didacta-Themendienst

„Pflegen kann nicht jeder“

Der Fachkräftemangel in Pflegeberufen ist bereits spürbar – und wird sich verschärfen. Die Ausbildung muss dringend attraktiver werden, mahnt Prof. Gertrud Hundenborn, Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung.

29.12.2016 Bundesweit Artikel Pia Behme
  • © Gertrud Hundenborn Gertrud Hundenborn ist Professorin für Pflegepädagogik und Pflegefachdidaktik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und Leiterin der Abteilung Pflegebildungsforschung am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung.

Frau Prof. Hundenborn, warum sind gerade Pflegeberufe vom Fachkräftemangel betroffen?

Zum einen gibt es einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften, der auch zukünftig als steigend prognostiziert wird. Aufgrund des demografischen Wandels erhöht sich die Hilfs- und Pflegebedürftigkeit älterer Menschen sowie von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Ein zweiter Grund liegt darin, dass für vergleichsweise wenig Jugendliche der Pflegeberuf attraktiv genug ist: Die Rahmenbedingungen sind belastend und die Bezahlung ist schlecht, da es Möglichkeiten gibt, außerhalb von Tarifen zu entlohnen. Junge Menschen kritisieren zudem die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten. Das gilt insbesondere für den Altenpflegeberuf, der nicht zum europaweit anerkannten Krankenpflegeberuf gehört.

Wo muss angesetzt werden, um gegen den Fachkräftemangel vorzugehen?

Es muss und sollte einfach gelingen, mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern. Dafür brauchen wir eine Ausbildung, die europäischen Standards entspricht, mit einem für die Berufsinhaber attraktiven Handlungsfeld. Das heißt, sie müssen Aufgaben haben, die wertgeschätzt und nicht von jedem übernommen werden können. Pflegen kann nicht jeder. Pflegen können diejenigen, die eine dreijährige Ausbildung absolviert haben.

Wie können die beruflichen Schulen und Ausbildungsbetriebe Anreize für den Pflegeberuf schaffen?

Zunächst gilt es, die Ausbildung anspruchsvoll zu gestalten. Dazu gehört auch, dass für bestimmte Ausbildungsbereiche ein Studium empfohlen wird. Im Moment gehen wir davon aus, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Pflegekräfte in der Lage sein müssen, ihr Pflegehandeln wissenschaftlich zu begründen und sich auf neue Forschungsergebnisse zu stützen. Wenn Pflegende ihre Ausbildung an einer Hochschule absolvieren oder in Verbindung mit einer beruflichen Ausbildung studieren könnten, würde das sicherlich die Attraktivität des Berufsbilds steigern. Das ist derzeit allerdings nur im Rahmen von Modellversuchen möglich, aber noch nicht als Regelung in den Ausbildungsgesetzen vorgesehen.

Setzt sich auch die Politik dafür ein, die Ausbildung ansprechender zu machen?

Die Bundesregierung hat vor geraumer Zeit einen Gesetzentwurf für ein neues Pflegeberuf-Reformgesetz vorgelegt, das die Ausbildung insgesamt attraktiver gestalten soll. Es soll auf die Pflege von Menschen aller Altersgruppen vorbereiten. Das ist eine sogenannte generalistische Pflegeausbildung, die inzwischen europaweit Standard ist. Dazu gehört die Möglichkeit, Pflege primär zu studieren und auch heilkundliche Aufgaben zu übernehmen. Zudem beinhaltet es sogenannte „vorbehaltene Tätigkeiten“, das heißt, die Verantwortung der Pflegekräfte, komplexe Pflegeprozesse zu steuern und zu gestalten. Dieses Gesetzgebungsverfahren sollte eigentlich längst abgeschlossen sein. Es ist in der Zwischenzeit aber ins Stocken geraten. Einige Abgeordnete bezweifeln, dass es ohne Qualitätsverluste möglich ist, sich auf die Pflege aller Altersgruppen in einer dreijährigen Ausbildung vorzubereiten. Wir verfügen allerdings über belastbare Ergebnisse von etwa 30 bis 40 Modellversuchen bundesweit, die belegt haben, dass es möglich ist. Sicherlich gibt es auch noch Finanzierungsgründe, die immer eine Rolle spielen. Mein persönlicher Wunsch wäre jedoch an diesem anspruchsvollen Reformprojekt festzuhalten, das ich für alternativlos halte.

Über den Fachkräftemangel in Pflegeberufen diskutiert Prof. Gertrud Hundenborn auf der didacta 2017 in Stuttgart:

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Podium: Fachkräftemangel in Pflegeberufen
Darüber diskutieren:

  • Andrea Kiefer, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe
  • Prof. Gertrud Hundenborn, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V.
  • Evelyn Siebert-Aakolk, Fachberaterin für Altenpflege im Bereich des Regierungspräsidiums Karlsruhe
  • Michael Zeiser, Mettnau-Schule Radolfzell
  • Schüler/Schülerin

15. Februar 2017
14:30 bis 15:30 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Fachkräftemangel: Jede(r) wird gebraucht?
Joachim Ruth, DGB-Bezirk Baden-Württemberg
Clemens Wieland, Bertelsmann Stiftung
14. Februar 2017
13:30 bis 14:15 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Hochschulzugang durch berufliche Bildung
Dr. Veronika Nölle, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Leiterin des Referats Berufliche Gymnasien
14. Februar 2017
11:00 bis 12:00 Uhr
Halle 1, Stand E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Heterogenität gelebt - welche Leistungen werden vom Ausbildungspersonal erwartet?
Dr. Axel-Michael Unger, Bundesverband Deutscher Berufsausbilder e.V. (BDBA)
Gisela Westhoff, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
16. Februar 2017
10:30 bis 11:15 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Berufliche Orientierung: großer Anspruch, kleine Wirkung?
Es diskutieren:

  • Andrea Bosch, stellvertretende Geschäftsführerin IHK Region Stuttgart
  • Martina Musati, Geschäftsführerin Operativ in der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit
  • Bernd Saur, Vorsitzender PhV Baden-Württemberg
  • Thomas Schenk, Schulamtsdirektor im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

16. Februar 2017
13:30 bis 14:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Berufliche Bildung – Leistung und Herausforderung
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
  • Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
  • Dr. Ernst G. John, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V.
  • Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
  • Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.

17. Februar 2017
15:00 bis 16:00 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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