Chancengleichheit

tlv und LEV fordern Aussetzung des geplanten inklusiven Schulgesetzes

Lehrergewerkschaft und Elternvertreter verabschieden gemeinsame Resolution.

07.06.2016 Thüringen Pressemeldung thüringer lehrerverband
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Mit einer sieben Punkte umfassenden Resolution haben sich der tlv thüringer lehrerverband und die Landeselternvertretung (LEV) am 7. Juni deutlich gegen das geplante inklusive Schulgesetz ausgesprochen. Die Verabschiedung eines solchen Gesetzes sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt für keinen der Beteiligten von Vorteil, weil es nach wie vor an den notwendigen Bedingungen mangele, so Stefan Nüßle, Landeselternsprecher der Förderschulen. 

Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv, fügt hinzu, dass der zwingend notwendige erste Schritt die Schaffung der Rahmenbedingungen sei. „Ohne konsequente Doppelbesetzungen in allen betroffenen Klassen kann es nicht funktionieren. Ebenso wenig gelingt Inklusion ohne die entsprechenden baulichen und räumlichen Voraussetzungen an den Schulen. Momentan ist für den Gemeinsamen Unterricht nur jeweils eine halbe sonderpädagogische Stelle vorgesehen. Und viele unserer Schulen sind noch nicht einmal barrierefrei.“ Außerdem brauche man eine weitreichende multiprofessionelle Vernetzung der Schulen, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Fort- und Weiterbildung der Lehrer und Sonderpädagogen im Gemeinsamen Unterricht sei ebenfalls noch nicht in ausreichendem Maße sichergestellt. 

Stefan Nüßle liegt vor allem der Erhalt und die Stärkung der Förderzentren am Herzen. „Wenn der jetzige Trend verwirklicht wird, gibt es bald nur noch Förderzentren ohne Schüler. Diese sind dann reine Beratungs- und Kompetenzzentren, die ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr gerecht werden können. Dabei wird vollkommen außer Acht gelassen, dass angesichts der derzeitigen Bedingungen viele Eltern von Schülern mit Förderbedarf ihre Kinder lieber in einem Förderzentrum sähen als in einer regulären Schulklasse. Denn sie wissen, dass dort momentan nicht optimal gearbeitet werden kann.“ 

Aktuelle Zahlen verdeutlichen die Problematik 

Im Jahr 2009 hat sich Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet hat. Seitdem ist der Anteil an Schülern mit Förderbedarf, die an einer Regelschule unterrichtet werden, massiv angestiegen. „Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass dieser Anteil zwischen den Schuljahren 2008/09 und 2013/14 deutschlandweit um 71% angestiegen ist“, erläutert Busch. „Noch extremer ist der Anstieg in Thüringen: 2008/09 waren es noch 16,9%, im Schuljahr 2013/14 bereits 31,4%. Die Schülerzahlen haben sich also fast verdoppelt. Für die Zahl der Sonderpädagogen im Schuldienst trifft das allerdings bei Weitem nicht zu.“ 

Interessant sei, so fügt Nüßle hinzu, dass gleichzeitig die Anzahl der Schüler an den Förderzentren kaum zurückgehe. Die sogenannte Exklusionsquote sei im selben Zeitraum deutschlandweit von 4,9% auf 4,7% gesunken. „Es gibt immer mehr Schüler, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wird“, erklärt Nüßle. „Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen mehr in den Fokus gerückt sind. Bei der Inklusion dieser Schüler gibt es jedoch naturgemäß völlig andere Schwerpunkte als bei der Inklusion von Kindern mit körperlichen Handicaps.“ 

Generell warnen tlv und LEV davor, Inklusion allein nach den Wunschquoten auszurichten. „Ein hoher Anteil von Förderschülern an Regelschulen sagt leider noch gar nichts darüber aus, ob das einzelne Kind tatsächlich optimal beschult wird“, stellt Busch fest. „Wir plädieren deswegen dafür, unabhängig von den Quoten für jedes Kind individuell zu prüfen, welche die beste Option ist. Der Übergang an eine Regelschule darf nur dann erfolgen, wenn die Bedingungen rundherum stimmen.“ 

Resolution steckt die Bedingungen ab 

Um ihren Widerstand gegen das neue Gesetz zu fundieren, haben tlv und LEV gemeinsam eine Resolution erarbeitet. Diese listet die aus Sicht der Lehrer und Eltern notwendigen Maßnahmen auf, die umgesetzt werden müssten, bevor Inklusion gelingen kann. Die Liste umfasst neben der konsequenten Doppelbesetzung in allen inklusiven Klassen die entsprechende räumliche Ausstattung der Schulen, ein geeignetes Weiterbildungsangebot für die Lehrer im Gemeinsamen Unterricht und Freiräume in den Stundenpools, die für die Vernetzung aller beteiligten Lehrer, Sonderpädagogen und gegebenenfalls Sozialarbeiter genutzt werden können. 

Experten aus der Praxis zu Rate ziehen 

Der letzte Punkt der Resolution zielt auf die Schaffung einer fundierten Basis aus Fakten ab. „Aus unserer Sicht ist die Erstellung eines wissenschaftlichen Gutachtens zur Evaluation von Gemeinsamem Unterricht und der Förderschullandschaft in Thüringen unbedingt notwendig“, so Busch. „Dieses Gutachten muss von tatsächlich unabhängigen Wissenschaftlern erstellt werden. Unterstützung sollte dabei ein Beraterkreis aus Thüringer Praktikern leisten.“ 

Außerdem, so Busch weiter, gebe es trotz aller Schwierigkeiten auch Schulen, an denen die Inklusion bereits funktioniert. „Es ist jetzt wichtig zu schauen, worauf sich dieser Erfolg begründet. Diese Erkenntnisse können uns dabei helfen zu erreichen, dass auch landesweit alle Beteiligten von Inklusion profitieren.

Vorher sehen weder der tlv noch die LEV einen Sinn in der geplanten Gesetzgebung. Nüßle betont, dass momentan auch kein zwingender Grund für eine grundlegende Überarbeitung von Schul- und Förderschulgesetz bestünde: „Der Gemeinsame Unterricht und der Betrieb von Förderzentren sind auch auf der Basis der bestehenden Gesetzgebung sichergestellt.“ Was die Schulen jetzt am meisten bräuchten sei Ruhe – insbesondere angesichts der schwierigen Personalsituation und neuer Herausforderungen bei der Beschulung von Flüchtlingskindern. 


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