Interview

„Die Bildungspläne der Koalition sind wichtig - aber sie reichen nicht aus"

SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP haben am 24. November 2021 ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Über die Pläne für den Bildungsbereich sprachen wir mit Bildungsforscher und Didacta-Chefredakteur Professor Wassilios E. Fthenakis.

22.12.2021 Bundesweit Artikel Didacta Verband e.V. / Verband der Bildungswirtschaft
  • © Didacta Verband Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis ist seit Jahrzehnten ist ein anerkannter Experte in der Bildungs- und Familienforschung und politischer Berater. Von 2006 bis 2019 war er Präsident des Didacta Verbandes, dem er heute noch als Ehrenpräsident zur Seite steht. Wassilios E. Fthenakis ist Chefredakteur der Didacta-Magazine.

Herr Professor Fthenakis, wie bewerten Sie die Bildungspläne der neuen Bundesregierung? 
Fthenakis: Im Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP wird ein „bildungspolitischer Aufbruch“ in Aussicht gestellt. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob die gewählten Instrumente ausreichen bzw. geeignet sind, um das hohe Ziel: beste Bildungschancen für jeden, unabhängig von seiner sozialen Herkunft, zu erreichen. Bisherige Erfahrungen und Forschungsbefunde lassen berechtigte Zweifel zu.

Setzt die Ampelkoalition nicht die richtigen Schwerpunkte in ihrem Programm? 
Fthenakis: Eine echte Bildungsreform verlangt mehr als punktuelle Maßnahmen und strukturelle Instrumente. Deutschland braucht eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems, sonst kurieren wir nur Symptome. Wir haben gegenwärtig die Aufgabe, ein Bildungssystem aus der Philosophie und der theoretischen Fundierung des 20. in die des 21. Jahrhunderts zu transformieren. Das ist eine Mega-Aufgabe. Denn eine solche Transformation bedingt die Konstruktion eines neuen Bildungssystems, das ein neuer Architekt von unten nach oben aufbauen sollte.

Was zeichnet ein reformiertes Bildungssystem aus?
Fthenakis: Ein reformiertes Bildungssystems benötigt eine veränderte theoretische Fundierung, die zu einer Neudefinition von Bildung als primär sozialem Prozess führt, die Bildungsziele neu definiert: Anstelle bloßer Wissensvermittlung liegt der Schwerpunkt auf der Stärkung kindlicher Kompetenzen, vor allem von Zukunftskompetenzen.
 
Welche Maßnahmen müssen dafür umgesetzt werden?
Fthenakis: Wir müssen neue didaktische Ansätze einführen, beispielsweise den der Ko-Konstruktion. Wir müssen neue pädagogische Konzepte implementieren, etwa virtuelle Studios. Wir müssen den fachlich begründeten und gesellschaftlich verantworteten Einsatz von neuen Technologien fördern. Die damit gegebenen Bildungschancen müssen wir im Sinne der Individualisierung und des vertieften, nachhaltigen Lernens systematisch nutzen. Wir müssen Lernorte außerhalb der Bildungsinstitutionen in die Lernprozesse einbeziehen und neue Bildungsorte gestalten. Wir brauchen eine Entkolonialisierung der Bildungssysteme. Und nicht zuletzt müssen wir pädagogische Fachkräfte weiter professionalisieren, eine Reform der Ausbildung ist dringend erforderlich.

Sind die im Koalitionsvertrag vorgesehenen Maßnahmen dazu geeignet, bessere Startchancen für alle Kinder zu ermöglichen? 
Fthenakis: Beste Chancen für jedes Kind bereitzustellen und dies bundesweit unter den gegenwärtigen Bedingungen bei der Organisation des Bildungswesens in Deutschland zu sichern, ist meines Erachtens ein nicht zu erreichendes Ziel. Seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Studie bleiben wir im OECD-Vergleich eines der Länder mit der am stärksten ausgeprägten Bildungsdiversität. Die Maßnahmen, die im Koalitionsvertrag präsentiert werden, sind durchaus wichtig, aber bei weitem nicht ausreichend.
 
Wo müsste die Politik ansetzen?
Fthenakis: Ein Beispiel: In Deutschland gibt es 16 verschiedene Bildungspläne für Kinder im Vorschulalter - mit unterschiedlicher Qualität. Damit legen wir das Fundament für ungleiche Chancen. Der KMK ist es nicht gelungen, über die Harmonisierung dieser Pläne und deren Weiterentwicklung eine bundesweit geltende Grundlage für die Bildung unserer Kinder sicherzustellen. Ein Staatsvertrag zwischen den Ländern könnte helfen, ein solches Ziel zu erreichen.
 
Schulpolitik ist Ländersache. Die neue Bundesregierung schlägt nun ein Kooperationsgebot vor, um eine engere Zusammenarbeit aller Ebenen zu ermöglichen. Welche Chancen geben Sie diesem Vorhaben? 
Fthenakis: Die neue Bundesregierung setzt auf ein Kooperationsgebot auf allen Ebenen, das an sich sinnvoll und längst fällig ist. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie die CSU/CDU-regierten Bundesländer darauf reagieren werden. Bisherige Erfahrungen von beiden Seiten begründen keinen Optimismus. Dennoch: Dem Kooperationsgebot sollte eine reelle Chance eingeräumt werden. Die Zeit in der Bildungsherausforderungen lokal bewältigt wurden, ist unwiderruflich vorbei.
 
Als Bildungsforscher und Politikberater gestalten Sie die deutsche Bildungslandschaft seit vielen Jahrzehnten kritisch-konstruktiv mit. Wo sehen Sie Deutschland heute im internationalen Vergleich? 
Fthenakis: Im internationalen Bereich bleiben wir in vielen Bereichen zurück. Das wird auch durch die Befunde der vorliegenden internationalen Vergleichsstudien bestätigt, ohne dass bislang daraus Konsequenzen gezogen wurden. Wir sichern uns lediglich einen Platz im Mittelfeld.
 
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Fthenakis: Die Digitalisierung im Bildungswesen ist ein bezeichnendes Bespiel: Alle bisherigen Anstrengungen erschöpften sich in der Bereitstellung von Hardware. Diese ist notwendig, keine Frage, aber bei weitem nicht ausreichend. Denn die erwarteten Effekte der Digitalisierung treten nur ein, wenn neben der Infrastruktur auch geeignete pädagogische Konzepte, die Professionalisierung der Fachkräfte und eine starke Einbeziehung der Eltern mitgedacht werden. In keinem Bildungsplan habe ich eine hinreichende Einbettung der digitalen Kompetenz als transversale Kompetenz gefunden, und fast alle Pläne haben nicht einmal auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagiert, was international bereits Realität ist.
 
Wie kann die Bildungswirtschaft zur Weiterentwicklung des Bildungssystems beitragen? 
Fthenakis: Die Bildungswirtschaft trägt seit langem mit konkreten, qualitativ hochwertigen Angeboten dazu bei, Bildungsqualität zu sichern und weiterzuentwickeln. Der Didacta Verband, als Repräsentant der deutschen Bildungswirtschaft im In- und Ausland, hat die fachliche Debatte über die Entwicklung des Bildungssystems vorangetrieben und stellt mit der didacta-Messe eine Plattform bereit, auf der sich Praxis, Fachlichkeit, Politik und Wirtschaft jedes Jahr zum Austausch treffen. Der Verband bleibt als Partner bei den anstehenden bildungspolitischen Aufgaben kooperationsbereit.

Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis lesen Sie hier.



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