Fachkräfte oder Akademiker?

Zu wenige Azubis, viele Studierende – Zeit für ein Umdenken

Das Gleichgewicht von Ausbildung und Studium hat sich in den vergangenen 15 Jahren verschoben: Während die Zahl der Anfänger einer dualen Berufsausbildung seit Jahren stagniert – 2016 waren es rund 520 000, fünf Jahre zuvor über 600 000 – sind die Studierendenzahlen deutlich gestiegen: von 314 000 auf 508 000 im selben Zeitraum. Von Vincent Hochhausen

16.11.2017 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
  • © www.pixabay.de

Beurteilt wird diese Entwicklung unterschiedlich: Die OECD lobt diese Entwicklung, zuletzt 2016 nach Veröffentlichung des Ländervergleiches „Bildung auf einen Blick“. Es gebe auch keine Anzeichen, dass der Arbeitsmarkt für Menschen mit höheren Abschlüssen gesättigt sei, sagte Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der OECD. Gleichzeitig sehen Kritiker wie Philosoph Julian Nida-Rümelin in dieser Entwicklung eine „Aushöhlung“ des dualen Systems, die zu höherer Jugendarbeitslosigkeit und zu einer Schwemme für den Arbeitsmarkt wenig brauchbarer Akademiker führe: „Die drei Länder mit der niedrigsten Akademikerquote in den westlichen Ländern, nämlich Deutschland, Österreich und die Schweiz, haben zugleich die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit.“ 

Noch gibt es keine Überakademisierung 

Dass die höheren Akademikerzahlen bislang keine schlimmen Folgen haben, zeigen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Sowohl bei der Arbeitslosenquote als auch beim Verdienst über das ganze Erwerbs- leben gesehen, stehen Menschen mit Hochschulabschluss besser da als solche mit abgeschlossener Berufsausbildung – auch, wenn die Zukunftsaussichten bestimmter Ausbildungsberufe besser sind als die bestimmter Studiengänge. „So wichtig natürlich auch der Nachwuchs in den dualen Ausbildungsberufen für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland ist: Es gibt keinen Grund, generell vor der Aufnahme eines Studiums zu warnen“, sagt IAB-Direktor Joachim Möller. Sicher ist, dass sowohl ein Hochschulabschluss als auch eine Berufsausbildung das Risiko von Arbeitslosigkeit extrem senken. Denn bei ungelernten Arbeitnehmern liegt die Arbeitslosenquote bei 20,3 Prozent – bei allen Beschäftigten liegt sie bei 6,6 Prozent, bei Akademikern sind es lediglich 2,4 Prozent. 

Fokus auf Durchlässigkeit

„Wir halten die Diskussion um Akademisierung für etwas übertrieben“, sagt auch Dr. Irene Seling, stellvertretende Abteilungsleiterin für Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Stattdessen fordere die BDA einerseits eine bessere Durchlässigkeit zwischen der beruflichen- und der Hochschulbildung, andererseits einen stärkeren Fokus auf Risikogruppen wie Jugendliche ohne Schulabschluss. Ein guter Anfang für die Durchlässigkeit sei, dass Absolventen einer Aufstiegsfortbildung, etwa Handwerksmeister, seit 2008 studieren dürfen, ebenso wie Menschen mit Berufsausbildung und mindestens zweijähriger Berufserfahrung. Die Zahl der Menschen, die diese Wege nutzen, steigt an: 51 000 Studierende hatten im Jahr 2015 keine Hochschulreife, ein neuer Rekordwert. Das sind 2,5 Prozent aller Studierenden. Eine weitere Möglichkeit, die Durchlässigkeit zu verbessern – und so letztlich auch eine Ausbildung attraktiver zu machen –, sind berufsbegleitende Bachelorstudiengänge. „Davon werden derzeit noch zu wenig angeboten“, moniert Seling.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: 
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 3/2017, S. 7, www.didacta.de 


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden