Kulturelle Bildung

Bilanz der zweiten UNESCO-Weltkonferenz für kulturelle Bildung in Seoul

"Rückenwind für kulturelle Bildung" war die Überschrift meines Berichtes über die erste Weltkonferenz zur künstlerischen Bildung im Jahre 2006 in Lissabon. Bei der zweiten Weltkonferenz, die vom 25. bis zum 28. 5. 2010 in Seoul/Korea stattgefunden hat, konnte man feststellen, dass dieser Rückenwind kein einmaliger Windstoß war, sondern sich zu einer dauerhaften Brise entwickelt hat: Kulturelle Bildung steht nicht nur im Zentrum der UNESCO. In vielen Ländern zeichnen sich so deutliche positive Entwicklungen ab, dass die Entscheidung der Organisatoren richtig war, keine neue Fortschreibung der in Lissabon diskutierten und zwischenzeitlich immer wieder veränderten Roadmap vorzunehmen, sondern komprimiert zehn Entwicklungsziele für die nächsten Jahre zu formulieren. Diese sollen spätestens 2014 evaluiert werden. Diese Seoul-Agenda wurde am letzten Tag des Weltkongresses beschlossen.

03.06.2010 Pressemeldung Deutscher Kulturrat e.V.

Welche Entwicklungstrends kann man weltweit feststellen? Wie hat die Roadmap als Motor der Entwicklungen funktioniert? Welche Probleme tun sich heute und in Zukunft auf?

Zunächst einige Informationen über die Rahmenbedingungen. Etwa 2000 Experten aus über 100 Ländern, darunter aus 20 Ländern Vertreter im Ministerrang, diskutierten in dem gewaltigen Coex-Komplex mitten in Seoul. Dieser Konferenzkomplex ist so groß, dass das auch schon enorme Konferenzzentrum von Lissabon vermutlich zweimal hineinpassen würde. Die Tage waren thematisch den Schwerpunktthemen der Roadmap zugeordnet: practice, advocacy, capacity-building and research. Thematisch ist das Leitprogramm der UNESCO bindend: Kultur des Friedens, Nachhaltigkeit, Dialog der Kulturen, Inklusion. Zentrale Aufgabe war die Evaluation der Lissabon Roadmap und die Entwicklung von konkreten Handlungszielen.

Zunächst zur Rolle der Roadmap. Es hat einige Untersuchungen darüber gegeben, ob und wie die Roadmap auf nationaler Ebene gewirkt hat. In einer unserer beiden europäischen Konferenzen in Wildbad Kreuth im Mai 2008 konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Roadmap als Referenzdokument umso wichtiger war, je kleiner das betreffende Land war. So waren Malta und Island Beispiele dafür, dass die Roadmap nationale Entwicklungen angeschoben hat. In Deutschland dagegen hat man zwar vereinzelt die Roadmap zitiert, doch dürften die meisten Entwicklungen – gerade in der Kulturpolitik – ohne deren Einfluss stattgefunden haben. Vielleicht muss man auch gar nicht nach Ursache-Wirkung-Prinzipien suchen. Sondern es sind die Roadmap, das Interesse der UNESCO und die nationalen Entwicklungen alle Teil desselben Trends, dass nämlich ganzheitliche Bildung, die Ermöglichung von Phantasie, die Stärkung der Menschen weltweit als notwendig betrachtet werden und über kreative und künstlerische Arbeitsweisen sehr gut gelingen. Was war also neu und anders in Seoul?

Natürlich kann diese Frage nicht umfassend beantwortet werden, denn es gab im Plenum eine Eröffnungsansprache des amerikanischen Ehepaares Bernstein über den Zusammenhang von wissenschaftlicher und künstlerischer Begabung, es gab vier keynotes und einige Podiumsrunden. Daneben gab es 25 meist parallel laufende Workshops, von denen man schlechterdings nur einen Teil mitbekommen konnte. Aus sicherlich subjektiver Sicht daher einige Auffälligkeiten.

