Bildungsgerechtigkeit ja - aber wie?

Bildung von hoher Qualität eröffnet Perspektiven für die persönliche Entwicklung und sichert die Teilhabe an der Gesellschaft. Sie leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur individuellen und sozialen Gerechtigkeit, und sie fördert die Wirtschaftskraft eines Landes. Kurz gesagt: Bildung gestaltet Zukunft - im Kleinen wie im Großen.

10.02.2012 Pressemeldung Didacta Verband e.V. / Verband der Bildungswirtschaft

Dabei ist die Qualität der Bildungsangebote entscheidend. Wie spannend, innovativ und leistungsfähig Bildung sein kann, zeigen Ihnen die Unternehmen und Organisationen der Bildungswirtschaft auf der didacta 2012. Mit ihren Produkten unterstützen sie den lebenslangen Lehr- und Lernprozess. Mit mehr als 1 000 Vorträgen, Seminaren und Workshops bieten sie zudem ein einmaliges Fort- und Weiterbildungsangebot für Pädagogen.

Die Nachfrage der Aussteller an der didacta 2012 war so groß, dass wir nicht allen einen Platz bieten konnten. Dies erstaunt, da die Bildungswirtschaft auf Rahmenbedingungen trifft, die für eine gelingende Bildung in Fläche und Breite nicht ausreichen. Der entscheidende Grund hierfür ist: Wir haben in Deutschland ein Umsetzungsproblem! Wahlkampfversprechen und sogenannte Bildungsgipfel bringen uns dem wichtigsten Ziel nicht näher: hohe Qualität der Bildungsangebote und gerechte Bildungschancen für alle. Dies gilt umso mehr, da bildungspolitische Entscheidungen zu häufig Ideologien folgen statt Evidenzen.

Deshalb fordert der Didacta Verband die Politik auf, ihre Reformen zu reflektieren und endlich zielgerichtet vorzugehen. Welche Wege beschritten werden sollten, haben wir in einem 10-Punkte-Plan zusammengefasst, den ich Bundesbildungsministerin Annette Schavan bereits im vergangenen Jahr vorgetragen habe. Drei Aspekte möchte ich für Sie besonders hervorheben.

Wie wir die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft überwinden können

Die empirische Bildungsforschung und internationale Vergleichsstudien stellen dem deutschen Bildungssystem regelmäßig ein schlechtes Zeugnis aus: Es ist sozial ungerecht und mutet Kindern und Familien ein Höchstmaß an Bildungsdiversität zu. In keinem anderen OECD-Land hat ein sozial ungünstiges Schulumfeld einen derart starken Einfluss auf die Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien. Die sozialen Hürden auf dem Bildungsweg, an denen viel zu viele Kinder und Jugendliche scheitern, sind im vergangenen Jahrzehnt nicht ausreichend abgebaut worden.

Andere Länder haben dagegen Wege beschritten, die auch uns aus dieser misslichen Lage führen können. Im Mittelpunkt steht dabei die Philosophie, dass Bildungsprozesse Institutionen übergreifend und Lernort orientiert gestaltet werden und aufeinander aufbauen. Auf Zuteilungs- und Selektionsmechanismen, die Ungerechtigkeiten verstärken, wird vielerorts verzichtet.

In Deutschland sieht die Realität indes anders aus: Hier sorgen verschiedene Philosophien auf den einzelnen Bildungsstufen immer noch für individuelle und soziale Ungerechtigkeit. Ein Beispiel: In den Kitas sind die Kinder aktiv, die Fachkräfte hingegen eher passiv. In der Grundschule kehren sich diese Rollen komplett um. So gehen Bildungseffekte verloren. Die empirische Bildungsforschung hat belegt, dass dadurch vor allem die Gruppen benachteiligt werden, die unsere Hilfe am nötigsten haben: Dazu zählen vor allem die jüngeren Kinder eines Jahrgangs, die Jungen, die Kinder mit Migrationshintergrund und die Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Insgesamt sind es gut ein Drittel aller Kinder, die auf den Tram-pelpfaden des deutschen Bildungssystems zurückfallen, während Kinder in anderen Ländern gut ausgebaute Straßen vorfinden.

Institutionen übergreifende Bildungspläne schaffen Anschlussfähigkeit. Doch müssen sie auch bundesweit gültig sein. Den zweifelhaften Luxus von 16 verschiedenen Bildungsplänen allein in der frühen Bildung können wir uns nicht länger leisten, zumal deren Qualität enorm variiert.

Eine Neu-Organisation des Bildungssystems ist aus unserer Sicht unumgänglich. Sie verlangt zudem nach neuen Wegen der Kooperation zwischen den handelnden Personen. Dies muss bereits in der Ausbildung berücksichtigt werden. So müssen Frühpädagogen und Grundschullehrkräfte, um ein Beispiel zu nennen, künftig gemeinsam auf hohem Niveau qualifiziert werden - mit allen Konsequenzen auch für ihre Vergütung. Sie müssen in die Lage versetzt werden, Kinder von null bis mindestens zehn Jahren zu begleiten und zu fördern.

Diese Art der Professionalisierung wäre ein entscheidender Schritt zur dringend nötigen Qualitätsverbesserung der frühen Bildung, die den Grundstein legt für erfolgreiche Bildungskarrieren.

