Politische Bildung

Antisemitismus mit Information bekämpfen

Was bedeutet es, koscher zu essen? Welche religiösen Feste werden im Judentum gefeiert? Viele Schülerinnen und Schülern haben keine klare Vorstellung von jüdischen Traditionen und jüdischem Leben. Der weit verbreiteten Unwissenheit setzt die [Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg](http://www.hfjs.eu/) im Auftrag des [Zentralrats der Juden in Deutschland](http://www.zentralratdjuden.de/) das Projekt "LIKRAT – Jugend und Dialog" entgegen.

24.07.2014 Pressemeldung Deutscher Kulturrat e.V.

Über das Konzept und die besonderen Herausforderungen des Projektes sprach Andrea Wenger (Deutscher Kulturrat) mit der Projektkoordinatorin von LIKRAT Maja Nizguretski.

Deutscher Kulturrat: An wen richtet sich "LIKRAT" und welche Ziele verfolgt das Projekt?

Maja Nizguretski: Der Name ist hier Programm: LIKRAT bedeutet auf Hebräisch "auf einander zu" und dies setzt das Begegnungs- und Dialogprojekt auch in die Tat um. LIKRAT – Jugend & Dialog bietet Begegnungen auf Augenhöhe, zwischen gleichaltrigen jüdischen und nicht-jüdischen Jugendlichen, im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, an. Und wo trifft man am besten auf Jugendliche in diesem Alter? Natürlich vorwiegend in Schulen. Das LIKRAT-Konzept richtet sich somit an drei Hauptzielgruppen: jüdische Jugendliche, SchülerInnen und LehrerInnen bzw. Multiplikatoren. Leitziel des Projektes ist es, einen unbefangenen, vorurteilsfreien Umgang zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland zu ermöglichen. Zusätzlich zur curricularen Behandlung der Themenbereiche Judentum und Nationalsozialismus soll ein, von der Shoa losgelöstes, Bild von Juden als ganz normale Gesellschaftsmitglieder aufzeigt werden, um die Überwindung von Fremdheitsgefühlen zu erreichen. So schafft es LIKRAT nachweislich, Schubladen aufzureißen und die Wahrnehmung von Juden und Judentum in Deutschland, ein Stück weit von dem zu immunisieren, was als Stereotype beginnt und als Antisemitismus enden kann.

Deutscher Kulturrat: Wie gestaltet sich die Umsetzung des Projektes? Gibt es thematische Schwerpunkte?

Maja Nizguretski: Die jüdischen Jugendlichen, die sogenannten LIKRATinos/as, werden in Wochenend-Workshops zu Kulturvermittlern ausgebildet. In den Workshops behandeln sie Themen wie jüdische Religion und Tradition, Entstehung des Staates Israel und Nahostkonflikt und erhalten ein Rhetorik- und Präsentationstechniken-Training. LehrerInnen können die LIKRATinos/as anschließend in 2er-Teams zu Begegnungen in ihren Schulen einladen, um zusätzlich zur bloßen Wissensvermittlung, den SchülerInnen den Kontakt zu gleichaltrigen jüdischen Jugendlichen zu ermöglichen. Dieser ist besonders wertvoll, da dieser häufig jenseits des sozialen und bildungsbezogenen Milieus der SchülerInnen liegt. Die i.d.R. 90-minütigen Begegnungen moderieren die LIKRATinos/as selbstständig. Die Evaluation des Projekts erfolgt zum einen intern durch die Erhebung des Meinungsbildes der LIKRATInos/as zur LIKRAT-Ausbildung und zum anderen extern, durch die Auswertung der von den SchülerInnen ausgefüllten Pre- und Post-Fragebögen. Die Evaluationsergebnisse des Projektes aus der Modellprojektphase 2007 bis 2010 des Bundesprogramms "VIELFALT TUT GUT" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) belegen, dass das Konzept aufgeht.

Deutscher Kulturrat: Wie wird "LIKRAT" von den Schülerinnen und Schülern angenommen? Wieviel wissen diese bereits über das Judentum?

Maja Nizguretski: Wenn man Jugendliche auf die Themen Judentum und Juden anspricht, merkt man schnell, dass Vorurteile, stereotype Wahrnehmungen, aber auch bloße Unwissenheit an der Tagesordnung sind. In den seltensten Fällen sind Jugendliche allumfassend informiert und haben eine klare Vorstellung. Die Vermittlung kognitiven Wissens über das Judentum, den Nationalsozialismus und die Shoa in Schulen, reicht offensichtlich nicht aus, um die Heranwachsenden für die Gefahren des Antisemitismus zu sensibilisieren. Oftmals führt die Behandlung des Themenkomplexes Nationalsozialismus und Shoa im Schulunterricht und auch in den Medien nicht ausschließlich zur erwünschten Sensibilisierung im Umgang mit der Geschichte, sondern erzeugt in vielen Fällen ein Gefühl der Übersättigung –bei SchülerInnen aber auch bei LehrerInnen. Da kommt LIKRAT gerade recht! LehrerInnen nehmen das LIKRAT-Angebot dankend an und ermöglichen den SchülerInnen (und auch sich selbst) ein gegenwartsbezogenes Bild von Juden in Deutschland. Auch wenn jede Begegnung unterschiedlich verläuft, sind die SchülerInnen in den meisten Fällen froh darüber, Juden kennenzulernen und nutzen die Gelegenheit, um Fragen zu stellen, die Sie im Unterricht sonst nicht stellen bzw. nicht beantwortet bekommen würden.

Deutscher Kulturrat: Gab es besondere Herausforderungen die bei der Umsetzung von "LIKRAT" bewältigt werden mussten?

Maja Nizguretski: Ich habe ja schon erwähnt, dass jede Begegnung unterschiedlich verläuft. Aber manche Begegnungen stellen die LIKRATions/as vor besondere Herausforderungen. Wie gehe ich mit Antisemitismus um? Wann ist es Antisemitismus und wann einfach nur blödes Gerede? Wie reagiere ich, wenn ich für die israelische Politik verantwortlich gemacht werde? Diese und andere schwierige Fragen müssen sich die LIKRATinos/as oftmals während bzw. nach Begegnungen stellen. LIKRAT hat diese Herausforderungen früh erkannt und bietet den LIKRATinos/as daher Supervisionsveranstaltungen an, bei denen Sie diese Fragen miteinander diskutieren und von einer Psychologin angeleitet werden, wie sie auf diese reagieren können.

Deutscher Kulturrat: Gibt es Pläne das Projekt zukünftig in Bezug auf die Region und/oder die Zielgruppe auszuweiten?

Maja Nizguretski: LIKRAT konnte sich bisher erfolgreich als wichtiges Begegnungs- und Dialogprojekt in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen etablieren und wurde dafür mit dem Hermann-Maaß Preis und als "Bildungsidee 2012" ausgezeichnet. Gerne möchte LIKRAT sich vergrößern und strebt eine inhaltliche als auch räumliche Ausweitung seiner Aktivitäten an. Es sollen in Zukunft nicht nur in Schulen, sondern auch in Betrieben und Sportvereinen Begegnungen stattfinden. Der Dialog zwischen jüdischen und muslimischen Jugendlichen soll stärker in den Fokus rücken und Begegnungen mit LIKRATinos/as sollen zukünftig deutschlandweit angeboten werden.

Weitere Informationen zu LIKRAT erhalten Sie hier.

Lesen Sie zu dem Thema auch den aktuellen Kommentar von Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden