Face to Face: Die neue Mündlichkeit im Englisch-Unterricht
Lange vorbei sind die Zeiten des Sprachlabors. Statt auf Wiederholungen setzt die Didaktik heute stärker auf die Kommunikation und mündliche Prüfungen im Fremdsprachenunterricht. Eine Sprache lernen und sprechen können, sind heute keine zwei Paar Schuhe mehr.
13.10.2015 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbHEs gab eine Zeit, da waren die Klassenzimmer voller Papageien. "Als ich angefangen habe zu unterrichten, war das Sprachlabor gerade absolut in", sagt Paul Dennis und schüttelt lächelnd den Kopf. Denn als der Englisch-Lehrer 1978 am Johannes-Gymnasium in Lahnstein, wo er bis heute arbeitet, begann, hieß Sprachlabor nichts anderes als: wiederholen, wiederholen, wiederholen. "Natürlich ist Interaktion viel wichtiger. Man muss miteinander kommunizieren, um eine Sprache zu lernen", so der gebürtige Engländer, der neben seiner Lehrtätigkeit als Autor für den Klett Verlag tätig ist und als Referent Lehrerfortbildungen leitet. Sein Thema: die neue Mündlichkeit. Seine Überzeugung: Learning by using, learning by speaking. Moderner Unterricht, so ist er überzeugt, wird in Englisch durch eine stärkere Output-Orientierung geprägt. Durch den Zuwachs von mündlicher und schriftlicher Sprachproduktion. "Es ist ideal wenn die Schüler im Unterricht miteinander sprechen. Optimal dabei ist natürlich eine einsprachige Umgebung."
Aber was ist das eigentlich genau, diese neue Mündlichkeit? "Die Art, Englisch zu unterrichten, hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verändert. Didaktik und Methodik haben sich dem natürlichen Erwerb der Fremdsprache angepasst", erklärt Dennis. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren kam der Stein dann richtig ins Rollen. Soll heißen: Der Lehrer schafft durch kooperativen, kommunikativen Unterricht bei seinen Schülern, unterstützt durch die zunehmend kommunikative Auslegung der Lehrwerke, nicht nur die Bereitschaft, Englisch zu reden – er gestaltet den Unterricht vielmehr so, dass die Schüler es als ganz natürlich empfinden, die Fremdsprache zu sprechen.
In Klasse 5 kann das natürlich noch nicht funktionieren. Paul Dennis widerspricht heftig: "Es ist auch in der Fünften möglich, einsprachig zu unterrichten. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht." Einfach sei es nicht, gibt der 64-Jährige zu. Schließlich hätten zwar die meisten Schüler schon in der Grundschule Englisch, die unterschiedlich mitgebrachten Voraussetzungen aus der Primarstufe aber stellen den Lehrer auch vor neue Herausforderungen. "Motivation und Motivationsverluste stehen dicht beieinander", sagt der Englisch-Lehrer.
Wichtig bei den Kleinen wie auch später: Comprehensible Input. Das heißt, die Schüler müssen nicht jede Vokabel verstehen, aber den Zusammenhang begreifen. Außerdem können die Kinder von der Sitzordnung profitieren: Die weniger Guten sitzen hier neben den Guten und lernen durch Peer-Tutoring voneinander. "So bauen sie Anfangshemmungen ganz schnell ab", sagt Dennis und erklärt: "Die Bereitschaft, Hilfe von Mitschülern anzunehmen, muss aber erst entwickelt werden." Ein weiterer sehr wichtiger Punkt für ihn: "Man muss als Lehrer eine Atmosphäre schaffen, in der Schüler Fehler machen dürfen." Hilfreich beim Unterricht sind außerdem die neuen Medien. Dennis etwa nutzt sein Smartphone, um Schüler im Gespräch oder beim Rollenspiel aufzunehmen. Für diese Art der Dokumentation ist freilich die vorherige Erlaubnis der Eltern Voraussetzung. Und: Später wird das Video zusammen angesehen und ausgewertet. "Natürlich ist es den Schülern erstmal peinlich, wenn sie sich selbst sehen", sagt er. "Die Scheuen", so Dennis, "dürfen sich aber aufnehmen lassen und können in aller Ruhe zu Hause ihre Performanz selbst evaluieren." Doch die Scheu verlieren sie häufig schnell – die Schüler setzten sich mit ihren Fehlern auseinander, würden Selbstvertrauen gewinnen. Und verstehen hoffentlich, dass sie selbst die Verantwortung für den Spracherwerb tragen.