Wie wir die Herausforderungen der Inklusion bewältigen können

Ab 2013 hat jedes Kind einen Rechtsanspruch auf Unterricht in Regelschulen, gleich welche Förderung es braucht. Damit kommen große strukturelle, personelle, materielle, räumliche und pädagogische Herausforde-rungen auf das Bildungssystem zu. Doch die Entwicklung zu einem inklusiven Bildungssystem steckt noch in den Kinderschuhen. Sie hat noch nicht einmal die programmatische Ebene erreicht.

Noch wird gewöhnlich auf die alten Konzepte der Integration zurückgegriffen, und man konzentriert sich auf Maßnahmen, die eine Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen bzw. mit Beeinträchtigungen intendiert. Damit hält man jedoch an Konzepten fest, die überwunden werden sollten. Denn sie sind nicht frei von positiver Diskriminierung, selbst wenn sie mit den besten Absichten umgesetzt werden.

Damit inklusive Bildung gelingen kann, müssen zunächst alle Beteiligten ihre innere Haltung überdenken. Wir sollten die vielfältigen Differenzen, die Individuen wie Gruppen aufweisen, bejahen und begrüßen, weil sie einen Reichtum darstellen, den es systematisch für erweiterte Lernerfahrungen sowie für höheren individuellen und kollektiven Gewinn zu nutzen gilt. Dieser Reichtum nährt sich aus den unterschiedlichen individuellen Charakteristika (Alter, Geschlecht, Begabungen, Behinderungen etc.) und aus den verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen.

Auch mit Blick auf das Bildungssystem sprechen wir von Diversität in zahlreichen Formen. So gibt es beispielsweise große Unterschiede in der Politik von Erziehung und Bildung in der frühen Kindheit, in der erzieherischen Praxis und nicht zuletzt in theoretischen Referenzen und Methoden.

Einen anderen Zugang bietet demnach ein Verständnis von Inklusion, das Diversität auf allen Ebenen und einen angemessenen Umgang mit ihr in den Mittelpunkt stellt. Und dafür benötigen wir eine andere Philosophie im Umgang und bei der Bewertung von Diversität. Dies zunächst zu klären, wäre der erste Schritt in die richtige Richtung: Inklusion neu zu konzeptualisieren. Alles andere wäre Rückschritt.

Wie wir angemessen und sinnvoll in Bildung investieren können

Den Bildungsinstitutionen fehlen vielfach die ökonomischen Voraussetzungen, um hohe Bildungsqualität zu sichern und eine für gelungene Inklusion erforderliche Differenzierung und Individualisierung der Bildungsprozesse vorzunehmen. Dabei tragen diejenigen Kinder die Konsequenzen, deren Familien nicht in der Lage sind, solche Defizite auszugleichen.

Auf dem Bildungsgipfel 2008 vereinbarten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Bundesländer bis 2015 sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Bildung investieren zu wollen. Laut dem Bildungsfinanzbericht 2011 gab Deutschland für den international vergleichbaren Teil des Bildungsbudgets aber nur einen Anteil von 4,8 Prozent des BIP aus. Damit liegen wir bei den Ausgaben für Kindertagesstätten, Schulen, Hochschulen und die Berufsbildung nicht nur unter dem Sieben-Prozent-Ziel, sondern auch deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent.

Zudem investieren Bund, Länder und Kommunen das vorhandene Geld nicht effizient. Denn gerade der Elementar- und der Primarbereich sind unterfinanziert, obwohl sie das Fundament für Bildungsbiografien bilden. Dies ist deshalb verwunderlich, da Studien die hohe Effizienz solcher frühen Investitionen nachgewiesen haben.

Investitionen in das Bildungssystem lohnen sich für Individuen und das Gemeinwesen gleichermaßen. So belegt beispielsweise der Sozialbericht 2011: Wer über gute Bildung verfügt, hat auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen, wird seltener arm, lebt gesünder und auch länger. Und wer die individuellen Chancen seiner Bürger fördert, erzielt positive Effekte für sein Wirtschafts- und Sozialsystem.

Bund, Länder und Kommunen müssen eine Form der konstruktiven Kooperation in Fragen der Bildungsfinanzierung eingehen. Sie müssen mehr in Bildung investieren, vor allem in die frühe Bildung. Maßnahmen, die eine solche Zusammenarbeit behindern, gehören abgeschafft. Dazu zählen wir gerade auch das Kooperationsverbot.

Der Didacta Verband spricht sich dafür aus, den Bildungsförderalismus neu zu denken. Der Bildungsplan, die Ausbildung der Fach- und Lehrkräfte und die Finanzierung bedürfen einer zentralen Regulierung, zumindest einer Länder übergreifenden Verständigung. Die konkrete Umsetzung in den Bildungseinrichtungen muss dagegen regionale und individuelle Aspekte berücksichtigen.

Wir müssen den Erzieherinnen, Lehrern, Ausbildern und Trainern unterstützende Hilfsmittel zur Hand geben und stets dafür Sorge tragen, dass sie bestmöglich aus- und fortgebildet werden. Eine Qualitätsoffensive ist möglich, das wird die didacta 2012 zeigen. Was wir jetzt brauchen, ist eine Anschaffungswelle, um die Lehr- und Lernbedingungen auf allen Bildungsstufen zu verbessern.

Weitere Informationen:

Ansprechpartner

Didacta Verband e.V. / Verband der Bildungswirtschaft
Web: http://www.didacta.de

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