Qualifizierung

„Viele Unternehmen kennen die Abschlüsse gar nicht“

Vor zehn Jahren wurden einheitlich anerkannte IHK-Aufstiegs­fortbildungen eingeführt. Damals gab es rund 600.000 Aus­bilder. Seitdem können sie sich zu geprüften Aus- und Weiter­bil­dungspädagogen oder Berufspädagogen qualifzieren lassen und damit berufspädagogische Kompetenzen nachweisen, die über die Ausbildereignungsprüfung hinausgehen.

24.08.2020 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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Die Nachfrage nach diesen Abschlüssen steigt jedoch kaum: 2018 legten nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages 181 Ausbilder eine Prüfung zum Aus- und Weiterbildungspädagogen und 89 eine Prüfung zum Berufspädagogen ab. Die Weiterbildungsspezialistin Gabriele Weingärtner über die Herausforderungen bei der Ausbilderqualifzierung.

didacta: Die Aufstiegsfortbildungen für Ausbilder sind mittlerweile zehn Jahre alt. Haben sie die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt?
Gabriele Weingärtner: Was die Nachfrage angeht, leider nicht. Diese Abschlüsse zielen darauf ab, engagierte Ausbilder zu Spezialisten für die Berufsbildung zu qualifzieren. Aber es ist schade, dass nicht deutlich mehr Ausbilderinnen und Ausbilder diese Qualifzierungen nutzen.

Woran liegt das?
Sie sind noch nicht bekannt. Viele Fachkräfte oder Unternehmen, für die eine solche Qualifzierung sinnvoll wäre, kennen sie nicht. Auch ist für viele der Nutzen nicht klar. Das betrifft ebenso die hohe Ausbildungsqualität, denn in diesen Fortbildungen lernen selbst erfahrene Ausbilder viel dazu. Für die Unternehmen sind diese Abschlüsse auch ein Weg, jungen Leuten zu zeigen, dass bei ihnen die Nachwuchskräfteentwicklung an erster Stelle steht.

Wie kann man den Stellenwert dieser Fortbildungen verbessern?
Ein Weg ist die Angleichung an akademische Abschlüsse. Formell ist das seit der Einführung des Deutschen Qualifzierungsrahmens der Fall. Die Abschlüsse zum Aus- und Weiterbildungspädagogen und zum Berufspädagogen stehen auf derselben Stufe wie Studienabschlüsse. Mit der kommenden Reform des Berufsbildungsgesetzes soll sich das jetzt auch in der Berufsbezeichnung widerspiegeln, was sicher sinnvoll ist.

In welchen Bereichen haben Ausbilder Ihrer Erfahrung nach besonderen Weiterbildungsbedarf?
Vor allem der Umgang mit Heterogenität bei den Auszubildenden sowie die Änderung der Rolle des Ausbilders zum Lernbegleiter, die auch in den genannten Aufstiegsfortbildungen im Vordergrund steht. Dabei geht es darum, dass Ausbilder nicht nur reine Anleiter und Instrukteure sind, sondern die Auszubildenden in ihrem Lernprozess flexibel und individuell unterstützen. In der Praxis ist das schon häufig Realität, aber es geht darum, sich diese Herangehensweise als Ausbilder bewusst zu eigen zu machen. Digitalisierung und Medienkompetenz werden von den Ausbildern ebenso häufg genannt. Das ist vor allem im kaufmännischen Bereich ein wichtiges Thema, denn der gewerblich-technische Bereich ist im Großen und Ganzen besser auf den digitalen Wandel eingestellt. Zudem nehmen wir wahr, dass sich die Zielgruppe der Weiterbildungen etwas verändert.

Inwiefern?
Neben den haupt- und nebenamtlichen Ausbildern, die eine fachliche Qualifkation nachweisen müssen – meist legen sie die Ausbilderprüfung ab –, liegt die duale Ausbildung in Deutschland in den Händen der Ausbildungsbeauftragten. Das sind die regulären Mitarbeiter, die in der täglichen Arbeit die Azubis betreuen und unterstützen. Diese müssen keine formalen Qualifikationen nachweisen. Dennoch wird vielen Unternehmen immer klarer, dass Ausbildung nur dann hochwertig sein kann, wenn auch diese Gruppe gut geschult und pädagogisch kompetent ist. Schließlich verbringen die Auszubildenden die meiste Zeit im Betrieb mit Ausbildungsbeauftragten.

Was sollte sich bei der Ausbilderqualifzierung ändern?
Es gibt beispielsweise beim dualen Studium, anders als bei der dualen Ausbildung, bislang keine einheitliche Regelung, welche fachlichen Qualifkationen die Mitarbeiter haben müssen, die für die
dualen Studenten im Betrieb zuständig sind. Das sollte sich ändern. Warum nicht auch hier die Ausbilderqualifzierungen und Fortbildungen verankern? Zudem wäre es ein guter Gedanke, den Ausbilderschein regelmäßig aufzufrischen.

Die Ausbilder müssten also nachweisen, dass sie noch auf der Höhe der Zeit sind?
Das ist sicher für viele etwas provokant. Aber die Ausbildungsinhalte und Arbeitsprozesse entwickeln sich ständig weiter, und Fachwissen, das vor 20 Jahren nachgewiesen wurde, ist nicht immer ausreichend und aktuell.


Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 4/2019, S. 2-3, www.didacta.de/mediennetzwerk


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