didacta-Themendienst

Bildungschancen im Einwanderungsland Deutschland

Hunderttausende Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen. Sie hoffen auf gesellschaftliche Integration in einem Land, dessen Bevölkerung strukturell überaltert. Eine Chance für beide Seiten – ihr Schlüssel liegt in Bildungsangeboten für Jung und Alt. Von Anna Petersen

08.12.2015 Bundesweit Artikel Anna Petersen
  • © www.pixabay.de

Über wie viel schulische und berufliche Qualifikation die einzelnen Neuankömmlinge in Deutschland verfügen, ist kaum bekannt, weil dies keine Behörde zuverlässig erfasst. Zudem sind die Schul- und Berufsausbildungen anderer Länder nicht unbedingt mit deutschen Standards vergleichbar. Sicher ist hingegen: Eine der vielen Herausforderungen auf ihrem Weg wird das Erlernen der deutschen Sprache sein. Bei der Integration der Asylsuchenden ist das ganze Bildungsspektrum gefragt: von Kitas, Familie und Gesellschaft über Schulen, Ausbildungsbetriebe und Unis bis zu außerschulischen Lernorten, Weiterbildungs- und Sprachkursanbietern. Das bietet Platz für neue Ansätze und Methoden, ein hohes Engagement und nicht zuletzt Inspiration durch Deutschlands neue Bewohnerinnen und Bewohner.

Förderung und Rücksicht

Besonders im frühkindlichen Bereich müssen Pädagoginnen und Pädagogen sich zunächst einen Eindruck vom Entwicklungsstand der Kinder mit Flüchtlingshintergrund verschaffen. "Für viele Kinder mit Deutsch als Zweitsprache sind die Fachkräfte in Kitas und Krippen die ersten Gesprächspartner, die auf Deutsch mit ihnen kommunizieren", weiß Prof. Rosemary Tracy, Sprachwissenschaftlerin der Universität Mannheim. Erzieherinnen und Erzieher müssen herausfinden, ob es Deutsch-Vorkenntnisse gibt. Sie treffen auf Neuankömmlinge, die ungeduldig ihre Kompetenzen zeigen möchten, aber auch auf traumatisierte Kinder. Förderung und Rücksichtnahme sind gefragt.

Info: Über 360.000 Asylanträge zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2015 allein bis Oktober. Vor allem aus Syrien, Albanien und dem Irak kommen Menschen in die Bundesrepublik, um hier zu leben, zu arbeiten, zu lernen. Ein Großteil ist jung, unter 35 Jahre alt. In der EU drücken die Asylsuchenden den Altersdurchschnitt bereits um 6,5 Jahre, so hat es die Statistikbehörde der Europäischen Union errechnet.

Wachsende Schülerzahlen

Vielen Lehrkräften stellt sich zusätzlich die Frage: Sind ihre neuen Schülerinnen und Schüler im Herkunftsland schon beschult worden? Allein 2014 sind knapp 100.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter nach Deutschland zugewandert. Das sind vier Mal mehr als 2006 und trotzdem nur ein Prozent der deutschen Gesamtschülerschaft, wie eine Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache zeigt. Dessen Direktor, Prof. Michael Becker-Mrotzek, warnt: "Die Zahl wächst mit großer Geschwindigkeit und gerade diese Schnelligkeit stellt die Schulen und Lehrkräfte vor große Herausforderungen." Rund zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen benötigen einen Platz an einer weiterführenden Schule. Vor allem an berufsbildenden Schulen sind zusätzliche Kapazitäten erforderlich.