In Lissabon wurde die Engführung des Begriffs der arts education auf die traditionellen Kunstformen Musik, Theater und Bildende Kunst – und dies auch noch mit einem starken schulischen Akzent – kritisiert. Diese berechtigte Kritik an der Roadmap hat in der Umsetzung in der Praxis keine Rolle gespielt. Jedes Land hat vielmehr sein eigenes Verständnis von "Kunst" zugrunde gelegt, so dass gerade in den Workshops sehr viel auch Weben, Schmieden, Textilbearbeitung und Töpfern die Rede war. Wenn "Künste" ins Spiel kamen, waren es vor allem angewandte Künste. Dies entsprach auch dem programmatischen Motto des Kongresses: arts for society, education for creativity. Die Künste sind für gesellschaftliche Fragen zuständig, und diese reichen von der Gesundheitsförderung über Integration und Inklusion, der Nachhaltigkeit bis zur Kulturwirtschaft. Die Erziehung und Bildung wiederum kümmert sich um den Einzelnen, wobei Kreativität das von niemandem öffentlich in Frage gestellte ultimative Bildungsziel ist. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa in dem sehr klaren Beitrag des inzwischen zweiten UNESCO-Lehrstuhlinhabers für kulturelle Bildung, Eckart Liebau aus Erlangen, wurde der Eigenwert der Künste kaum thematisiert. Alle diesbezüglichen Thesen unseres europäischen Papiers, das bei einer Konferenz im Jahre 2009 in Berlin in einem mühsamen Prozess ausgehandelt wurde, wurden kaum zur Kenntnis genommen: Der intrinsische Wert der Künste oder die Rolle ihrer Rezeption und Produktion ist offenbar ein sehr europäisches Thema. All dies – so muss man feststellen – passt aber auch nur auf den europäischen Kunstkanon, ist dort natürlich berechtigt, erfasst jedoch im gesamten Feld der kulturellen Bildung nur einen kleinen Teilbereich. Daher muss man feststellen: Die UNESCO handelt zwar über "arts education", von den Inhalten und Zielen her geht es jedoch eindeutig um "cultural education".

Bedauern muss man dies nicht. Denn natürlich bleibt für die Künste i.e.S. und den pädagogischen Umgang damit genug zu tun. Auch dies machte Eckart Liebau deutlich: Bei allem Respekt vor dem Erfahrungsgewinn reflektierter Praktiker und den Möglichkeiten, mit künstlerischen Methoden die Wirklichkeit zu erschließen, muss die Relevanz einer wissenschaftlichen Forschung, die die hier relevanten Standards der Sorgfalt, der Überprüfbarkeit und der übersubjektiven Gültigkeit, betont werden. Und ein solcher Zugang ist für jedes der Arbeitsfelder im großen Bereich der kulturellen Bildung nötig. Klar wurde aber auch, dass eine solche strenge Position im internationalen Konzert einen schweren Stand hat. Denn gerne hat man in Seoul jede mögliche Form individueller Erfahrung auch schon "Forschung" genannt.

Ein zweiter Aspekt betrifft den Fokus auf Schule, der in Lissabon noch sehr deutlich war. Dies traf in Seoul nicht mehr zu. Die Thematisierung der Rolle der Künste im Curriculum und der notwendigen Professionalität der LehrerInnen ist eindeutig zu kurz gekommen. So hat sich zwar durch den Zusammenschluss der Weltverbände von Lehrenden im Bereich Tanz, Theater, Bildende Kunst und Musik zu einer World Alliance for Arts Education ein neuer "global player" – auch als Ansprechpartner für die UNESCO – gebildet, zwar hat deren Präsident Dan Baron Cohen, selber ein guter und ideenreicher Theaterpraktiker aus Wales, der vor allem in Brasilien arbeitet, von einer notwendigen Konzentration auf Lehrer gesprochen, eben weil diese alle Kinder und Jugendlichen erreichen: In der Praxis betreibt er selbst jedoch eher "Community based"-Projekte und hat mit Schule nichts zu tun. Hier muss man also Rhetorik von Praxis unterscheiden. Und in der Praxis kam der Austausch über Schule deutlich zu kurz. Zu kurz kam auch die Umsetzung des Anspruches, alle Lebensphasen thematisieren zu wollen. Eindeutig lag der Fokus auf Kindern und Jugendlichen.

