Kluft zwischen armen und reichen Kindern wächst

(redaktion/pm) In Deutschland wächst die Kluft zwischen den Kindern, die gesund, abgesichert und gefördert aufwachsen und solchen, deren Alltag durch Hoffnungslosigkeit, Mangel und Ausgrenzung geprägt ist. Zu diesem Ergebnis kommt der "UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland", der in Berlin vorgestellt wurde. Damit bleibt Deutschland im internationalen Vergleich der Industrienationen Mittelmaß, wenn es um darum geht, eine verlässliche Lebensumwelt für Kinder zu schaffen und den Ausschluss von benachteiligten Kindern zu verhindern.

26.05.2008 Artikel
  • © Unicef/Beck

Führende deutsche Kindheitsforscher kritisieren darin, dass Politik und Gesellschaft das Wohlergehen von Kindern bis heute nicht als den zentralen Maßstab für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft ansehen. Und das sind die Ergebnisse des Berichts:

  • 35 bis 40 Prozent der deutschen Kinder in Ein-Eltern-Familien wachsen in relativer Armut – und bleiben oft auch über lange Phasen ihrer Kindheit arm.
  • Chronische Krankheiten, Übergewicht und Verhaltensauffälligkeiten haben insbesondere bei benachteiligten Kindern stark zugenommen.
  • Der Schulerfolg von Kindern hängt stark vom Schulabschluss der Eltern ab. Entscheidend sind auch die Arbeitslosigkeit und der Migrantenanteil im Wohnumfeld. Es zeichnet sich eine Konzentration von schwächeren Schülern an bestimmten Schulen bei gleichzeitiger Abwanderung bildungsbewusster Familien ab.
  • Kinder aus ausländischen Familien besuchen in den ersten Lebensjahren seltener Kindergarten und sind in Sonder- und Hauptschulen stark überrepräsentiert.

Unter der Federführung von Hans Bertram untersuchten Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, des Robert-Koch-Instituts, der Berliner Humboldt Universität, der TU Chemnitz und des Deutschen Jugendinstituts verschiedene Dimensionen des Aufwachsens: materielle Risiken, Bildungschancen in Kindergarten und Schule, Gesundheit und Fragen der Migration. Sie vertieften damit die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie von UNICEF zur Situation von Kindern in den OECD-Ländern vom vergangenen Jahr. Damals lag Deutschland in keiner Dimension des kindlichen Wohlbefindens auf einem der vorderen Ränge, sondern im Durchschnitt beim Vergleich von 21 Ländern auf Platz 11. Der jetzt vorgelegte Bericht überträgt das UNICEF-Konzept des kindlichen Wohlbefindens auf Deutschland und soll regelmäßig fortgesetzt werden.

Armutsrisiken: Untersuchungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass Kinder von allein erziehenden Eltern stark von dauerhafter Armut bedroht sind. Selbst wenn der Vater oder die Mutter voll berufstätig ist, leben mehr als zwei Drittel dieser Kinder im Laufe ihrer Kindheit und Jugend mindestens ein Jahr lang in Armut – zehn Prozent sogar dauerhaft.

Gesundheit: Bei 15 Prozent der Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren gibt es Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme. Bis zu 17 Prozent der Jugendlichen sind übergewichtig. Und in keinem anderen Industrieland rauchen so viele Kinder und Jugendliche wie in Deutschland. 20,5 Prozent der elf bis 17-jährigen Jungen und 20,3 Prozent der Mädchen rauchen.

Bildung: Das hoch selektive deutsche Bildungssystem grenzt nicht nur die schwächeren Schüler aus. Offensichtlich fördert es auch die besseren Schüler nicht so, dass sie im internationalen Vergleich mithalten könnten. In zwölf Prozent der Schulen in Deutschland haben mehr als die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund.

Frühkindliche Förderung: Jüngere Kinder aus benachteiligten Familien profitieren besonders davon, wenn sie eine Tageseinrichtung besuchen. Zum einen ermöglicht dies den Eltern berufstätig zu sein. Zum anderen bekommen sie dort wertvolle Anregungen und Unterstützung beim Spracherwerb. In Westdeutschland besuchen jedoch trotz verstärkter Anstrengungen nur 6,2 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Betreuungseinrichtung – in Ostdeutschland sind es 36,6 Prozent.

Kinder mit Migrationshintergrund: Etwa 17 Prozent der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund verlassen die Schule ohne Abschluss – in Baden-Württemberg sind es sogar 30 Prozent, in Hamburg und Berlin 25 Prozent.

"Es geht es nicht nur um eine bessere materielle Versorgung von Kindern. Genauso wichtig ist es, Eigenaktivität, Verantwortungsgefühl, und Konfliktfähigkeit von klein auf zu fördern, um Kinder für die Herausforderungen einer globalisierten Arbeitswelt stark zu machen", sagte Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender von UNICEF-Deutschland.

"Die Politik muss ihren in Ressorts zersplitterten Ansatz überwinden und das Wohlergehen von Kindern in ihren vielfältigen Lebenswelten in den Mittelpunkt stellen", betonte der Herausgeber des UNICEF-Berichts, Professor Dr. Hans Bertram.


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