 

Ausbildung, Studium, Arbeit

Die deutsche Wirtschaft schaut vielfach erfreut auf die Einwanderinnen und Einwanderer. "Migranten könnten mithin dazu beitragen, dass sich die Wachstumsperspektiven Deutschlands verbessern", schrieben Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in ihrer Herbstprognose. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind im arbeitsfähigen Alter und selbst ein Ausbildungsangebot ist vorhanden: 2014 blieben in Deutschland mindestens 37.000 Ausbildungsstellen unbesetzt, ein neuer Höchststand. Verschiedene Unternehmen und die Industrie- und Handelskammern initiieren bereits Programme, um Asylsuchende in den Arbeitsmarkt zu integrieren, Universitäten bieten kostenlose Studienplätze an. Allerdings bleibt auch hier noch viel zu tun: Der Zugang von Flüchtlingen zum Arbeitsmarkt sei "juristisch sehr komplex", betont IHK-Ausländerrechtsexperte Steffen Pollmer.
 

Welche Bildungschancen das Einwanderungsland Deutschland den asylsuchenden Familien bietet, wo Chancen und Herausforderungen liegen, ist auch Thema auf der didacta-Bildungsmesse 2016 in Köln:

Frühe Bildung

Kita-Seminar
Lebenswelten von Kindern gerecht werden oder: Andersartigkeit als Normalität verstehen.
19. Februar 2016
Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.didacta.de
10:00–16:30 Uhr
Congress-Centrum Nord
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Diskussion
Bündnis frühkindliche Bildung: Die Kita als sicherer Ort des Willkommens
19. Februar 2016
Darüber diskutieren:

  • Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Didacta Verband der Bildungswirtschaft
  • Jens Hoffsommer, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung
  • Sibylle Rothkegel, Internationale Akademie Berlin
  • Jugendliche mit Fluchterfahrung
    14.00 - 14.45 Uhr
    Forum didacta aktuell, Halle 6

Fachtag Mehrsprachigkeit
Mehr Mehrsprachigkeit – in Krippen, Kitas und Schulen
18. Februar 2016
Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.fmks.eu.
09:00–15:45 Uhr
Congress-Centrum Ost, Offenbachsaal
Veranstalter: Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen, Bundesverband Leseförderung, Universität zu Köln

Aktionstag
Sichere Orte schaffen – Kinder mit Fluchterfahrung in und um Kitas
19. Februar 2016
Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.didacta.de
10:00–14:15 Uhr
Congress-Centrum Nord, Konrad-Adenauer-Saal
Veranstalter: BETA, KTK, Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Forum Unterrichtspraxis
Seelische Probleme von geflüchteten Kindern erkennen
Prof. Dr. Hubertus Adam, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Martin Gropius Krankenhaus
17. Februar 2016
12.00 - 13.00 Uhr
Halle 7, B 50/C 51

Schule / Hochschule

Sonderschau
"Vom Rand in die Mitte, Perspektiven eröffnen, Teilhabe ermöglichen, Hoffnung leben"
16. - 20. Februar 2016
Bei der Podiumsdiskussion auf dem Forum didacta aktuell werden Ministerin Sylvia Löhrmann, Erzbischof Hans-Josef Becker und Ministerpräsident a.D. Günther Beckstein über Grundfragen der Flüchtlingspolitik diskutieren.
Halle 6, E68/F69
Veranstalter: Das Landeskirchenamt, Abteilung IV

Workshop
Fliehen und Ankommen. Wie wollen und wie können wir gemeinsam handeln?
16.Februar 2016 13.30 - 18.00 Uhr
17. Februar 2016, ganztägig
Sonderschau "Lernen zum Anfassen", Halle 7

Berufliche Bildung

Forum Berufliche Bildung
Flüchtlinge in Deutschland: Chancen für die berufliche Bildung
16. Februar 2016
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e.V.

Forum Berufliche Bildung
Interview: Qualifizierte Zuwanderung: Wie kann sie gelingen?
Hans Peter Wollseifer, Zentralverband des Deutschen Handwerks
17. Februar 2016
11:30 – 12:00 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e.V.

Forum Berufliche Bildung
Berufsausbildung – die Chance zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration
18. Februar 2016
10:30 - 11:15 Uhr
Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e.V.



Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden