Ratgeber

Wie Auszubildende gefördert werden

(red) Dass Auszubildende mit den Anforderungen und der Situation im Betrieb und der Schule nicht zurechtkommen, ist kein neues Phänomen. Regional, auf Landesebene, aber auch bundesweit bieten spezielle Projekte und institutionalisierte Angebote den Jugendlichen Unterstützung.

03.11.2011 Artikel

Bundesweit bricht jeder fünfte Auszubildende seine Lehre ab. In manchen Branchen sind die Zahlen noch dramatischer. Im Hotel- und Gasstättengewerbe beispielsweise beendet fast jeder Zweite seine Ausbildung vorzeitig. Die Leidtragenden sind alle Beteiligten: Die Jugendlichen verlieren wertvolle Ausbildungszeit. Sie müssen sich umorientieren und der Berufsbeginn verschiebt sich nach hinten. Außerdem riskieren sie Brüche in ihrer Berufsbiografie, die ihre künftigen Erwerbsmöglichkeiten beeinträchtigen. Bei den Betrieben entstehen Kosten durch verlorene Ausbildungsleistungen, möglicherweise ist die Personalplanung zu revidieren. Durch sie gehen auch Ausbildungsplätze verloren, wenn keine Nachbesetzung erfolgt. Und die Berufsschulen schließlich müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht frühzeitig hätten eingreifen und ihren Schülern helfen können.

Auch für Berufsschüler wird Nachhilfeunterricht angeboten, etwa von den kommerziellen Instituten, die auch Schüler der allgemeinbildenden Schulen mit fachspezifischer Nachhilfe zum gewünschten Schulerfolg verhelfen wollen. Aber diese Nachhilfe kostet Geld, und das steht den Auszubildenden in der Regel nicht gerade üppig zur Verfügung. Doch es gibt auch eine Reihe von Angeboten, für die von den Schülern kein Geld verlangt wird.

Beispiel 1: Ausbildungsbegleitende Hilfen

Bundesweit gibt es die sogenannten Ausbildungsbegleitenden Hilfen (abh), die von den Arbeitsagenturen finanziert und von verschiedenen Bildungsträgern angeboten werden: Mal ist zum Beispiel die Volkshochschule, mal die Handwerkskammer dafür zuständig. In kleinen Gruppen oder im Einzeltraining helfen Fachleute, schulische, fachpraktische oder persönliche Probleme in der Ausbildung zu überwinden. Unterstützt werden die Jugendlichen bei Lernschwierigkeiten, Prüfungsangst oder bei schlechten Noten, die den Abschluss gefährden. Für die Jugendlichen entstehen keine Kosten. Was sie mitbringen müssen, ist Zeit und Motivation. Denn neben der Ausbildung im Betrieb und in der Schule kommen pro Woche noch mal drei bis acht Stunden Unterricht dazu. Wo es in den jeweiligen Städten und Regionen entsprechende Angebote gibt, erfahren die Schüler bei den örtlichen Arbeitsagenturen oder auch bei den Kammern.

Beispiel 2: Hilfe vor und während der Ausbildung

Zeig, was du kannst! heißt das Modellprojekt der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die Unterstützung beginnt bereis im vorletzten Schuljahr der Hauptschule und wird im ersten Berufsausbildungsjahr fortgesetzt. Die verschiedenen Programmbausteine sollen die Teilnehmer in erster Linie in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Im ersten Ausbildungsjahr beispielsweise werden Motivationstraining, Coaching und Workshops zum richtigen lernen oder dem Umgang mit Konflikten angeboten. Derzeit gibt es das Projekt an den Standorten Berlin, Bremen, Düsseldorf und München. Weitere Informationen bei der Schülerakademie der Stiftung der Deutschen Wirtschaft.

