„Schwer zu simulieren“
Auslandsaufenthalte schaffen neue Kompetenzen und wertvolle Erfahrungen – nicht nur für Azubis, sondern auch für das Ausbildungspersonal. Interview: Franziska Schuberl
12.08.2024 Bundesweit Artikel BildungspraxisBildungspraxis: Was sind die wichtigsten Vorteile von Auslandsaufenthalten für Azubis?
Stefan Metzdorf: Auslandsaufenthalte stellen eine herausragende Bildungschance dar. Sie ermöglichen nicht nur persönliches Wachstum, sondern erweitern auch den beruflichen Horizont und die Sprachkenntnisse. Die Teilnehmenden gewinnen dabei fachliche Kenntnisse in ihrer Branche und lernen, in einer anderen Kultur zu agieren.
Sind diese Kompetenzen nur im Ausland erwerbbar?
Nein, aber ein Auslandsaufenthalt bietet eine andere Intensität. Das Eintauchen in eine andere Kultur, das Leben bei einer Gastfamilie und die Anpassung an eine andere Geschäftsumgebung sind Erfahrungen, die schwer zu simulieren sind. Der Lernfortschritt, der in vier bis sechs Wochen im Ausland erreicht werden kann, wäre zu Hause im Klassenraum oder im Ausbildungsbetrieb nicht möglich.
Stefan Metzdorf leitet das Bundesförderprogramm „Ausbildung Weltweit“ in der nationalen Agentur der Europäischen Kommission beim Bundesinstitut für Berufsbildung.
Welche Auslandsaufenthaltsdauer ist sinnvoll?
Bei „Erasmus Plus“ beträgt die Mindestdauer zehn Tage, während „Ausbildung weltweit“, vor allem bei Zielen auf anderen Kontinenten, mindestens drei Wochen vorsieht. Wenn Unternehmen beteiligt sind, ermöglichen sie oft sechs Wochen oder sogar zwei Monate. Eine längere Dauer fördert eine tiefere Integration und fachliche Weiterentwicklung. Wichtig ist, dass der Auslandsaufenthalt gut in den Ausbildungsverlauf integriert werden kann.
Wie profitieren Unternehmen von Auslandsaufenthalten ihrer Azubis?
Für die Unternehmen ist es gut, dass Auszubildende sich weiterentwickeln und soziale Kompetenzen stärken. Selbst nach kurzen Aufenthalten steigt das Selbstvertrauen der Auszubildenden, sie werden selbstständiger und können geschickter mit Problemen umgehen. Auch die Fähigkeit der Auszubildenden, sich in kulturell gemischten Teams zu engagieren und offen auf ausländische Kundschaft zuzugehen, hilft den Unternehmen weiter. Und nicht zuletzt nutzen Unternehmen solche Angebote auch im Ausbildungsmarketing.
Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es für Unternehmen?
Programme wie „Erasmus Plus“ und „Ausbildung „Weltweit“ unterstützen mit Zuschüssen für Fahrtkosten, Tagegelder und Pauschalen für die Vor- und Nachbereitung. Die Ausbildungsvergütung wird während des Aufenthalts weitergezahlt. Die Finanzierungshürde ist im europäischen Raum besonders niedrig und auch im weltweiten Bereich wird ein Großteil der Kosten durch die Förderung von „Ausbildung Weltweit“ abgefangen. Die Programme gewährleisten zudem eine Qualitätssteuerung und schaffen eine Community für Erfahrungsaustausch und Sicherheit.
Wer muss den Förderantrag stellen?
Unternehmen, berufliche Schulen, Kammern und Ausbildende stellen in der Regel die Anträge für Projekte. Bei „Erasmus Plus“ haben auch Jugendliche die Möglichkeit, direkt Zugang zu Praktikumsplätzen und Stipendien zu erhalten. Die Einrichtungen können einen Stipendienpool beantragen und Auszubildende können sich an diese Pools wenden, um unkompliziert zu ihrem europäischen Praktikumsplatz zu gelangen.
Haben Sie spezielle Tipps für Unternehmen, Auszubildende und Ausbildungspersonal?
Alle Beteiligten im Ausbildungsprozess, einschließlich der Geschäftsführung und der Belegschaft müssen sich gut abstimmen. Es ist entscheidend, dass das Thema fest im Unternehmen verankert ist. Interne Kommunikation spielt eine zentrale Rolle, sei es durch Schulungen, Veranstaltungen oder das Einbeziehen aller Auszubildenden. Erfahrungsberichte sowie Live-Schaltungen mit Personen im Ausland können dabei helfen, das Bewusstsein für das Thema zu vertiefen.
Sind solche Angebote für jedes Unternehmen geeignet?
Ja, allerdings könnte ein Kleinunternehmen ohne eigene Ausbildungsabteilung möglicherweise überfordert sein, einen Antrag zu stellen, ein Projekt abzurechnen und es zu verwalten. Solche Unternehmen können auf die genannten Stipendienpools zurückgreifen und ihre Auszubildenden unterstützen, sich um einen Platz im Pool zu bewerben. Das Unternehmen stellt dann lediglich den Auszubildenden für die Dauer des Auslandsaufenthalts frei, während die gesamte Abwicklung von einem Bildungsträger oder einer beruflichen Schule übernommen wird. Kleinere Unternehmen können auch direkt von Projekten profitieren, die von Berufsschulen oder der zuständigen Kammer durchgeführt werden.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 1/2024, S. 24-27, www.bildungspraxis.de
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