Außerdem wichtig: Prüfungen. "Bei uns in Rheinland-Pfalz kann ab dem zweiten Halbjahr in Klasse 5 bis zur Klasse 10 eine schriftliche Prüfung durch eine mündliche ersetzt werden", so Dennis. In der 5. hält er vom Prüfen zwar noch nichts – da müsse der Spaß am Lernen im Vordergrund stehen – ein Jahr später könne es aber schon losgehen. In seiner 6. Klasse prüfte er vor zwei Jahren mündlich – mit Erfolg. "Die Ergebnisse waren sehr gut. Die Schüler wollten in der 7. auch eine mündliche Prüfung", sagt Dennis erfreut. Wie bei dem heute gängigen Prüfungsformat mussten seine Schüler in einer Tandem-Prüfung zuerst eine Mini-Präsentation machen, um danach über das gemeinsame Thema zu diskutieren. Die Schüler stellten den Tandem-Partnern vorgegebene Freizeitaktivitäten vor und mussten sich dann im Gespräch gemeinsam für die entscheiden, der sie gerne nachgehen wollen. Ein wunderbarer Weg, so Dennis, um schon die Jüngeren mit Diskurs-Strategien vertraut zu machen.
Um in der Prüfung reüssieren zu können, müssen die Jugendlichen im Unterricht angemessen vorbereitet werden. "Die Vorbereitung durch Scaffolding ist enorm wichtig", so Dennis. Unterstützt werden die Lehrer von neuen Lehrbüchern wie "Green Line". Darin unter anderem: Beispielprüfungen auf CD. Hier können sich Lehrer mit den Kriterien für mündliche Prüfungen auseinandersetzen und sich die Frage stellen: Wie würde ich bewerten?
Genau hier nämlich liegt wohl – zusammen mit der Organisation – das größte Problem der Mündlichkeit: Sie ist deutlich schwerer zu bewerten als Schriftlichkeit. "Das hängt sicherlich mit den mangelnden Erfahrungen mit dieser neuen Prüfungsform zusammen", sagt Dennis. Doch was sind dort die Kriterien?
Im Moment sind diese von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. "Aufgabenerfüllung und verschiedene Aspekte der Sprache wie Aussprache und Intonation, Mimik und Gestik gehören dazu, und der Beitrag des Schülers zum Dialog", sagt Dennis. Lehrer, so ist er überzeugt, müssen sich hier intensiv weiterbilden – und manchmal auf ihr Bauchgefühl hören. Dennis weiß: "Es ist schon ziemlich komplex. Lehrer brauchen Fortbildungsangebote, um im Austausch mit Kollegen Erfahrungen in der Vorbereitung, Durchführung und Bewertung von solchen Prüfungen zu sammeln."
In Zukunft, so wünscht er sich, sollte es mehr mündliche Prüfungen geben – "In Klasse 6, 9 und 12 könnte ich mir solche Tests sehr gut vorstellen." Und hofft, dass weder Ministerien noch Kollegen den größeren Aufwand scheuen. "Es ist mir klar, dass diese Prüfungen sehr gut organisiert werden müssen", sagt Dennis, denn: "Bei einer mündlichen Prüfung sind zwei Kollegen bis in den Nachmittag hinein beschäftigt." Dennoch: Mündlichkeit ist für Dennis eine ungemein wichtige Kompetenz. Er sagt: "Ich bin sehr dafür, dass sie einen anderen Stellenwert bekommt. Und Prüfungen würden auf jeden Fall dazu beitragen." Denn Papageien gehören in den Zoo – und nicht an die Schule. ‹‹
Zur Person
Paul Dennis (64) stammt aus Norwich, in der Grafschaft Norfolk, im Osten Englands. Er lebt seit 1976 in Deutschland und arbeitet seit 1978 am Johannes-Gymnasium in Lahnstein, wo er neben Englisch auch Sport unterrichtet. Er ist dort schulischer Ausbildungsleiter und betreut fächerübergreifend die Referendare. Außerdem ist er als Referent in der Lehrerfortbildung tätig und wird auch nach seiner Pensionierung im kommenden Jahr weiter als Berater und Autor bei "Green Line" aktiv sein.
Klett-Themendienst Oktober 2015, Heide Grehl
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