivierend, da es in dem Programm auch viele Mentees gibt, die nach drei oder sechs Monaten immer noch nichts bekommen haben. Für mich zeigt das, wie wichtig es ist, sich ein Ziel zu setzen, hart und systematisch daran zu arbeiten und nicht aufzugeben. Da wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Haben Sie selbst je ein Sprachenzertifikat gemacht?

Nein, außer den Prüfungen in der Schule natürlich. Schlimm, oder (lacht)? Ich hatte das Glück, dass ich mehr oder weniger zehn Jahre in einem Sprachgebiet gelebt habe: zehn Jahre in England, zehn Jahre im Tessin, zehn Jahre in Fribourg und jetzt zehn Jahre in Deutschland. Wenn man das auf seinem Lebenslauf stehen hat, hinterfragt niemand, ob man die Sprache kann oder nicht. Wenn man sich aber kürzere Zeit im Ausland aufhält, finde ich es sehr wichtig, ein Zertifikat zu machen, denn dann muss man beweisen können, welches Niveau man hat und wie fließend man eine Sprache beherrscht. Außerdem ist ein Sprachenzertifikat auch immer eine Motivation für die Lernenden. Ich würde auch meine Kinder dazu ermutigen. Letztendlich ist ein Zertifikat ein Beweis dafür, dass man sich mit sehr viel Disziplin mit einer Sprache auseinandergesetzt hat.

Haben Sie Tipps, wie man eine Fremdsprache am besten erlernt?

Ich denke, in der Schule ist es am einfachsten, denn Kinder sind wie kleine Schwämme, die alle Informationen aufsaugen. Je früher man eine Sprache lernt, desto besser. Kinder setzen sich mit viel mehr Leichtigkeit mit einer Sprache auseinander, da sie, insbesondere im Kindergartenalter, noch keine Strukturen im Kopf haben. Daher finde ich Sprachen das größte Geschenk, das man Kindern mit auf den Weg geben kann, sie haben damit einen Riesenvorteil im Leben. Wenn ein Kind mal ein bisschen Chinesisch gelernt hat, bedeutet das, dass es eines Tages eine Bewerbung an eine globale Firma mit einer Niederlassung in Peking schicken kann. Vielleicht wird dann auf der Arbeit Englisch gesprochen, aber man kann wenigstens "Hallo", "Guten Tag" und "Freut mich, Sie kennenzulernen" auf Chinesisch sagen. Und so öffnet sich eine Tür, die einem sonst vielleicht verschlossen wäre.

Zu guter Letzt: Welche ist denn Ihre Lieblingssprache?

Oh, das ist eine gute Frage. Es hängt ganz von meiner Stimmung ab, welche Sprache ich bevorzuge: Italienisch, wenn ich total begeistert von einer Sache bin; Deutsch, wenn ich schimpfe; wenn es richtig eng wird, Schwyzerdütsch – da verwende ich dann Ausdrücke, die ich aus meiner Kindheit von meiner Mutter kenne, wie zum Beispiel: "Hol mal s´Schüfeli und s´Wischerli" ("Hol mal die Kehrschaufel und den Handbesen"), wenn die Kinder etwas kaputt gemacht haben. Englisch hingegen gefällt mir als Sprache sehr gut. Mich faszinieren zum Beispiel wortbildende Lautmalereien, wie etwa "the buzzing of a bee", "humming" oder "drumming". Es gibt eine Menge solcher Wörter, die einen Ton wiedergeben, und ich denke, das gibt es in keiner Sprache so sehr wie im Englischen und deshalb liebe ich diese Sprache. Sie sehen also, es hängt ganz von meiner Gemütslage ob, auf welche Sprache ich gerade zurückgreife.

Ansprechpartner

telc gGmbH
Barbara Weber
Bleichstraße 1
60313 Frankfurt am Main
Telefon: +49 (0) 69 95 62 46 63
E-Mail: b.weber@telc.net
Web: www.telc.net


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