Ein weiterer Aspekt betrifft den Erhalt kultureller Traditionen. Auch dies war in Lissabon nicht so präsent. In Korea fand dies sehr viel Anklang, vom Gastgeberland deutlich nach vorne geschoben und gerade von Vertretern aus Afrika, Asien und Südamerika im Hinblick auf kulturelle Identität stark betont. Die indigenen Kulturen sind wichtig. Hierzu gibt es nur schwer Vergleichsmöglichkeiten zur westlichen Situation. Denn es geht dabei nicht etwa um den Erhalt der "deutschen Leitkultur" rund um Goethe und Beethoven. Korea mit seiner hoch entwickelten Informationstechnologie (Samsung) strebt dabei eine deutliche Synthese der Tradition mit den digitalen Medien an (quasi der bayrische Weg von Laptop und Lederhose). Das ist interessant. Doch zeigen die an prominenter Stelle gezeigten Beispiele, wie schwer dies ist. So zeigte man bei der Eröffnungsperformance wunderschöne Beispiele traditioneller koreanischer Musik- und Tanzkultur verbunden mit den neuesten digitalen Möglichkeiten. Bei Letzteren dominierte jedoch die Lust an den technischen Möglichkeiten des Mediums, so dass die spezifische Ästhetik des Digitalen zugunsten von Kitsch und Plakativität auf der Strecke blieb. Auch dies ist in Deutschland die Herausforderung, eine angemessene Ästhetik des Digitalen als Qualitätsmaßstab in einer kulturellen Medienbildung zu realisieren.

Inhaltliche Leitorientierung war – wie erwähnt – die Bindung an soziale Ziele wie Zusammenhalt, Kreativität (als gesellschaftlicher Produktivkraft für die ökonomische Entwicklung) bis hin zu heilenden und therapeutischen Aspekten. Dies klingt ein wenig danach, als ob kulturelle Bildung nunmehr überstrapaziert werden soll für die Realisierung aller utopischen Ziele oder für die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme. Immerhin war die Kriegsgefahr in Korea keine abstrakte Angelegenheit, sondern vielmehr täglich in den Medien präsent. Hilary Clinton besuchte in dieser Zeit Korea. Zudem laufen z. Zt. die Vorbereitungen für den nächsten G-20-Gipfel in Seoul auf Hochtouren. Kulturelle Bildung in Krisenregionen, in Situationen von Gewalt und fehlender staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung war immer wieder Thema von Präsentationen. Ich selber bin auch skeptisch gegenüber zu vollmundigen Wirkungsbehauptungen. Doch fand ich die Situationsbeschreibungen aus Kriegszonen und Gefahrengebieten und die dort auf einfachstem Niveau realisierten Kulturprojekte beeindruckend: Es geht nicht mehr um einen zusätzlichen Kick in einer ohnehin schon satten Gesellschaft, sondern es zeigte sich eindrucksvoll, wie sehr Kulturarbeit dazu taugt, Menschlichkeit auch unter schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten oder wieder zu entdecken.

Vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen erscheinen manche unserer Debatten in Deutschland eher eigenartig: Ob Künste und Künstler "autonom" sind und ob diese Autonomie gefährdet ist wenn Kunst in sozialen oder pädagogischen Kontexten stattfindet, ob Lehrer, Kulturpädagogen oder Künstler die besseren Vermittler sind, ob Kreativität unser Bruttosozialprodukt steigert etc. Was man erleben kann, ist vielmehr: Das Subjekt, und zwar der Einzelne, der Lust auf Leben hat, der in die Lage versetzt wird, sein Leben für sich und andere sinnvoll zu gestalten, steht – so auch ein UNESCO-Slogan – im Mittelpunkt. Dazu braucht man Schutz und Anerkennung der Person und ihrer Ansprüche an das Leben. Dies wurde immer wieder in Beiträgen aus Kuba, aus Südamerika, aus Afrika, aus Indien betont. Armut hat zwar bei uns ein anderes Gesicht als in diesen Regionen. Doch gibt es auch hier einen notwendigen Kampf um menschenwürdige Existenz, und zu dieser gehört kulturelle Bildung eindeutig dazu.

Welche vorläufigen Schlussfolgerungen lassen sich m. E. ziehen?

