Interview

Mit elektronischen Medien (auch) für das Buch begeistern

(red) Nicht erst mit dem Siegeszug des Computers kam die Befürchtung auf, das Buch könne verdrängt werden. Auch andere Medien wie Radio, Fernsehen und Film sahen sich bereits dem Verdacht ausgesetzt, sie könnten zum Niedergang der Buchkultur beitragen. Dass all die Medien sich ergänzen und sogar gegenseitig beflügeln, zeigt ein Unterrichtsprojekt der Universität Hamburg. Mehr darüber und über die Chancen von interaktiven Kinder-E-Books im Interview mit [Marc Kudlowski](http://www.epb.uni-hamburg.de/node/4982). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg und Juror der [GIGA-Maus](http://www.gigamaus.de). Der Software-Preis ist derzeit ausgeschrieben und wird auf der Frankfurter Buchmesse verliehen.

26.06.2012 Artikel
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Herr Kudlowski, Sie forschen über ´Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund`. Das heißt, Kinderliteratur findet längst nicht mehr nur zwischen zwei Buchdeckeln statt?

Marc Kudlowski: Das ist richtig! Man sollte die Geschichten losgelöst von den Buchdeckeln sehen, denn auch audiovisuelle Medien erzählen Geschichten für Kinder und sind in deren kinderkultureller Praxis im Rahmen eines Medienverbunds überaus präsent: Parallel zur Buchpublikation erscheint zumeist bereits das Hörbuch, kurze Zeit später erscheinen Hörspiel, Film, Fernsehserie oder Computerspiel.

Das Buch gerät also mehr und mehr in den Hintergrund?

Marc Kudlowski: Tatsächlich spielen für Kinder die audiovisuellen Medien eine wichtige Rolle. Über diese Medien lernen sie die Figuren kennen. Kinder aus schriftfernen Sozialisationen können - bei entsprechender Ausrichtung des Unterrichts - dieses Vorwissen einbringen. Sie besitzen hierdurch eine grundlegende narrative Orientierung in der Struktur der Geschichte. Hieran anknüpfend ist es gut möglich, sie auch für das Buch zu faszinieren. Also für das, was es jenseits der ihnen vertrauten audiovisuellen Medien auch zu Ritter Trenk oder zu Pippi Langstrumpf oder zu einer anderen im Medienverbund vermarkteten Geschichte gibt.

"Die Geschichte wird über die verschiedenen Medien erfahren"

Das heißt im Deutschunterricht werden mehr Medien genutzt als nur das Buch?

Marc Kudlowski: Es nimmt zu, dass Lehrerinnen und Lehrer sich öffnen für andere Medien, dies vor allem dann, wenn sie konkrete Ideen haben für das, was mit kinderliterarischen Medienverbünden im Unterricht getan werden kann. Wir haben eine Methode entwickelt, die sich ´intermediale Lektüre` nennt. Dabei werden im Unterricht alle Medien miteinander verschränkt. Über das Ineinander der verschiedenen Medien wird dann die Geschichte erfahren. Also ganz konkret am Beispiel ´Momo` von Michael Ende: Bei diesem Unterrichtsprojekt haben wir das Buch, das Hörspiel, den Realfilm, den Zeichentrickfilm und die KiKa-Zeichentrickserie genutzt. Und das heißt für den Unterricht: Man beginnt die Geschichte mit einem Medium, beispielsweise mit dem Buch, setzt mit einem weiteren Medium fort - es kann der Zeichentrickfilm sein - kann dann wieder zum Buch kommen und anschließend wird noch das Hörspiel eingesetzt. Es wird also nicht das Buch von Anfang bis Ende gelesen, sondern die Geschichte wird - in einer Unterrichtseinheit von etwa zwei Wochen - über die verschiedenen Medien erfahren.

Und das Ergebnis ist dann …?

Marc Kudlowski: In unserem Projekt haben wir den Kindern am Ende ein Medienpaket aus all diesen Medien bereit gestellt, das sie mit nach Hause nehmen konnten. Eine Woche später haben wir nachgefragt, was sie mit diesen Medienpaketen gemacht haben. Das Ergebnis war signifikant: 16 von 20 Kindern wollten das Buch lesen, die audiovisuellen Medien hatten nicht mehr das Gewicht der Ausgangserhebung – der Medienzugriff in dieser qualitativen Stichprobe hat sich, um es vorsichtig zu formulieren, leicht verschoben. Die Mehrzahl der Kinder konnte Momo mittels ihrer Lesefertigkeiten noch nicht eigenständig rezipieren und haben daher ihre Eltern gebeten, ihnen das Buch vorzulesen. Einige haben auch versucht, selbst zu lesen. Der Grund für ihre Entscheidung war: Sie wollten mehr erfahren über die Details und die Facetten der Figur(en). Sie haben aus eigenem Antrieb zum Buch gegriffen.

"Kinder können sich die Handlungsorte besser vorstellen"

E-Books und die interaktiven Kinderbücher, wie sie zum Beispiel mit Apps umgesetzt werden, gehören noch nicht zu dem von Ihnen genannten Medienverbund. Warum?

Marc Kudlowski: Prinzipiell stehe ich Produkten, die den Medienverbund bereichern, positiv gegenüber. Beim reinen E-Book, das nur eins-zu-eins übertragen wird, sehe ich allerdings keinen Mehrwert. Anders könnte es bei interaktiven E-Books sein, wenn medienspezifische Möglichkeiten genutzt werden können. Vorstellbar ist, dass etwa der Hypertext die Chance für Verzweigungen in der Narration bietet. Die Frage hierbei lautet allerdings: Wollen Kinder überhaupt selbst eine Entscheidung darüber treffen, wie die Geschichte ausgeht? Deshalb scheint mir etwas Anderes interessanter: nämlich, dass die Kinder mit den einzelnen Figuren interagieren können, um mehr über sie zu erfahren - so wie man das aus klassischen Point-&-Klick-Adventures kennt. Gleichzeitig bleibt aber die Handlung stringent und das Interagieren ist eine zusätzliche Option.

Das heißt, auch interaktive E-Books könnten in das von Ihnen beschriebene Unterrichtskonzept einfließen?

Marc Kudlowski: Wenn das Medium kinderkulturell verankert ist, kann ich mir vorstellen, es auch im Literaturunterricht einzusetzen. Etwa, damit die Kinder sich die Handlungsorte besser vorstellen können. Denken Sie zum Beispiel an ´Herr der Diebe` von Cornelia Funke - hier sind die Handlungsorte für Kinder allein durch das Buch nur schwer zu imaginieren. Und ich erlebe immer wieder, dass der Text an ihnen quasi vorbeirauscht. Ein anderes Medium aber - ob Film oder App - könnte diese Orte sichtbar machen, um damit Vorstellungsbildungen anzuregen und damit das Ursprungsmedium Buch überhaupt erst rezipierbar werden zu lassen.


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