Beispiel 3: Präventions- und Interventionsangebot

Die Akademie für Arbeit und Politik an der Universität Bremen hat ein praxisnahes Präventions- und Interventionsangebot entwickelt, das seit 1999 in dem Projekt "Ausbildung - Bleib dran" umgesetzt und weiterentwickelt wird. Die Angebote richten sich sowohl direkt an die Auszubildenden als auch an Multiplikatoren wie Berufsschullehrer und Ausbilder. Die Auszubildenden können zum Ausbildungsbeginn an Start-up-Veranstaltungen in den Berufsschulen und an speziell für sie konzipierten Unterrichtseinheiten teilnehmen.

Beispiel 4: Lernen mit Senior Experten

VerA oder "Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen" heißt eine vergleichsweise junge Initiative des Senior Experten Service (SES) – einer der größten deutschen Ehrenamtsorganisationen für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Das Programm richtet sich an Jugendliche, die Probleme während der Ausbildung haben, die mit dem Stoff in der Berufsschule überfordert sind, die Angst haben, die Prüfungen nicht zu schaffen, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen oder die unzufrieden mit deiner Berufswahl sind. Sie werden von sogenannten SES-Experten begleitet.

VerA ging im März 2009 in den Regionen um München und Dresden in den Praxistest und gilt mittlerweile bundesweit. Nach zwei Jahren Laufzeit kann eine erste positive Bilanz gezogen werden: Etwa zwei Drittel der Ausbildungsbegleitungen wurden mit Erfolg abgeschlossen oder sind auf einem guten Weg dorthin. SES hat VerA gemeinsam mit dem Deutschen Handwerkskammertag (DHKT), dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und dem Bundesverband der Freien Berufe (BFB) auf den Weg gebracht. Die Initiative wird vom Bundesbildungsministerium (BMBF) gefördert. Das Angebot ist für Auszubildende, Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen kostenlos und läuft vorerst bis Ende 2013.

Individuell fördern

Individuelle Förderung ist eines der zentralen Themen der Bildungspolitik - vorwiegend im Zusammenhang mit allgemeinbildenden Schulen. Aber auch Berufsschulen zeigen, wie individuelle Förderung gelingen kann. Und sie werden ausgezeichnet So wie etwa das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Stadt Herne, das vom nordrhein-westfälischen Kultusministerium das Gütesiegel "Individuelle Förderung" erhalten hat. Das Konzept dieser Schule setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen. Baustein 1: Das umfassende Beratungskonzept, bei dem Schüler in verschiedenen Problemlagen beraten und unterstützt werden. Das gilt für persönliche, schulische und familiäre Probleme, für Lern- und Leistungsschwierigkeiten oder für Androhung von Ordnungsmaßnahmen. Der zweite Baustein: Das Entwicklungsgespräch. In diesem individuellen Informations- und Beratungsgespräch wird sowohl über den aktuellen Leistungsstand des Schülers als auch über seine Zukunftsperspektiven gesprochen. Ziel ist, seine Schulkarriere zu optimieren. Der dritte Baustein schließlich betrifft konkrete Unterrichtsprobleme. Dafür hat die Schule das Reflexionsraumkonzept entwickelt. Im Reflexionsraum sollen die Schüler, die den Unterricht stören, Hilfe zum Nachdenken finden. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten selbstkritisch zu reflektieren.

Auf Ihrer Website stellt die Schule ihr Gesamtkonzept ausführlich vor.

Graduiertenkolleg Individuelle Förderung

Mit dem Thema Individuelle Förderung in der Berufsschule beschäftigt sich seit 2008 das Wirtschaftspädagogische Graduiertenkolleg der Universität Paderborn. In der ersten Arbeitsphase, die bis 2013 läuft, soll schwerpunktmäßig Forschungsfragen zur Individuellen Förderung in der beruflichen Bildung in den Blick genommen werden. Das Kolleg setzt auf langfristige Kooperationen von Wissenschaft und Praxis. Teilabgeordnete Lehrkräfte entwickeln in Forschergruppen Lösungen schulpraktischer Fragestellungen und qualifizieren sich dabei - neben ihrer Tätigkeit im Schuldienst - im Rahmen von Forschungstätigkeiten über eine Promotion oder gegebenenfalls auch über eine Habilitation.

Erstveröffentlichung: Bildungsverlag EINS


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