Die erste und vielleicht überraschendste Erkenntnis ist diese: Bildung insgesamt und kulturelle Bildung als integraler Bestandteil hat auf der Agenda der Weltgemeinschaft einen stabilen Platz. Kulturelle Bildung hat sogar – und dies überrascht angesichts unseres üblichen Klagens – einen privilegierten Platz. Kein anderer Bildungsbereich, auch nicht die PISA-Fächer, die in Lissabon noch deutlich bedrohlich wahrgenommen wurden, spielt eine solche Rolle in der UNO oder der UNESCO. Bestenfalls ist es die Alphabetisierungskampagne "Education for All", aber damit ist man ja bereits im Kernbereich kulturelle Bildung. Und wer diese Einschätzung bezweifelt, möge sich überlegen, wo in dieser Form Mathematik oder die Naturwissenschaften auf UNESCO-Ebene thematisiert worden sind.

Eine zweite Schlussfolgerung: Wir brauchen mehr Präzision in unseren Begrifflichkeiten. Von "Kunst" über "Kultur", "Bildung" bis hin zur "Forschung" herrscht eine ungeordnete Pluralität von Konzepten und Verständnisweisen. Diese mag zwar ein Reichtum sein ("celebrate the diversity", so die UNESCO), sie produziert aber auch erhebliche Verwirrung. So sollten wenigstens wir für uns deutlich machen, welche Relevanz und welchen Anwendungsbereich unserer Begründungen oder Wirkungsbehauptungen haben. Was gilt für das Theater, die Musik, den Tanz? Welche Rolle spielen die institutionellen Zusammenhänge? Was ist die spezifische Wirkung eines Schulfaches Theater im Vergleich zur Theaterpädagogik in außerschulischen Kontexten? Es ist zu hoffen, dass die Arbeit an einem internationalen Glossar hier Hilfestellung leistet. Pluralität ist übrigens auch auf UNESCO-Ebene nicht gegeben. So haben beide UNESCO-Lehrstühle einen Theaterschwerpunkt ebenso wie der neue Präsident der World Alliance of Arts Education ein Theatermensch ist. Das ist eine nicht gute Einseitigkeit. Vielleicht wird hier Abhilfe geschaffen, wenn es – wie vorgesehen – neue UNESCO-Lehrstühle in Afrika, Südamerika oder Asien geben sollte, die dann hoffentlich andere fachliche Schwerpunkte haben.

Eine nächste Weltkonferenz soll es geben. Afrikanische Kollegen hatten Interesse bekundet, weil dort offenbar eine Menge an Überzeugungsarbeit bei Regierungen zu leisten ist. Das letzte Gerücht war, dass Kolumbien den Hut in den Ring geworfen hat.

Anerkennung gibt es also für unser Feld. Dies trifft allerdings kaum für die staatliche Seite in Deutschland zu, so wie sie in Seoul in Erscheinung getreten ist. In Lissabon gab es noch eine offizielle Delegation, in Seoul waren es Einzelkämpfer, die sich alles selbst organisieren mussten. In Lissabon gab es eine abgestimmte Position zwischen Bund und Ländern, die gemeinsam im Plenum vorgetragen wurde. In Seoul soll – so ein Gerücht – ein Ländervertreter anwesend gewesen sein. Er hat sich erfolgreich unsichtbar gemacht und nie das Gespräch mit den deutschen Vertretern gesucht. Der Bund hat auf eine Präsenz gleich komplett verzichtet. Was steckte dahinter: Unkenntnis, Arroganz, Unterschätzung der Relevanz? Ich weiß es nicht. Dabei ist unsere Entwicklung durchaus vorzeigbar. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat eine hervorragend gestaltete und informationsreiche englischsprachige Sonderausgabe von UNESCO Heute vorgelegt, mit der man in Seoul sehr gut Kontakte knüpfen konnte.

Hier geht die Arbeit nun weiter. Der Rückenwind hält international an. Es kommt jetzt darauf an, dem Gegenwind, der aus der Finanzkrise resultiert, erfolgreich zu begegnen.

*) Fuchs, Max, Prof. Dr., Direktor der Akademie Remscheid; Präsident des Deutschen Kulturrates, Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung.

  • Der Deutsche Kulturrat hat während der UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung regelmäßig aus Seoul informiert. Unter www.kulturrat.de/text.php?rubrik=119 können die Informationen abgerufen werden.

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden